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Neue Töne für Trierer Gotteshaus

Neue Töne für Trierer Gotteshaus

Der Anstoß kam aus Mainz. 2006 schlug die Landesregierung vor, in der Konstantin-Basilika wieder eine große Orgel zu installieren. Was dann an denkmalpflegerischen, akustischen und bautechnischen Abstimmungen folgte, war kompliziert, aber erfolgreich. Am 30. November wird das neue Instrument feierlich eingeweiht. Im Vergleich zur früheren Orgel erlaubt es ganz neue Klangerlebnisse.

Trier. Für die Orgelbauer in der Trierer Konstantin-Basilika hat der Endspurt begonnen. Seit Sommer 2014 arbeiten Gregor Hieke vom Bautzener Eule-Orgelbau und seine Kollegen am akustischen Feinschliff des neuen Instruments, an dessen "Intonation". Spätestens am 29. November müssen die Arbeiten beendet sein, denn tags darauf, am ersten Advent um 9.50 Uhr, wird die Orgel feierlich eingeweiht.Alle Beteiligten wissen: Es ist nicht irgendein großes Instrument. Pfarrer Reinhard Müller von der evangelischen Kirchengemeinde brachte es auf den Punkt: "70 Jahre nach Kriegsende ist mit dem Orgelbau auch die Wiederherstellung des evangelischen Gotteshauses abgeschlossen." Die Basilika war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Wieder aufgebaut wurde sie 1956 zum zweiten Mal als Kirche eingeweiht. Lange gehegter Wunsch

Als 1962 die kleine Schuke-Orgel installiert wurde, sei klar gewesen, dass es sich dabei nur um eine Zwischenlösung handelte. 2006 schließlich schlug das Land vor, die lange gewünschte Hauptorgel zu realisieren und stellte mit 2,8 Millionen Euro einen Großteil der Baukosten von 3,42 Millionen Euro bereit - den Rest tragen Kirchengemeinde und Sponsoren. 2013 begann die Firma Eule aus Sachsen mit den Vorbereitungen. Ende des vergangenen Jahres startete sie die Installation in der Basilika, und seit Sommer 2014 wird das Instrument klanglich angepasst, "intoniert".Der Weg zur neuen Orgel war lang und stellenweise beschwerlich. Brigitte Coen vom Landesbetrieb Liegenschaften und Baubetreuung (LBB) zählte die zahlreichen Zuständigkeiten auf, die zu beachten waren. Die Unesco wollte gefragt werden (die Basilika ist Weltkulturerbe), die Denkmalpflege war einzubeziehen, das Projekt war europaweit auszuschreiben, ein umfangreiches Auswahlverfahren schloss sich an. Die LBB-Mitarbeiterin mochte die dabei aufgewandten Arbeitsstunden nicht beziffern, betonte aber, dass die Abstimmungen zwischen den unterschiedlichen Institutionen zum "bestmöglichen Ergebnis" geführt hätten - akustisch, optisch, bautechnisch und raumästhetisch.Tatsächlich fügt sich das große Instrument mit insgesamt 6006 Pfeifen an der Basilika-Rückwand erstaunlich unauffällig ins Gesamtbild des großen Hallenraums ein. Die sichtbaren Pfeifen (der Prospekt) wurden vorsichtig silbergrau patiniert. Damit drängt sich das Instrument optisch nicht vor, sondern bleibt bei aller Größe im Hintergrund.Akustisch bietet die Eule-Orgel raumfüllenden Klang, hat aber auch genügend Mittel für klangliche Intimität. Basilika-Organist Martin Bambauer: "Das Instrument hat ein deutliches Profil. Es leuchtet, es zeichnet. Mit dieser Orgel ist ein riesiger Bereich von Literatur spielbar, die auf der alten Orgel gar nicht zu realisieren war." Und weil ein zweiter, mobiler Spieltisch zur Verfügung steht, ist auch die Verbindung mit Chor, Orchester oder Soloinstrumenten einfacher als bisher.Mit der feierlichen Einweihung am ersten Advent (siehe Extra) beginnt in der Trierer Orgelhistorie eine neue Epoche. Bis zum Jahresende folgen zahlreiche Veranstaltungen - für Orgel allein, mit Chor, mit Orchester. Am Sonntag, 28. Dezember, werden acht Trierer Konzertorganisten nacheinander am neuen Instrument musizieren.Die alte Orgel soll nicht funktionslos werden. Sie wird weiter gebraucht - bei kleineren Anlässen. Welchen Platz sie genau einnehmen wird, bleibt allerdings offen.Meinung

Basilika bleibt MahnmalIst die Trierer Konstantin-Basilika nach Einweihung der neuen Orgel wirklich wiederhergestellt? Wer das ernsthaft meint, der vergisst, was sich an Zeitgeschichte in diesem Bauwerk niedergeschlagen hat. Mag sein, dass die Initiatoren des Wiederaufbaus nach 1945 vor allem die Idee einer schnörkellos modernen und zugleich historischen Kirche verfolgten; sicherlich spielten finanzielle Zwänge mit, vielleicht auch Wunschvorstellungen zur römischen Bauweise. Faktisch ist die Basilika etwas anderes geworden. In den kahlen Mauern, dem schmucklosen Inneren, sogar in der kleinen spartanisch ausgestatteten und beengt aufgebauten Schuke-Orgel manifestiert sich die mühsame und oft provisorische Erneuerung nach zwölf Jahren innerer und äußerer Zerstörung. Die Evangelische Kirchengemeinde Trier hat die traurige Erinnerung an eine Diktatur, in der sich auch Christen nicht immer rühmlich hervortaten, nicht verdrängt. Das zeigt die Dauerausstellung zur Baugeschichte der Basilika, die hoffentlich noch lange bleiben wird. Das schlichte Silbergrau der neuen Orgel ist darum mehr als eine farbästhetische Nuance. So fügt sich das Instrument ein in das karge und zugleich imposante Bauwerk und hat teil an dessen zeithistorischem Hintergrund. Auch die schönsten, die stärksten, die emotional bewegendsten Orgelklänge dürfen eins nicht übertönen: Dieser Raum bleibt eine Stein gewordene Mahnung. nachrichten.red@volksfreund.deExtra

Das Programm rund um die Einweihung der neuen Basilika-Orgel im November und Dezember: Sonntag, 30. November, 9.50 Uhr, Festgottesdienst zur Einweihung, 17 Uhr, Orgelkonzert Martin Bambauer Freitag, 5. Dezember, 17 Uhr, Vorstellung der neuen Orgel Sonntag, 7. Dezember, 17 Uhr, Orgelkonzert mit Bernhard Haas, Daniel Roth und Thomas Trotter Freitag, 12. Dezember, 17 Uhr, Vorstellung der neuen Orgel Sonntag, 14. Dezember, 17 Uhr, Konzert für Chor und Bläser. Werke von Widor und Rutter. Trierer Bachchor, Trierer Domchor, Leitung Martin Bambauer Mittwoch, 17. Dezember, 17 Uhr, Live-Hörspiel mit Orgelmusik für Kinder Sonntag, 21. Dezember, 17 Uhr, Konzert für Orgel und Orchester, Stephen Tharp, Orgel, Philharmonisches Orchester Trier, Leitung Victor Puhl Sonntag, 28. Dezember, 15 Uhr, Ökumenischer Orgeltag mit acht Trierer Konzertorganisten. mö