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Neue Bücher: Andreas Götz „Die Nachtigall singt nicht mehr“

Aufgeschlagen - Neue Bücher: Andreas Götz „Die Nachtigall singt nicht mehr“ : Eher Spionage – als Kriminalfall

„Normalerweise achte ich sehr auf Recht und Gesetz. (…) Aber in manchen Fällen steht das Recht gegen eine höhere Gerechtigkeit, und wenn die Sache so liegt, dann schlage ich mich auf die Seite der höheren Gerechtigkeit.“ (Seite 30) So begründet einer der Protagonisten im Krimi „Die Nachtigall singt nicht mehr“ von Andreas Götz sein durchaus kriminelles Verhalten.

Doch dieser Ludwig Gruber ist im Buch, dem zweiten Band der 1950er-Jahre-Trilogie um den Journalisten Karl Wieners, einer der wenigen „Gutmenschen“ im München des Jahres 1955. Weitere Hauptpersonen des Werks sind der eben genannte Wieners sowie dessen Nichte Magda.

Das Werk spielt im Kalten Krieg. Es geht um Geheimdienste und Spione auf beiden Seiten in Ost und West. Die „Organisation Gehlen“ und die „Rote Kapelle“ sind immer wiederkehrende Begriffe. Exil-Tschechoslowaken und Litauerinnen spielen eine bedeutende Rolle im Roman. Letztere sind nicht nur ausgesprochen attraktiv, sondern haben selbstverständlich mehr als nur ein Geheimnis!

Doch der Fiesling des Krimis ist eindeutig der überaus erfolgreiche Bauunternehmer Walter Blohm, Magdas (siehe oben) ungeliebter Ehemann, nach dem Krieg umtriebiger Schwarzhändler und daher mit „vielen Leichen im Keller“.

Der Lesefluss des Krimis wird durch das ständige Springen der Erzählperspektive von einer Figur zur anderen – oft selbst auf einer Seite und in einem Kapitel häufig sogar mehrmals – erheblich gestört. So weiß der Leser bisweilen nicht, welche Person gerade die Agierende ist. Damit bei der Vielzahl der handelnden Figuren der Leser den Durchblick behält, ist vor Beginn dem Roman glücklicherweise ein Personenverzeichnis vorangestellt.

Der gelungenste Aspekt des Werks ist meines Erachtens die Darstellung des Milieus im München Mitte der 50er Jahre. Die Situation der kleinen Leute – Jugendbanden in den Vierteln, soziale Situation in den großen Mietshäusern – wird anschaulich wiedergegeben. Leider wird aber immer wieder auf sattsam bekannte Klischees zurückgegriffen: So wird zum Beispiel der „Frauenüberschuss“ nach dem Krieg in mehrfacher Perspektive thematisiert: Privatdetektiv und Witwer Ludwig Gruber kann sich nicht vor Frauen retten, die ihn ehelichen wollen. Und Spätheimkehrer aus dem Krieg werden auch in Familien integriert, zu denen sie eigentlich nicht gehören.

Karl und Magda haben über viele Jahre hinweg ein intimes Verhältnis, obwohl sie lange annehmen mussten, miteinander verwandt zu sein. Zudem ist Magda mit dem – allerdings verbrecherischen – Walter Blohm verheiratet.

Zum eigentlichen Kriminal- beziehungswiese Spionagefall soll an dieser Stelle nichts verraten werden. Es sei abschließend nur gesagt, dass  die „Verwicklungen“ der rivalisierenden Seiten oft nur schwierig zu durchschauen sind!                                                    Jörg Lehn

 Andreas Götz, „Die Nachtigall singt nicht mehr“, Kriminalroman, Paperback, Fischer/Scherz, Frankfurt am Main 2021, 446 Seiten, 16, 99 Euro.