| 20:36 Uhr

Nette Leute und Nazis im Kit-Kat-Club

Spielen vorzüglich: Vasiliki Roussi als Sally Bowies und Alen Hodzovic als Cliff Bradshaw. TV-Foto: Rolf Ruppenthal
Spielen vorzüglich: Vasiliki Roussi als Sally Bowies und Alen Hodzovic als Cliff Bradshaw. TV-Foto: Rolf Ruppenthal
Merzig. Manege frei für ein altes Musical-Schlachtross: Der Merziger Zeltpalast lockt in diesem Sommer mit "Cabaret". Regisseur Holger Hauer dokumentiert eindrucksvoll, dass man dem Klassiker durchaus noch neue Blickwinkel abgewinnen kann. Dieter Lintz

Merzig. Nett ist sie, die erste Stunde dieses Musical-Abends im ausverkauften Zelt. Da trifft ein netter junger Amerikaner Ende der 1920er Jahre im Zug von Paris nach Berlin einen netten jungen Deutschen, man freundet sich an, der Deutsche verhilft dem Amerikaner zu einer Wohnung beim ältlichen Fräulein Schneider, das gerade den netten Obsthändler Herrn Schultz heiraten will. Alles liebe Leutchen, Durchschnittsmenschen, nicht perfekt, aber grundsympathisch. Der Ami, ein brotloser Schriftsteller, verliebt sich in eine attraktive Revuetänzerin im nett-verruchten Kit-Kat-Club, sie ziehen zusammen und erwarten bald Nachwuchs. Ein Idyll in den Roaring Twenties, umrahmt von feschen Tanzmädels in frisch-frechen Posen.
Wer andere Arbeiten von Regisseur Holger Hauer gesehen hat, ahnt, dass das Bilderbuch eine Falle ist. Wer genau hinschaut, dem müsste auch der Conferencier auffallen, eine irritierende Figur, Mephisto mit Schwabbelbauch unterm Netzhemd - es ist keineswegs Behaglichkeit, was er verbreitet. Wie überhaupt die gelungenen Kostüme von Sandra Fox und Silke Weiland einen Stich ins Absurde haben, mit Klischees spielen, unkonventionelles Augenfutter liefern.
Die Stunde der Wahrheit schlägt zur Pause. Da entpuppen sich viele der netten Figuren als Nazis, die auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und dem Juden Herrn Schultz mit einem betörend schönen Volkslied die völkische Zukunft beschwören. Das Lied und damit die erste Hälfte des Abends endet mit einem Hitlergruß - und für das Publikum mit dem Dilemma, ob man da applaudieren darf. Ein genialer Kunstgriff.
Überhaupt sind Drama und Musik klug zusammengestellt. Hauer hat die bekannten Stücke aus dem Film "Cabaret" (die teilweise nicht zum Original-Musical gehören) integriert, aber er hat die Reihenfolge mehrfach verändert. "Mein lieber Herr" etwa wird zu einem bitteren, mit Piaf-Intensität vorgetragenen Abschiedslied von Sally Bowles.
Unterm Strich hat der Abend einen zügigen Lauf, mit viel Abwechslung zwischen den turbulent-lasziven Tanzszenen (Choreographie: Christopher Tölle) und den sorgfältig gearbeiteten Schauspiel-Passagen. Das Bühnenbild von Sandra Fox ist gut bespielbar: Es spiegelt die Bühne im Kit-Kat-Club, davor hundert Plätze an runden Tischen, hinter denen sich dann die weiteren Zuschauer gruppieren. Ein cleverer Schachzug, nutzt er doch den solventen Teil des Publikums als Kulisse, die kein Honorar kostet, sondern ordentlich Geld in die Kasse bringt.
Die Band um den Pianisten Achim Schneider arbeitet präzise und aufmerksam. Kein glattgebügelter Musical-Wohlklang. Man reagiert höchst flexibel auf die Stimmungswechsel, bürstet auch schon mal gegen den Strich. Die Hauptakteure singen und spielen vorzüglich, allen voran Andrea M. Pagani als schräger Conferencier, Vasiliki Roussi als quecksilbrige Sally Bowles und Petra Lamy, die ihrer anfangs blassen Frau Schneider später fast Brecht\'sche Dimensionen verleiht und das Publikum die verzweifelte Ratlosigkeit der "kleinen Leute" vor der herannahenden Nazi-Barbarei fast schmerzhaft nachempfinden lässt. Am Ende holt das Publikum den Jubel nach, der ihm zur Pause buchstäblich im Hals stecken geblieben war. Minutenlange Ovationen. Auch alte Schlachtrösser vermögen noch zu begeistern.