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Neues Millionen-Defizit am Stadttheater Trier raubt dem Intendanten auch den Rückhalt des Kulturdezernenten

Neues Millionen-Defizit am Stadttheater Trier raubt dem Intendanten auch den Rückhalt des Kulturdezernenten

Auf der Bühne im Trierer Stadttheater geht es hoch her. So viele Gastdarsteller wie unter Intendant Karl Sibelius hat es wohl nie zuvor gegeben. Die Gagen für diese Gastspiele treiben das Defizit des Hauses in neue Höhen.

Als Herzogin von Gerolstein begeistert Karl Sibelius das Publikum. Glückseligkeit, Größenwahn und Trauer sind dann greifbar und enden in einem farbigen Spektakel. Die krankheitsbedingte Abwesenheit des schauspielenden Intendanten war aber nicht der Grund, warum das Drama im Saal Steipe des Trierer Rathauses am Montag zum eher tristen Trauerspiel geworden ist.

Noch einmal 977000 Euro Miese mehr durch das Stadttheater Trier im laufenden Haushaltsjahr: Das ist die erschreckende Erkenntnis, die der neue kaufmännische Leiter Herbert Müller nach nur wenigen Wochen intensiver Buchprüfung ans Tageslicht gebracht hat. Das Entsetzen dar-über war derart groß, dass Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Kulturdezernent Thomas Egger so schnell wie möglich den Weg an die Öffentlichkeit suchten. Denn für den Verwaltungschef und Stadtkämmerer Leibe bedeuten die neuen tiefroten Zahlen ein wirkliches Problem: Wenn alles schiefläuft, verliert die Stadt Trier den Anspruch auf millionenschwere Zuschüsse aus dem Entschuldungsfonds des Landes. Für das mit mehr als 700 Millionen Euro verschuldete Trier wäre das eine Katastrophe. Denn dann käme nicht nur das geplante Sanierungsprojekt für das Theater ins Stocken. Auch fest eingeplante Investitionen in die Infrastruktur der Stadt sowie freiwillige Leistungen kämen auf den Prüfstand.

"Warum muss beim Weißen Rössl der Theaterchor im Saal sitzen, weil die Bühne so voll ist?", fragt Leibe nicht ohne Grund. Denn es sind vor allem die teuren Gastspiele von Künstlern in Trier, die Herbert Müller als Ursache für das neue Millionendefizit analysiert hat: "Laut Plan stehen dafür 560000 Euro im Jahr 2016 zur Verfügung. Tatsächlich betragen die Ausgaben 1,348 Millionen Euro." Der Oberbürgermeister gibt angesichts solcher Fakten jede Zurückhaltung auf: "Warum übernimmt niemand die Verantwortung?", fragt der sichtlich verärgerte Verwaltungschef mit Blick auf die versammelte Journalistenschar. "Ich habe Kulturdezernent Thomas Egger gebeten, auch zu prüfen, welche rechtlichen Konsequenzen wir ziehen können." Egger selbst will sich persönlich nicht für den nun auf 2,3 Millionen Euro gestiegenen Theater-Fehlbetrag im Jahr 2016 verantwortlich machen lassen: "Die Kosten sind im freien Bereich des Theaters entstanden." Karl Sibelius müsse sich erklären. "Auch dem Kulturdezernenten sind mittlerweile alle Geduldsfäden gerissen", sagt Egger, der Konsequenzen ankündigt. "Ich muss wissen, ob es Fehlplanung oder Fehlsteuerung war." Antworten darauf kann nur der seit mehreren Wochen erkrankte Intendant geben. Auch gestern war er telefonisch nicht zu erreichen. In einer Mail an unsere Redaktion spielte er am Abend allerdings den Ball zurück ins Rathaus: "Bin erkrankt. Alle Fragen bitte an Thomas Egger, der seit Mai die finanziellen Belange mitverantwortet, oder den seit 1. Oktober eingesetzten kaufmännischen Leiter Herbert Mueller. Bitte akzeptieren Sie das!"
Die Herzogin von Gerolstein hätte daran ihre Freude.
Meinung

Rainer Neubert
Das war's Herr Sibelius

Es kann doch nicht noch schlimmer kommen! Dieser Meinung konnte man durchaus sein beim Blick auf das Stadttheater in den vergangenen Monaten. Doch das Drama geht weiter und gerät nun endgültig zur Posse. Karl Sibelius, einst Hoffnungsträger und noch immer künstlerischer Tausendsassa, ist nicht mehr zu halten. Wenn die 977?000 Euro Mehrkosten tatsächlich - wie vom Kulturdezernenten Thomas Egger betont - ausschließlich in dem vom Intendanten zu verantwortenden Bereich entstanden sind, wird seine Dauervorstellung in Trier zu einem Gastspiel werden. Wie die Trennung aussehen wird, hängt letztlich davon ab, ob dem Intendanten eine bewusste Missachtung der strikten Sparvorgaben nachgewiesen werden kann. Nur dann kann an Entlassung gedacht werden. Wahrscheinlicher ist ein Abschied, den sich Sibelius versilbern lässt.
r.neubert@volksfreund.de