Neue Wiener Concert Schrammeln beim Mosel Musikfestival in Trier zu Gast

Mosel Musikfestival : Vom Wienerwald zum Totentanz

Vergnüglich und hintersinnig: Wiener Concert Schrammeln beim Mosel Musikfestival.

Die Wiener hätten nicht nur ein besonderes Verhältnis zur Musik und zum Theater, sondern auch zum Tod, heißt es. Tatsächlich gehen in der Stadt, in der walzerselig Johann Strauß ebenso wirkte wie der gallige Thomas Bernhard, Lebenslust und Melancholie Hand in Hand. Wahrscheinlich macht genau diese widersprüchliche Mischung  den berühmten „Wiener Schmäh“ aus, jene besondere Art des Wiener Humors, die hierzulande häufig eher unscharf als Wiener Charme wahrgenommen wird.

Im Spannungsfeld zwischen überbordender Lebensfreude und wehmütiger Sehnsucht bewegt sich auch die berühmte „Schrammelmusik“, die manch einer für das eigentliche Wienerlied hält. In neuer Frische war die aus dem 19. Jahrhundert  stammende und nach ihren Schöpfern, den Gebrüdern Schrammel,  benannte Volksmusik jetzt in einem höchst vergnüglichen Konzert in den Trierer Viehmarktthermen zu hören. Als Kooperation zwischen dem Mosel Musikfestival und dem Trierer Österreich Forum war dort das Ensemble Neue Wiener Concert Schrammeln zu Gast. Mit ihrem Konzert leisteten die Musiker einen weiteren Beitrag zum rheinland-pfälzischen Kultursommer und Festival-Motto „Heimat(en)“.

Mit der Wiener Dialektik ging es gleich los. Maria Engel-Tizian, die Präsidentin des  Forums, begrüßte die über 200 Gäste mit einer Forderung des ebenfalls für seine Sprüche und Widersprüche berühmten wie beschimpften Wiener Kulturkritikers Karl Kraus: „Wer jetzt etwas zu sagen hat, trete vor und schweige“. Die vier Herren von den Neuen Wiener Concert Schrammeln und ihre singende Kollegin Maria Stippich schwiegen glücklicherweise nicht.

Als ob sie eben aus dem Jahrhundert kämen, aus dem ihre Musik stammt, traten die Musiker  im schwarzen Gehrock vor ihr Publikum, und dann ging`s musikalisch ab  in die Gegenwart. Denn das weltläufige Ensemble erhält mit seinem Programm nicht nur  das folkloristische heimatkulturelle Erbe. Es hat ihm auch die notwendige Frischzellenkur verpasst. Mit Witz, Schwung und ansteckender Spiellust waren die  vorzüglichen Musiker (allen voran Johannes Fleischmann an der zweiten Geige) in Trier unterwegs.

Aufs Rasante verstanden sie sich ebenso wie auf Schmelz ohne Schmalz. Als quasi wienerisch urbane Jodlerin „dudelte“ Maria Stippich sich in Höhen, dass der Seele Flügel wuchsen. Für den typischen Schrammel-Sound sorgten die Instrumente: Kontragitarre, Knopfharmonika und zwei Geigen. Vom Katzenberger Marsch bis zu Mozarts „Zauberflöte“ ging es durch die Musikliteratur. Mit von der Partie war selbstredend Walzerkönig Johann Strauß, der wie sein eher zugeknöpfter Kollege Johannes Brahms  ein absoluter Fan der Musik war, die sich gleichermaßen Heurigenlokale wie Adelspaläste und Hinterstiegen eroberte.  Der Lenz kündigte sich schon mal an in Strauß „Geschichten aus dem Wienerwald“, die „Fledermaus“ grüßte. Feurig erklang der Cárdás, herzzerreißend die Sehnsucht nach dem heimatlichen Wien.

Richtig wienerisch schwarz-humorig wurde es  beim ausgelassenen „Totentanz“ auf der Schindergrube ( eine Grube für tierische und andere Abfälle) und der leicht feministischen Lesart von Mozarts Arie „Bei Männern, welche Liebe fühlen“.

Einmal mehr wurde an diesem Abend auf ausgesprochen unterhaltsame Weise  beantwortet, was Heimat bedeutet. Eben keine kindlich süße Retro-Idylle, sondern eine vielfältig widersprüchliche Gegenwart und  ein Erbe, das täglich neu erworben werden will.

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