1. Region
  2. Kultur

Neugier, Lob und auch viel Schimpfe: Vielversprechender Spielzeitauftakt am Theater Trier

Neugier, Lob und auch viel Schimpfe: Vielversprechender Spielzeitauftakt am Theater Trier

Das erste Wochenende der neuen Spielzeit des Trierer Intendanten Karl Sibelius wird in der Stadt zum Gespräch werden. Denn das Publikum nahm das offene Theater gut an, war jedoch bei den Premieren äußerst unentschieden.

Trier. Magenta, weiß, grün. Das sind die neuen Farben des Theaters Trier. Verheißungsvolles Magenta wie die Lichtspiele auf der Fassade, die die Besucher am Spielzeit-Eröffnungswochenende mit insgesamt vier Premieren an den Augustinerhof locken. Weiß wie die Sessel, die, anders als die kalten dunklen Stahlbänke, im frisch umgestalteten Foyer zum Verweilen einladen. Grün wie der Garten, der sich dort bis an den Tresen erstreckt. Rasenplatten ersetzen während der Eröffnungswochen den unansehnlichen Teppich.

Der Boden mit dem "frisch duftenden Gras" sei toll, findet Karin Keutner aus Trier, "auch wenn er nicht für High Heels geeignet ist. Das neue Outfit des Theaters gefällt mir", schwärmt sie. "Super ist auch, dass der Garten jetzt geöffnet ist und dass regionale Bands spielen." Sie sei mit ihren Freundinnen nur wegen der Steff Becker Band zurückgekommen. Denn nach "Alles bleibt anders", dem Eröffnungsstück mit Intendant Karl Sibelius am Freitag (Rezension Seite 26), waren sie zunächst essen gegangen - die Grillwürstchen, die im Garten angeboten werden, sind nicht jedermanns Sache.

Auch sonst fühlt man sich eher in der Natur als mitten in der Stadt. Die Wand hinter der Garderobe schmückt ein riesiges Waldfoto, die Säulen sind als Baumstämme verkleidet. Dem vormals düsteren Entree, das die Besucher nach dem Zahlen an der Kasse oder dem Abgeben der Mäntel an der Garderobe schnell verlassen haben, hat der Wandel gutgetan. Licht dringt durch die großen Scheiben. Der Kickertisch im hinteren Teil ist stets umringt von Spielern und Zuschauern.Es weht ein frischer Wind


"Jetzt ist hier Leben", freut sich Silke Erbert aus Bitburg. "Es ist super, dass frischer Wind reinkommt. Das war schon sehr verstaubt." Sie und ihr Partner hätten sich gleich vier Abos gekauft, je eines für Schauspiel und Musiktheater.
Auch Rebekka aus Konz gefällt die Atmosphäre. "Das verleitet zum Verweilen", sagt die 21-Jährige, "das habe ich vorher nicht gemacht." Sie ist positiv überrascht: "Ich habe nicht erwartet, dass sich so viel tut, das ist geglückt." Aufgefallen sei ihr, dass der Altersdurchschnitt des Publikums niedriger sei als bisher.

Auch Dorothee Bohr aus Trier bestätigt, "dass das Publikum heute ein anderes ist als sonst". Sie hat "Ur_" gesehen, die skandinavische Oper, die am Freitag in Trier uraufgeführt wurde. "Ich finde es mutig, mit dieser Inszenierung die Saison zu eröffnen, weil es für Trier etwas Neues ist. Ich freue mich auf die neue Zeit. Man muss mal etwas anderes wagen."

Und Karl Sibelius wagt es, steht doch der neue Intendant auch höchstselbst auf der Bühne. "Ich bin so happy", sagt er freudestrahlend nach der Vorstellung. "Wir haben bis zwei Minuten vor Öffnung gearbeitet." Mit vier Premieren an einem Wochenende zu eröffnen, sei "schon heftig. Aber ich bin glücklich, weil die Resonanz toll, euphorisch ist. Die Leute sind neugierig." Insgesamt habe er eine große Bereitschaft erlebt, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen.

Aber nicht alles ist rosarot. Bei "Ur_" habe es unterschiedliche Reaktionen gegeben, von Begeisterung bis hin zu Beschimpfungen. "Was machen Sie aus unserem schönen Theater?", habe ein Gast gefragt. "Jeder hat das Recht, etwas gut oder schlecht zu finden", sagt Sibelius. "Ich will alles darstellen, da muss nicht jedem alles gefallen." Das Schauspiel "Molière" zumindest gefällt nur der Hälfte der 450 Zuschauer. Die anderen verlassen den Saal frühzeitig. Einige bleiben aber zumindest im Garten.

