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Netflix Serie Squid Game: Die Hölle als Kinderspiel

Gesellschaft : Netflixserie Squid Game: Die Hölle, ein Kinderspiel - Soll der Streamingerfolg verboten werden?

Gefährlich oder genial, aufrüttelnd oder verstörend? „Squid Game“, die aktuell erfolgreichste Streamingserie der Welt, sorgt auch Wochen nach dem Erscheinen für Gesprächsstoff. Nicht nur bei besorgten Eltern.

Sollte Squid Game verboten werden? Pardon für diese Zumutung mit Fragezeichen. Die Antwort kann schließlich nur „nein“ lauten. Warum sollte in einer freien Welt eine düstere, gesellschaftskritische, sicher bisweilen auch brutale koreanische Serie verboten werden? Weil sie auch die Falschen erreicht? Immer noch: nein!

Eine Diskussion darüber wird zum Glück noch nicht ernsthaft geführt. Aber der Hype um die aktuell erfolgreichste Streamingserie der Welt verschafft eben auch Experten Gehör, die genau solche Verbotsforderungen in die Welt setzen. Begründet wird das gerne mit der Gefahr, die von „Squid Game“ für Kinder und Jugendliche ausgehe – als wäre Jugendschutz nur durch Verbote für alle sicher zu gewährleisten. Über allem steht die Ratlosigkeit, wie Eltern verhindern wollen, dass der Nachwuchs auf dem Schulhof Szenen aus der neunteiligen Serie nachspielt. Das ist vor allem dann problematisch, wenn die Verlierer bestraft werden – das kam vereinzelt vor, auch an deutschen Schulen. Die immense Fokussierung auf die Serie sorgt auch dafür, dass in Deutschland die auflagenstärkste Zeitung darüber berichtet, wenn sich ein australischer Teenager beim Kekse-Backen verbrannt hat – weil es im Zusammenhang mit einem „Squid Game“-Spiel stand.

Netflix empfiehlt die Serie für Zuschauer ab 16 Jahren. Der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) wurde die Serie – wie bei Streaminganbietern üblich – nicht zur Prüfung vorgelegt. Für Kinder ist die Serie absolut ungeeignet und möglicherweise traumatisierend – „Squid Game“ richtet sich auch nicht an Kinder. Die Serie ist aber – auch das gehört zur Wahrheit – durch Netzwerke wie TikTok dort angekommen. 

Das Leben als einziger trister Existenzkampf, das ist die Welt von „Squid Game“. 456 Menschen treten in vermeintlich harmlosen Kinderspielen in Bonbon-Optik gegeneinander an, alle sind hochverschuldet, einzige Perspektive ist die dem Gewinner versprochene Millionen­summe. Schon beim ersten Spiel „Rotes Licht, Grünes Licht“ – in Deutschland in ähnlicher Form als „Donner, Wetter, Blitz“ oder „Ochs am Berg“ bekannt – wird den Teilnehmern klar, was Leben hier noch wert ist: Wer sich noch bewegt, wenn sich vorne die überlebensgroße Puppe umdreht, wird disqualifiziert. Das heißt in diesem Fall: erschossen. Das ist brutal, es geht an die Substanz, für einige mag es auch verstörend sein – aber es geht den Machern erkennbar nicht darum, das Leid und die Qualen besonders zu betonen, dafür gibt es andere Genres. Es geht um Leben und Tod als triviale Unterhaltung, ein Stück weit um Gut gegen Böse, um Arm gegen Reich. Eine wirkliche Dystopie ist „Squid Game“ dabei nicht: Die Serie spielt in der Gegenwart – und die Menschheitsgeschichte hat an Grausamkeiten schon alles hervorgebracht, was hier nur auf die Spitze getrieben wird. Um es regional zu verorten: Auch im Trierer Amphitheater wurden einst nicht nur Kindergeburtstage gefeiert.

Dass die teils plakative Kapitalismuskritik ausgerechnet dank eines milliardenschweren Unternehmens wie Netflix nun alle Ecken der Welt (und leider auch die Schulhöfe) erreicht, hat auch etwas Absurdes. 

Der Erfolg von „Squid Game“ war in dieser Form nicht vorauszusehen. Nur in Südkorea gab es vor dem Start eine große flankierende Werbekampagne. Umgerechnet weniger als 20 Millionen Euro soll die Produktion der Serie gekostet haben – schon jetzt hat sie dem Strea­ming-Giganten ein Vielfaches eingespielt durch neue Abonnenten und einen gestiegenen Aktienkurs. Da ist es überraschend, dass Netflix noch keine zweite Staffel angekündigt hat – das wird aber nur eine Frage der Zeit sein. Auch für Hwang Dong-hyuk, Regisseur und Drehbuch-Autor, dürfte das interessant sein. Denn der bekam „nur“ sein vorher vereinbartes Honorar, keinen Bonus oder keine Beteiligung. Seine Verhandlungsposition dürfte bei einer Fortsetzung deutlich besser sein. Hwang Dong-hyuk war völlig überrascht vom Riesen-Erfolg seines „Überlebensspiels“, das er „als eine Metapher, eine Parabel für die moderne kapitalistische Gesellschaft“, sieht. Auch wenn Südkorea weltweit popkulturell massiv an Bedeutung gewonnen hat – mit dem ebenfalls düster-sozialkritischen Oscar-Preisträger „Parasite“ oder den Erfolgen der Boyband BTS oder dem Genre K-Pop.

Dr. Gerrit Fröhlich von der Universität Trier sieht bei Netflix eine „Schrotflintentaktik: Mit ganz vielen Inhalten drauflos schießen, in der Hoffnung, dass einzelne davon treffen.“ Im Interview mit dem „Lu­xemburger Wort“ nennt der Experte für Digitale Kulturen und Plattformen Gründe für den Erfolg: „Die sozialen Netzwerke haben den Hype ganz klar beschleunigt, was in der aktuellen Popkultur oft entscheidend ist. Eine leicht wiedererkennbare Ästhetik, greifbare Szenen und Situationen treffen einen Nerv, sind teilbar. Etwa die Anzüge der Spieler und Bewacher, die sehr ikonisch sind.“ Die roten Kapuzen-Overalls mit Masken waren schon an Halloween vielerorts präsent. Das dürfte auch in der bald beginnenden Karnevalssession ähnlich aussehen, auch wenn Hypes oft nur eine kurze Halbwertzeit haben. Die Serie ist gespickt mit Anspielungen und kulturellen Referenzen, gerade die Umsetzung der Spiele, die Hölle im Kinderzimmer-Look, ist sehr gelungen – und „Squid Game“ bietet reichlich Diskussionsstoff für einen Ethik-Grundkurs in der Oberstufe. Das wäre in der Schule auch die beste Umgebung für „Squid Game“. Für alle Jüngeren wäre jedenfalls ein Netflix-Account mit Altersbeschränkung die richtige Wahl. Auch wenn viele 13-Jährige – das ist zumindest zu befürchten – schon Verstörenderes als „Squid Game“ auf ihrem Handy gesehen haben dürften.