Neil Peart, der vielleicht beste Rockschlagzeuger, ist tot 

Rock : Neil Peart – Abschied von einem ganz Großen

Laut Rolling-Stone-Magazin war er der beste noch lebende Schlagzeuger: Neil Peart von „Rush“ ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Er wurde nicht nur wegen seines virtuosen Spiels geliebt.

Es mag herzlich naiv gewesen sein, vielleicht war es auch der hartnäckige Restnebel im Kopf, exakt zwei Tage nach dem 18. Geburtstag an jenem 24. April 1992. Die Überzeugung, dass wir noch locker von Frankfurt nach Trier kommen würden. Nachts. Per Anhalter. Zu dritt. Nach dem Rush-Konzert in der Festhalle. Voller Adrenalin nach einem berauschenden Konzert. Und noch nicht wissend, dass man danach nie mehr Schlagzeug-Soli von anderen hören will, weil sie doch nur fad klingen, im Vergleich. Nach Neil.

Die letzten DM-Scheine: kurz zuvor eingetauscht gegen das Tour-Shirt. Darauf kickt ein kleiner Junge einen Schädelknochen vor sich her, was schlimmer klingt als es aussah. „Roll the Bones“, so hieß das Album, das schon so furios startete, mit dem Song „Dreamline“: Das Leben, ein einziger Roadtrip. Jung sein, unterwegs, sich fragen, was aus den eigenen Träumen wird und vielleicht auch nur, warum sich auf dem Grünstreifen neben der Autobahn-Zufahrt gar nicht so kuschelig schlafen lässt – und lernen, dass wir unsterblich sind, für eine gewisse Zeit: „Learning that we’re only immortal for a limited time.“ Der Mann, der diese Zeile schrieb – wie übrigens fast alle anderen im Werk des kanadischen Rocktrios auch –, ist tot. Neil Peart wurde 67 Jahre alt. Er starb an einem Glioblastom, einem Hirntumor.

Wenn man die Fachzeitschrift Rolling Stone zu Grunde legt, war Neil Peart der beste noch lebende Drummer. In der Rangliste der „100 besten Schlagzeuger aller Zeiten“ von 2016 lag der Kanadier auf Platz vier – vor ihm lagen nur der 2019 verstorbene Cream-Drummer Ginger Baker sowie Keith Moon von The Who und John Bonham von Led Zeppelin, die beide nur 32 Jahre alt wurden.

Dass Rush weltweit berühmt wurde und insgesamt über 40 Millionen Alben verkaufte – und das ohne echten Single-Hit im Formatradio –, das lag vor allem an Peart, der es 1974 nach einem Casting zur Band schaffte, die auf dem Debütalbum ohne ihn noch unoriginellen Led-Zeppelin-Klon-Rock spielte. Er brachte neue Themen, neue Spannung, neue Philosophien ins Werk. Musikalisch und lyrisch wurde es ambitionierter, etwa bei „2112“ – wo sich die Band dem Prog-Rock zuwendet, samt Tschaikowski-Zitaten und einer dystopischen Story, die sich an Ayn Rand orientierte. An der Seite von Peart wurden auch Sänger und Bassist Geddy Lee und Gitarrist Alex Lifeson immer virtuoser. Rush war weit entfernt von anderen Bands, die aus dem Hardrock kommen und immer das gleiche Lied in neuen Varianten spielen. Auf „Signals“ (1982) ging es fast schon poppig zu, Keyboards kamen und gingen – aber live galt immer: Auf der Bühne spielen nur Peart, Lee, Lifeson. Ohne Samples, alles live gespielt. Für viele wurde Rush so zum besten Rock-Trio – auch wenn nicht jeder den hohen Gesang von Geddy Lee liebte.

Bis 2015 tourten Rush durch die Welt. Lee und Lifeson gaben im Januar 2018 die Auflösung der Band  bekannt. Peart hatte nach dem Album „Test for Echo“ (1996) innerhalb von wenigen Monaten zwei Schicksalsschläge hinnehmen müssen: Seine Tochter starb mit 19 Jahren bei einem Autounfall. Seine Frau starb an Krebs. Peart brauchte eine Auszeit, Rush pausierte bis 2002.

Wie sehr Neil Peart geschätzt und geliebt wurde, das zeigte sich, nachdem sein Tod am Freitagabend bekanntgegeben wurde. Kanadas Premierminister Justin Trudeau kondolierte sogleich. „Wir haben eine Legende verloren. Sein Einfluss und sein Vermächtnis werden immer in den Herzen von Musikliebhabern in Kanada und rund um die Welt weiterleben.“ Dave Grohl von den Foo Fighters schrieb in einem Statement: „Er wurde ‚Professor’  genannt, und das mit Grund: Wir alle lernten von ihm.“

Auch Metallica und Gene Simmons von Kiss ehrten Peart – nicht nur wegen seiner Klasse am Schlagzeug, sondern auch seiner herzlichen Art.

Ein Liebeslied der besonderen Art hatten Peart und Rush schon vor 40 Jahren auf „Moving Pictures“ ihrer Heimatstadt Toronto gewidmet: Das Instrumental „YYZ“ – so lautet der Flughafen-Code des internationalen Airports Toronto. Der Rhythmus basiert auf dem Morsecode YYZ, ein Zehn-Achtel-Takt. Das war nichts fürs Radio oder die Tanzfläche, aber für die vielen Fans, die von den oft vertrackten Stücken und der wahnsinnig vielseitigen Trommelkunst von Neil Peart nicht genug bekommen konnten (und können). Nicht nur mit feuchten Augen als Teenager in der Frankfurter Festhalle.