1. Region
  2. Kultur

Neues von Rotkäppchen und anderen Welten

Neues von Rotkäppchen und anderen Welten

So viele Künstler, so viele Welten. Im Luxemburger Casino wird einmal mehr deutlich, dass Weltbilder Ansichtssache sind.

Wirklichkeit ist, was wir davon wahrnehmen. Niemand belegt solch menschliche Wahrheit überzeugender als die moderne Kunst mit ihrem Anspruch auf subjektive Wahrnehmung und eine freie Wahl der Mittel bei der Darstellung . Wer sich solch wissender Unwissenheit bewusst ist, für den ist Toleranz eine lebenserhaltende Selbstverständlichkeit.Tolerante Akzeptanz von Vielfalt

Genau um jene tolerante Akzeptanz von Vielfalt und Andersartigkeit geht es im Ausstellungsprojekt "Welcome to our Neighbourhood" (Willkommen in unserer Nachbarschaft), das eine gemeinsame Veranstaltung des Arsenal Metz, des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Lüttich, der Stadtgalerie Saarbrücken und des Casinos Luxembourg ist. Auf der letzten Station im Großherzogtum steht nicht das Tolerieren abweichender Lebensgewohnheiten im Vordergrund. Im Luxemburger Casino geht es stattdessen um die Vielfalt der künstlerischen Weltbilder. Es ist immer dieselbe Welt und doch durch den Blick der Künstler jedes Mal eine ganz andere, signalisieren die einzelnen Positionen. Und weil es um Toleranz geht, bleibt am Ende zu demonstrieren, dass die auf den ersten Blick unterschiedlichen Stil- und Ausdrucksmittel im Grunde zusammenhängen. Was im Anliegen sehr sinnvoll ist, bleibt in Luxemburg allerdings ein theoretisch schwer einsichtiges Konzept. Auch der sich höchst anspruchsvoll gebenden Begleittext macht es nicht einfacher. Ganz abgesehen davon, dass die Arbeiten in den beiden Räumen, die ansonsten den "special guests" vorbehalten sind, viel zu dicht und damit recht wirkungslos hängen. Man tut gut daran, sich auf die Qualität der teilweise eindrucksvollen Arbeiten zu konzentrieren wie auf Frédéric Cochés albtraumartige Bilder unserer Medienwirklichkeit oder Francis Berrars über sich hinaus wachsendes Textbild. Damien Deroubaix holt klappernde Knochen, aufgeknüpfte Katzen und malträtierte Frauenkörper aus dem Gruselkabinett seines Unterbewusstseins. Jean-Marie Biwer hingegen nimmt die Nachbarschaft wörtlich und riskiert - gegenständlich und ein bisschen harmlos - aus unterschiedlichen Winkeln friedlich Blicke auf Dudelange. Die künstlerische Konstruktion der Wirklichkeit wird erst wirklich reizvoll durch die Hauptausstellung "Capricci". Allein die rote Deckenskulptur aus - sozusagen entdinglichten - Mülleimern von Anita Molinero ist hinreißend. Zudem ist hier meist genau jener Witz vorhanden, den der Titel der Schau verspricht und der dem didaktischen Nachbarschaftsprojekt abgeht. Was wir schon immer wussten: die meisten Unfälle geschehen im Haushalt, signalisiert Mona Hatoums unter Strom stehende Küche. Der Kleiderkoffer ist der ganze Mann, erhellen Enzo Umbacas "Suitcases". Alles im Leben ist Bruchstück, erfahren wir von Suchan Kinoshita und ihrem Klavier, dessen Tastatur Zahnlücken hat. Und dann gibt es auch noch was für Märchenfreunde mit Haidée Henrys Version von "Rotkäppchen und dem Wolf". Wer die Bettdecke hebt, ist selber schuld, aber aufgeklärt. Das Untier will Rotkäppchen gar nicht fressen, sondern vernaschen. Bis 2. September, Mo-Fr 11-19, Do 11-20, Sa, So 11-18 Uhr, Telefon 00352-225045