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Naturfilmer und Umweltschützer Dirk Steffens im Interview – „Das Artensterben bedroht unsere Existenz“

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview : Naturfilmer Dirk Steffens: „Das Artensterben bedroht unsere Existenz“

Naturfilmer und Umweltschützer Dirk Steffens spricht über seine Ökobilanz und verrät, wie es um seinen Glauben an die Menschheit steht.

Eine Reise in die Tiefen des Ozeans verspricht die Veranstaltung „Unser blauer Planet II – Live in Concert“. Fernsehjournalist Dirk Steffens moderiert die Mischung aus Naturfilm und Sinfoniekonzert am 12. März in der Trierer Arena. Bekannt ist Steffens vor allem als Moderator des ZDF-Doku-Formats „Terra X“. Im TV-Interview erzählt er, warum er sich besonders dem Artenschutz verschrieben hat.

Am 12. März sind Sie mit „Unser blauer Planet II – Live in Concert“ in Trier. Was erwartet die Besucher bei der Show?

DIRK STEFFENS Viele Menschen sehen ja gerne Tierfilme im Fernsehen. Wenn man glaubt, das sei ähnlich, kann man das aber komplett vergessen. Unsere Show ist etwas vollkommen anderes. Das fängt schon an bei der Größe unserer Ultra-HD-LED-Wand. Die ist so groß ist wie ein kleinerer Fußballplatz. Darauf sieht man Bilder in einer unglaublichen Klarheit und Intensität. Außerdem gibt es keinen Sprechertext, sondern ein fast 100-köpfiges Philharmonie-Orchester unter der Leitung von Dirigent Matthew Freeman spielt live oscarprämierte Filmmusik von Hans Zimmer. Während der Filmsequenzen stehe ich hinter dem Vorhang, linse raus und gucke in die Gesichter des Publikums. Da sehe ich gestandene Frauen und Männer, die heulen, lachen und vor Aufregung schreien, weil sie Tiere bei ihren täglichen Abenteuern beobachten. Das ist ein sehr, sehr intensives Natur- und Kulturerlebnis.

Bekannt sind Sie vor allem aus der ZDF-Sendung „Terra X", die Sie seit 2007 moderieren, und dafür, dass Sie sich kritisch mit dem Thema Umweltverschmutzung auseinandersetzen. Die Show legt aber eher den Fokus auf ästhetische Bilder, untermalt von schöner Musik, wie Sie gerade sagten. Wie passt das zusammen?

STEFFENS Das gehört zwingend zusammen. Denn wir wollen ja keine hässliche, kaputte Natur retten, sondern die schöne, intakte Natur. Wir müssen erstmal zeigen, worum es überhaupt geht, wenn wir über Umwelt reden. Wir thematisieren auch das Plastik im Meer. In Großbritannien gibt es den sogenannten Blue-Planet-Effect. Nach Ausstrahlung der „Blue Planet II“-Serie in Großbritannien hat es unzählige Initiativen von Privatmenschen, Unternehmen und Politikern gegeben, die einen strengeren Meeresschutz fordern. Tatsächlich hat Großbritannien daraufhin eine ganze Menge beschlossen. Infolge der Ausstrahlung dieser BBC-Serie hat dort der Meeresschutz eine völlig neue Qualität bekommen. Daran sieht man, was mit schönen Bildern, die die ganze Wahrheit erzählen, bewirken kann. Deshalb spielen diese ästhetischen Filmaufnahmen eine genauso große Rolle beim Umweltschutz wie die schlimmen Bilder von Ölkatastrophen, von der Massentierhaltung oder brennenden Wäldern.

Wie sind Sie zum Naturfilmen gekommen?

STEFFENS Das ist schnell erzählt: Ich war sechs Jahre alt und im Fernsehen lief ein Film von Bernhard Grzimek. Von da an wusste ich, was ich machen will.

In der Vergangenheit wurden Sie als „Indiana Jones des ZDF“ betitelt. Wie viel Abenteurer steckt in Ihnen?

