| 21:11 Uhr

Neue Satzung für Trierer Theater: Orchester wird mächtiger - Kulturdezernent hebt Ausschreibung für Chefdirigentenposten auf

FOTO: (ClickMe)
Trier. Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) entspricht der Bitte des Intendanten Karl Sibelius und hebt die Ausschreibung des Chefdirigentenpostens am Theater auf. Victor Puhl wird Generalmusikdirektor bleiben und einen neuen Vertrag über zwei Jahre erhalten. Egger kündigt außerdem eine neue Satzung und Rechtsform für das Theater an. Jörg Pistorius

Trier. "Wir werden den Bewerbern mitteilen, dass wir das Verfahren aufheben, weil wir keinen neuen Chefdirigenten mehr brauchen", sagt Triers Kulturdezernent. Thomas Egger ist sich absolut bewusst, dass die aktuelle Situation am Theater Trier alles andere als alltäglich ist. Das sieht man ihm trotz der Alles-normal-Fassade deutlich an.
90 Musiker haben sich beworben, darunter laut Aussage des Intendanten "renommierte Dirigentenpersönlichkeiten". Doch völlig überraschend hat Triers Kulturdezernent vergangene Woche einen Brief von Karl Sibelius erhalten, in dem der Intendant erklärt, er wolle Victor Puhl als Generalmusikdirektor doch behalten (der TV berichtete am 2. Oktober). Da es ein offener Brief war, erfuhr es auch der Rest der Welt.
Normalerweise würde die Bewerbungsfrist noch bis zum 15. Oktober laufen. "Ich sehe keine Veranlassung, dieses Verfahren aufrechtzuerhalten", sagt Egger. Das Orchester habe sich klar geäußert: Ohne auch nur eine der Bewerbungsunterlagen näher anzusehen, votierte das Gremium einstimmig für Victor Puhl. Diesem Votum folgte der Intendant, und jetzt tut es auch der Kulturdezernent.
"Hätte der Intendant mir diese Lösung nicht von sich aus vorgeschlagen, hätte ich aus eigenem Antrieb ein Gespräch mit ihm geführt." Eine nachvollziehbare Sichtweise, denn obwohl alle Beteiligten einen Konflikt zwischen Puhl und Sibelius klar verneinen, hatte die Zukunft des beliebten Generalmusikdirektors die besten Chancen, ein echtes Drama am Theater Trier zu werden.
Egger betont, es habe zu keinem Zeitpunkt politischen Druck gegeben. "Es wäre auch gar nicht nötig gewesen, hier Druck auszuüben", sagt Egger. "Herr Sibelius hat selbst über die klaren Signale aus der Trierer Kulturszene nachgedacht und dann konsequent gehandelt." Klar waren diese Signale in der Tat. Nicht nur das Orchester hat sich vehement für Puhl eingesetzt, auch andere Musiker und Kulturschaffende aus Trier haben das getan.
Puhl hat bestätigt, er wolle den neuen Vertrag gerne annehmen (siehe Kurzinterview "Drei Fragen an"). Sibelius betont: "Ich werde sehr gerne mit Herrn Puhl zusammenarbeiten." Mögliche künstlerische Auseinandersetzungen, das ergänzt der Dezernent, gebe es immer mal. "Das habe ich mit dem Vorgänger von Intendant Sibelius, Gerhard Weber, und Victor Puhl auch erlebt."
So können nach Einschätzung Eggers auch Differenzen zwischen Sibelius und Puhl auftreten. Kein Problem, denn die Kompetenzen sind klar definiert und geregelt - in einer neuen Satzung für das Theater, das in eine Anstalt öffentlichen Rechts umgewandelt werden soll. Das hatte der Stadtrat in seiner Februarsitzung beschlossen. Das Theater kann dann wie ein selbstständiges Unternehmen handeln, bleibt aber dennoch an Entscheidungen der Verwaltung und des Stadtrats gebunden.
Egger will die neue Satzung noch nicht öffentlich machen, sondern sie zuerst seinem Kulturausschuss vorstellen. Doch er gewährt Einblicke. Wörtlich heißt es hier: "Dem Intendanten obliegt grundsätzlich die künstlerische, kaufmännische sowie personelle Verantwortung für die Theater Trier Anstalt öffentlichen Rechts." Der Intendant entscheidet auch über die Bestellung der Spartenleiter - nur im Fall des Spartenleiters Konzertwesen hat das Orchester ein Vorschlagsrecht. Ein außergewöhnlich großer Einfluss, das räumt der Dezernent ein. Der Stadtrat muss über diese Satzung abstimmen. Wann er das tun wird, steht noch nicht fest.Extra

Generalmusikdirektor Victor Puhl. Herr Puhl, Ihr Vertrag soll um zwei Jahre verlängert werden. Kann in Theater und Orchester nun alles beim Alten bleiben? Victor Puhl: Der Prozess, vor dem wir stehen, beginnt jetzt erst. Wenn die Bedingungen meines bestehenden Vertrags erhalten bleiben sollen, muss die Geschäftsordnung neu gefasst werden. Ich freue mich auf jeden Fall, im neuen Leitungsteam zu arbeiten. Gibt es bei den Strukturen im Theater einen aktuellen Handlungsbedarf? Was werden Sie gemeinsam mit Herrn Sibelius zuerst anpacken? Puhl: Also, ganz wichtig ist, dass die Gebäudefrage geklärt wird. Ein Theater ohne Haus ist kein Theater. Und es wäre auch gut, wenn das Orchester wieder im Theatergebäude proben könnte. Wir brauchen dort einen neuen Probenraum, in dem wir auch Kinder- oder Schulkonzerte veranstalten können. Wir leben in einer Zeit gravierender Umbrüche. Hat das Theater da langfristig noch eine Chance? Puhl: Das Theater hat langfristig absolut eine Chance. Es muss sich nur immer wieder neu erfinden. mö