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Neue Ausstellungen in der Kulturhauptstadt Esch: Dialoge mit der Natur

Kulturhauptstadt Europas : Neue Ausstellungen in Esch: Dialoge mit der Natur und Luft zum Atmen

Um ökologisches Bewusstsein und gute Luft geht es in den beiden neuen Ausstellungen der europäischen Kulturhauptstadt Esch 2022 in Belval.

Nancy Braun setzt auf die Wirkmacht der Kultur. „Kunst und Kultur haben die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, zu abstrahieren und Empathie zu erzeugen“, sagt die Generaldirektorin der Europäischen Kulturhauptstadt Esch bei der Vorstellung der beiden neuen Ausstellungen in Esch-Belval.

Auch sonst ist die Direktorin voller Zuversicht. Immerhin hat das Programm von Esch 2022 bislang mehr als 100.000 Besucher angelockt. „Das freut uns natürlich sehr“, sagt Braun. Auch die beiden neuen Ausstellungen sind ein konsequenter Beitrag zur Idee des Kulturjahrs. „Remix Culture““ heißt das Motto von Esch 2022, das auf eine neue Identitätsfindung der einstigen Bergbauregion Minett zielt, deren Zentrum Esch ist. Von der Schwerindustrie der Eisen-und Stahlproduktion will sich die Region zu einem modernen internationalen Technologie- und Wissenschaftsstandort entwickeln.

Zu sehen ist das derzeit am besten im Escher Stadtteil Belval, wo zwischen den Resten des einstigen Hüttenwerks Neubauten der Universität Luxemburg, Bürogebäude und ein Einkaufszentrum entstanden sind. Die verbleibenden Zeugnisse der historischen Industriekultur wie die Möllerei und der Massenoire, wo früher Stopfmasse hergestellt wurde, sind von schweißtreibender Maloche zu Orten künstlerischer Visionen konvertiert.

Neuem Bewusstsein, kritischer Gegenwartsreflexion und der Suche nach neuen Perspektiven widmen sich auch die kürzlich eröffneten Ausstellungen „Earthbound“ (erdverbunden) und „Respire“ (atmen), diesmal allerdings global. Im künstlerischen Thinktank geht es um dringende menschlich verursachte Umweltprobleme wie Artensterben und Zerstörung des Naturraums, sowie die universelle Bedeutung von Atemluft. Zudem geht es um Digitalität und ihre Optionen im postmodernen Zeitalter.

Dass sich die Kunst Gegenwartsproblemen widmet, ist bekanntlich nicht neu. Einmal mehr zeigt sich in Belval überdies eindrucksvoll, wie sehr sich Kunst inzwischen zum interdisziplinären, spartenübergreifenden Medium entwickelt hat, das Dokumentation, Wissenschaft, digitale und andere Techniken sowie ästhetische Aneignung sprich Verbildlichung dazu nutzt, die Gegenwart und ihre dringlichen Probleme zu reflektieren und Visionen zu entwickeln.

So auch in Esch: „Im Dialog  mit der Natur“ will „Earthbound“ in der Möllerei ökologisches Bewusstsein  erzeugen. Ein Dialog, der mit Hilfe digitaler Verfahren wie Künstlicher Intelligenz (KI) und anderem geführt wird und ein ebenso delikates wie dringendes Unterfangen ist. Wurden digitale Techniken doch auch immer wieder zur Zerstörung von Natur und Umwelt genutzt. Eingerichtet hat die Ausstellung das Haus der Elektronischen Künste in Basel (HEK). Gezeigt werden 19 Positionen internationaler Künstler. Was sich im mächtigen düsteren Bau der Möllerei darstellt, ist ein künstlerisches Zukunftslabor, in dem sich wissenschaftliches Know-how, digitale Technik mit Fantasie und Poesie erkenntnisfördernd zusammentun. Gezeigt werden Video-, Audio- und Multimedia-Installationen, Animationen und Skulpturen. Darunter sind ästhetisch sehr reizvolle, zum Teil pfiffige Kunst-Projekte, von denen einige interaktiv das Publikum einbeziehen.

Allerdings geht die Ausstellung gerade im Eingangsgeschoss nicht so überzeugend mit dem Raum um, wie das Peter Weibel in seiner vorherigen großartigen Installation gelang. Gleich eingangs zeigt Refik Anadol mit „Quantum Memories-Probability“ eine hochpoetische Arbeit, eine Art digitaler Landschaftsmalerei mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auf der Basis eines vorhandenen Datensatzes.

Die Erschütterungen von Erdbeben als Folge  von Gasbohrungen in der niederländischen Provinz Groningen können Besucher in der interaktiven Installation „The Intimate Earthquake Archive“ von Sissel Marie Tonn und Jonathan Reus am eigenen Leib erfahren. Eine wunderbar fantastische Unterwasserwelt tut sich in „The Jellyfish“ auf, einer Arbeit von Mélodie Mousset und Edouardo Fouilloux.

Lebensbedingungen von Sumpfbiotopen testet Tega Brain in den Tanks von „Deep Swamp“ aus. Herrlich witzig bei ernster Problematik geht es im Untergeschoss zu, wo Kinder sich im Video von Melanie Bonajo mit den Rechten von Mensch und Tier auseinandersetzen.

Bewusstsein dafür, dass gute Luft zum Atmen über Sein oder Nichtsein von Mensch und Natur entscheidet, will die Ausstellung „Respire pour un design climatique“ (Atme für ein klimabewusstes Design)  im Masse­­noire schaffen. Wo bei „Earthbound“ nebenan allerdings Einsicht durch Poesie und ästhetische Annäherung erzeugt wird, bleibt das Projekt des Labors für Umweltdesign der Kunsthochschule Nancy (Frankreich) hochdidaktisch und recht trocken. Zudem bieten die präsentierten Designobjekte aus natürlichen Materialien und Arbeitstechniken kaum Neues. Die Schau hat etwas von einem recht spröden Lehrbuch. Interessant ist das Projekt zur Messung von Luftqualität.

Info zu den Ausstellungen: Earthbound dauert bis 14. August, Respire bis 25. September 2022. Öffnungszeiten: montags sowie mittwochs bis sonntags 11 bis 19 Uhr, dienstags geschlossen. Internet: Esch2022.lu