Nackt im Museum

Gästebücher sind so eine Sache - dem einen reine Freude, dem anderen purer Horror. Vor allem, wenn man was Gereimtes hinschreiben soll, um sein Gefallen zu bekunden.

Nicht-Gefallen wird naturgemäß weniger gern gesehen und sollte, vor allem, wenn es um private Veranstaltungen geht ("Der Kartoffelsalat schmeckte seltsam, und Brigitte ist auch verdammt alt geworden") nicht bekundet werden. Auch bei Hochzeiten liegen diese oft in werthaltige Seide gebundenen Exemplare im Eingangsbereich und harren gern auch der gereimten Bewertung. Wer schon von vornherein weiß, dass ihm absolut nix einfällt, kann sich sicherheitshalber einiges notieren und den Zettel in der hohlen Linken halten, während er mit der Rechten schreibt. (Kleiner Tipp: Wer auch nach den Feierlichkeiten noch zum Freundeskreis des Brautpaars gehören möchte, sollte dann vielleicht nicht unbedingt Johann Nestroy zitieren: "Ehen werden im Himmel g'schlossen, darum erfordert dieser Stand auch meistens überirdische Geduld", oder, noch riskanter, Oscar Wilde: "Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist.") Gästebücher liegen aber auch in Pensionen und Hotels aus, und wenn der Gast zum Frühstücksraum strebt, kann es passieren, dass er neben dem Wurstangebot das Buch entdeckt, aufgeschlagen an den unbeschriebenen Seiten, die eine stumme Bitte aussenden: Mach mich voll. Dass die meisten Einträge nur vom schönen bzw. schlechten Wetter handeln und dass es ansonsten ganz schön war, inspirieren dann leider auch nicht gerade zu literarischen Höhenflügen. Anders verhält es sich offenbar bei Gäste- beziehungsweise Besucherbüchern, die in Museen den Kunst-Aficionado zu Kurzkritiken auffordern. Das Kunstmagazin arte hat sich einen Spaß daraus gemacht, einige der Besucherkommentare zu sammeln. Und siehe da, der Museumsbesucher plaudert oder schreibt frisch und frech von der Leber weg, was Familie B. aus Osnabrück in der Pension Elvira auf Helgoland wohl niemals so schreiben würde. Ein Besucher des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt etwa scheint weniger an den Objekten interessiert zu sein als eher daran, wie es dazu kam: "Egal, was der Künstler genommen hat, ich will es auch mal ausprobieren", schreibt der Anonymus ins Buch. Und ein Besucher des ebenfalls in Frankfurt beheimateten Städelmuseums macht seinem Unmut Luft, weil er taschenlos durch die Hallen wandeln musste: "Keine Taschen, keine Mäntel: Sie haben in diesem Museum eine derart stupide Kleiderordnung, dass sie Besucher nur noch nackt in ihre Hallen lassen sollten." Richtig sauer, weil in Sorge um seine psychische Gesundheit oder in Trauer um sein Eintrittsgeld, war ein Besucher der Ausstellung "Venedig. Stadt der Künstler" im Hamburger Bucerius Kunst Forum: "Ständig höre ich ,Das ist schön', ,Die haben hier echt schöne Sachen.' Scheiß mal drauf! Schönheit gibt es auch kostenlos draußen. Was macht die Ausstellung mit einem im Inneren?" In Frankfurt scheinen die Museumsbesucher allerdings am schreibfreudigsten zu sein, urteilt man nach der Menge der zitierten Gästebücher. Hier scheut man allerdings auch nicht davor zurück, gravierende Lücken rund ums Kunstwissen zuzugeben, wie der Eintrag eines Besuchers oder einer Besucherin kundtut: "Und ich dachte, Dubuffet wäre eine Anrichte." Rainer Nolden Unterm Strich - Die Kulturwoche