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Narrenschiff vor dem Untergang gerettet

Narrenschiff vor dem Untergang gerettet

Es wird die ungewöhnlichste Produktion der Theatersaison, in vielerlei Hinsicht: Am Samstag erlebt das neue Tanztheater-Stück "Das Narrenschiff" von Sven Grützmacher seine Uraufführung. Dass es in dieser Form zustande kommt, ist ein kleines Wunder.

Trier. Ein weißer Wald aus kahlen Baumstämmen und Ästen, ein Becken mit 6000 pechschwarzen Plastikbällen, eine klaustrophobische Holz-Box, die mit Äxten zerlegt wird: Was der Trierer Künstler Bodo Korsig da gebaut hat, ist ein außergewöhnliches Bühnenbild für eine außergewöhnliche Theater-Produktion. Begeistert scrollt er auf seinem Laptop die magischen Video-Bilder herunter, mit denen der Filmemacher Pavel Schnabel die Handlung begleitet.
Auch wenn man alles zunächst nur auf dem kleinen Schirm sieht, stellt sich das Gefühl ein, da komme etwas Besonderes auf die Trierer zu.
Wahnsinn des Alltags



Ein Schiff wird es auf der Bühne nicht geben. Das passt zur Aussage von Choreograph Sven Grützmacher, er habe sich bei der Umsetzung des legendären Moral-Romans von Sebastian Brant "nicht vordergründig am Buch orientiert". Von den 112 Geschichten sind 18 geblieben, rund um die Figuren der Träumerin und des Narren. Musik von Monteverdi über Schubert bis Rammstein treibt die Handlung an, alle zwölf Mitglieder des Trierer Tanztheater-Ensembles sind in vollem Einsatz.
Grützmacher und Korsig lassen ihre Protagonisten durch den Wahnsinn eines zeitgenössischen Alltags ziehen, konfrontieren sie mit Ängsten und Extremsituationen. "Nur da zeigt sich, wie ein Mensch tickt", sind beide überzeugt.
Eine Spur Wahnsinn durchzieht auch die Entstehungsgeschichte der Produktion. Grützmachers Ideen überzeugten Korsig, Triers wohl präsentesten Gegenwarts-Künstler, sich zum ersten Mal als Bühnenbildner zu betätigen. Schnell merkte man, dass man künstlerisch auf einer Wellenlänge lag, ein Entwurf für die Ausstattung entstand.
Doch dann geriet das Theater in die Mühle der städtischen Einsparrunden, und für das Bühnenbild war von den ursprünglich geplanten, ohnehin nicht üppigen 10 000 Euro nur noch ein Bruchteil übrig. Das Gemeinschaftswerk stand auf der Kippe. Nachdem der TV darüber berichtet hatte, meldete sich Andrea Weber vom Hotel Deutscher Hof und erklärte sich bereit, einen beachtlichen Teil der Summe zu spenden - pikanterweise von jenem Geld, das die Stadt zunächst als "Kultur-Euro" eingesackt hatte und dann aufgrund eines Gerichtsurteils wieder zurückzahlen musste. Webers Beispiel machte Schule: Weitere zehn Spender, teils Unternehmer, teils Privatleute, stockten das Budget auf 10 200 Euro auf - die Produktion war gerettet. "Ein wichtiges Zeichen, dass die Trierer zu ihrem Theater stehen", freuen sich die Künstler. Zum Dank haben sie die Sponsoren zu einer Hauptprobe am heutigen Mittwoch eingeladen.
Die Geldgeber werden damit die Ersten sein, die das beinahe fertige Werk bewundern können. Ein vergnügliches Spektakel wartet dabei freilich nicht auf sie. "Zum Totlachen ist das Stück sicher nicht", sagt Bodo Korsig mit dem ihm eigenen trockenen Humor, "aber dafür kann jeder einiges über sich selbst entdecken".
Premiere am 3. November, Vorstellungen am 11., 16., 23. November, 1., 7., 18. Dezember, 27. Januar, 2. Februar. Werkseinführung vor jeder Vorstellung.
Bodo Korsig und Sven Grützmacher stellen ihre Produktion und die Begleitumstände am morgigen Donnerstag, 1. November, um 19 Uhr im "Kunstsalon" der Trierer Tufa vor.
Extra

"Das Narrenschiff" von Sebastian Brant, erschienen im Jahr 1494, gilt als wichtigstes und meistverbreitetes deutsches Buch im späten Mittelalter. In satirischen Kurzgeschichten behandelt der Autor anhand typischer Figuren moralische Fragen. Eine Hundertschaft von Narren ist per Schiff unterwegs ins fiktive Land Narragonien, und diese Ausgangssituation liefert Brant reichlich Stoff, um menschliche Schwächen aufs Korn zu nehmen. Das Motiv des "Narrenschiffs" inspiriert bis heute die unterschiedlichsten Künstler zu einer Auseinandersetzung. DiL