STEFFENS Ich liebe Abenteuer, nur nicht beim Arbeiten. Die Abenteuer erlebe ich normalerweise nicht, wenn ich mit dem ZDF-Team unterwegs bin. Denn Abenteuer stören beim Arbeiten. Wenn man auf einer Dienstreise Abenteuer erlebt, dann hat man sie nicht professionell geplant. Wenn ich mal frei habe und privat verreise, dann mag ich das sehr. Vor kurzem war ich mit meiner Frau in Südafrika in den Drakensbergen wandern. Wir hatten alles, was man zum Leben braucht, auf dem Rücken. Wir mussten Flusswasser trinken, uns selbst den Weg suchen und gucken, in welcher Höhle wir schlafen können. Aber bei der Arbeit haben wir andere Dinge zu tun. Wenn man rausgeht in die Natur, zum Beispiel als Backpacker, dann darf man nicht vergessen, dass man vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Für sowas haben wir beim Arbeiten keine Zeit. Wenn wir drehen, arbeiten wir 14 bis 16 Stunden am Tag. Da muss alles reibungslos funktionieren.

Für Ihre Natursendungen haben Sie rund 120 Länder bereist. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

STEFFENS Die nächste Reise ist für mich immer das größte Abenteuer und das schönste Ziel. Ich verreise nicht, um Stecknadeln auf meine Weltkarte zu pinnen. Mich interessieren neue Geschichten, ich will etwas Neues über diesen Planeten lernen. Eine Geschichte, die ich schon erlebt und erzählt habe, ist deshalb potenziell weniger spannend als eine, die ich noch nicht kenne. Unsere nächste Expedition führt nach Kasachstan, wo ich dabei sein werde, wenn die vom Aussterben bedrohten Saigaantilopen ihre Jungen kriegen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Aber wenn Sie mich fragen, wo ich am liebsten bin, dann zu Hause in Norddeutschland.

Welches Erlebnis hat Sie bei Ihrer Arbeit als Naturfilmer am nachhaltigsten beeindruckt?

STEFFENS Mit 16 Jahren bin ich zum ersten Mal um die Welt getrampt, jetzt bin ich 52. In dieser Zeit habe ich so viel Zerstörung erlebt und das hat mich am meisten geprägt. Ich wollte nie Umweltaktivist werden, aber durch meinen Beruf bin ich da hineingeschlittert. Dann sieht man so viel und das verändert einen. Da gibt es leider ganz viele. Im vergangenen Jahr war ich in Tschernobyl und habe mir den Reaktor-Block, der explodiert ist, und den angrenzenden Ort angesehen, der evakuiert wurde. Das war ein eindrucksvolles Erlebnis.

Wenn Sie auf Ihren Reisen so viel von Menschenhand gemachte Zerstörung sehen, haben Sie dann den Glauben an die Menschheit verloren?

STEFFENS Ich hatte nie einen Glauben an die Menschheit, weil Menschen nur Wesen sind wie alle anderen auch. Jedes Lebewesen, ob Pflanze oder Tier, vermehrt sich bis an die Grenze des Möglichen und verbraucht Ressourcen. Bei einer Pflanze sind diese Ressourcen nur Wasser, Licht und Erde. Bei uns Menschen ist das komplexer. Ich habe das Gefühl, wir Menschen sind jetzt an unserer natürlichen Grenze angelangt. In der Natur wird das relativ grausam geregelt. Eine Art, die sich zu sehr vermehrt, wird durch Seuchen oder Raubtiere reduziert bis auf ein Maß, das dauerhaft tragfähig ist. Genau das ist es, was wir Menschen für uns nicht wollen. Wir wollen nicht, dass eine Seuche, eine Hungersnot oder ein Krieg ausbricht, die uns so dezimieren, dass wir irgendwann so wenige sind, dass die Erde uns tragen kann. Deshalb müssen wir – und das unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen – mit unserem Verstand eine Lösung finden, um uns selbst zu regulieren. Und das ist die große Frage. Ich weiß, dass wir dieses Problem irgendwann lösen werden. Die Frage ist: Lösen wir das Problem jetzt, wo noch eine kleine Pille reichen würde? Oder lösen wir es erst in 20 Jahren? Dann wären schmerzhafte Amputationen nötig. Ich hoffe sehr, dass wir uns für die Pille entscheiden.

Durch Ihren Beruf sind Sie zum Umweltschützer geworden und sind UN-Dekade-Botschafter für biologische Vielfalt. Außerdem haben Sie eine eigene Stiftung gegründet, die sich dem Artenschutz widmet. Warum ist Artenschutz so wichtig? Arten sind doch schon immer ausgestorben, oder?

STEFFENS Über 99 Prozent aller Arten sind ausgestorben. Damit hatte der Mensch gar nichts zu tun, da gab es den Menschen noch nicht. Es gab fünf Mal in der Geschichte der Erde sogenannte Massenaussterbe-Ereignisse. Eins davon kennt jeder: Als vor 66 Millionen Jahren ein Asteroid auf die Erde eingeschlagen ist und zum Beispiel die Dinosaurier ausgerottet hat. Bei dem Einschlag sind innerhalb von kurzer Zeit drei Viertel aller Arten auf der Erde ausgestorben. Jetzt hat das sechste Massenaussterben begonnen. Die natürliche Aussterberate ist um das Einhundert- bis Tausendfache überschritten. Wir erleben also derzeit das schlimmste Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Das ist für uns ein Riesenproblem, denn wenn zu viele Arten verschwinden, ist Landwirtschaft nicht mehr möglich, dann produzieren Pflanzen nicht mehr genug Sauerstoff und die Biosysteme reinigen das Wasser nicht mehr. Um es mal ganz drastisch zu sagen: Die Klimakrise bedroht nur die Gesellschaft, in der wir leben. Aber das Artensterben bedroht tatsächlich unsere Existenz.

Was kann ich für den Umweltschutz tun? Kann ein Einzelner überhaupt etwas bewirken?

STEFFENS Jeder von uns kann etwas bewirken. Es gibt wissenschaftliche Schätzungen, dass jeder einzelne Mensch pro Tag in einer Gesellschaft wie in Deutschland rund einhundert Entscheidungen trifft, die Einfluss auf Nachhaltigkeit haben. Wie sie einkaufen, was sie essen, wie sie sich fortbewegen, wie sie sich kleiden, wie sie heizen, wie sie ihren Urlaub planen und so weiter. Jetzt kann man natürlich sagen: Ich als Einzelner habe keinen großen Einfluss. Das stimmt auch. Aber wenn Sie sich vorstellen: Wir sind 7,5 Milliarden Menschen und wenn 7,5 Milliarden Leute denken „Ich kann ja nichts ändern“, dann ändert sich nichts. Aber wenn 7,5 Milliarden Menschen denken „Ich kann was ändern“, dann ändert sich alles. Das ist das mathematische Modell dahinter. Jeder Einzelne kann etwas tun und in der Masse verändern wir die Welt.

Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre nur das Individuum gefordert. Vor allem die Wirtschaft, aber auch die Politik sind gefordert. Die Wirtschaft kann sehr schnell sehr viel und auf globaler Ebene bewirken. Auf der nationalen Ebene kann die Politik helfen, indem sie die Rahmenbedingungen schafft, in denen man mit Ökologie mehr Geld verdient als mit Umweltzerstörung. Allerdings müssen wir aufhören, mit dem Finger immer auf die anderen zu zeigen und zu sagen „du zuerst“. Man muss mit dem Finger auf sich selbst zeigen und sagen „ich zuerst“.

Jetzt fragen Sie mich bestimmt gleich, was ich denn für den Umweltschutz tue. Mein größtes Problem ist das Fliegen. Ich kann nicht über den Urwald in Brasilien berichten, ohne in den Urwald in Brasilien zu reisen. Wie löse ich also das Problem? Ich klimaneutralisiere meine Flüge. Natürlich weiß ich, dass das nicht perfekt ist, aber das ist besser, als wenn man es nicht macht. Außerdem setze ich mich ein Drittel meiner Zeit ehrenamtlich für die Umweltpolitik ein. Mit der Stiftung haben wir gerade vier Hektar Glyphosat-Acker gekauft, den wir renaturieren und zum Vogelparadies machen. Mit solchen Sachen versuche ich, meine persönliche Ökobilanz halbwegs in den Griff zu kriegen.