Mit dem neuen Theaterpark samt Kugelzelt hat Sibelius eine Idee seines Vorgängers Gerhard Weber aufgegriffen und weiterentwickelt, der sein Abschiedsfest im Garten gefeiert hatte. Der Neue hat zudem das Tor zum Viehmarkt geöffnet, Gartenstühle organisiert und essbare Pflanzen in Kübeln auf dem Rasen drapiert.

Rudolf Müller aus Trier gefällt die Idee, dass sich das Haus nach außen öffnet. "Ich komme gerade vom Karl-Marx-Fest und habe einen Schlenker hierher gemacht, weil mich das Theater interessiert." Auch dem Spielplan kann er was abgewinnen: "Der frühere Intendant Hans Neuenfels hat Mitte der 60er Jahre mit seinen Stücken mehr provoziert."Erster Übernachtungsgast


Auch Sibelius' künftiger Arbeitsplatz interessiert die Gäste. Das Mobile Home des Intendanten mit seinem Wohnwagencharme ist gut besucht. Sibelius selbst ist selten darin zu finden. Er schwirrt durchs Theater, plaudert mit Gästen. Derweil richtet sich im mobilen Büro der erste Übernachtungsgast ein: Dirk Arld, der sich als Regisseur vorstellen möchte. "Ich habe gesehen, was Karl Sibelius hier macht, das finde ich cool." Für "Molière" sei er aus Kaiserslautern angereist. Da er in der ganzen Stadt kein Hotelbett gefunden habe, habe Sibelius ihm spontan sein Büro angeboten.

Bis Mitternacht sitzen Gäste auf den Bänken und am Lagerfeuer, plaudern, loben die Inszenierungen oder zerreißen sie. Einen Ort der Begegnung will Sibelius hier schaffen. Zumindest am ersten Wochenende ist das gelungen. mehiMeinung

Neugier, Lob und auch viel Schimpfe: Vielversprechender Spielzeitauftakt am Theater Trier
Foto: friedemann vetter (ve.), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"
 Zurück zur Natur: Regionale Künstler wie Steff Becker unterhalten die Gäste im Foyer (Mitte), wo nun Rasen den früheren Teppichboden ersetzt. Gemütlich geht es zu im neu geschaffenen Theaterpark mit Kugelzelt (Bild rechts).
Zurück zur Natur: Regionale Künstler wie Steff Becker unterhalten die Gäste im Foyer (Mitte), wo nun Rasen den früheren Teppichboden ersetzt. Gemütlich geht es zu im neu geschaffenen Theaterpark mit Kugelzelt (Bild rechts). Foto: friedemann vetter (ve.), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"
Neugier, Lob und auch viel Schimpfe: Vielversprechender Spielzeitauftakt am Theater Trier
Foto: friedemann vetter (ve.), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"

Radikal genial
Das Theater hat's nicht leicht. Es muss unterhalten. Es soll nachdenklich machen. Es wäre nicht schlecht, wenn es die Sicht auf die Welt und - wenn's besonders gut läuft - auch einen selbst veränderte. Und manchmal muss es auch auf die Pauke hauen und ordentlich provozieren. Provozieren kommt von "provocare", und das bedeutet - auch - herausfordern. Herausgefordert wird der Zuschauer im Theater Trier gerade sehr. Karl Sibelius macht ein Theater, wie man es hier noch nicht erlebt hat. Ging man bislang ins Haus am Augustinerhof, bewegte man sich, seien wir ehrlich, weitgehend in einer Komfortzone (was keineswegs despektierlich gemeint ist oder die Verdienste von Gerhard Weber oder Heinz-Lukas Kindermann schmälern soll). Das hat sich seit dem Wochenende radikal geändert. Auf einmal wird der Zuschauer mit Überraschendem, Ungewöhnlichem, Irritierendem und Denkwürdigem konfrontiert. Eine Kammeroper, die der eine als bizarr, der andere als faszinierend betrachtet; ein Molière, der von dem einen als genial und von dem anderen als gaga kritisiert wird: Das sind Inszenierungen, die das Theater dorthin bringen, wo es hingehört - ins Gespräch. Sibelius und seine Mannschaft haben genau das Richtige getan: Interesse geweckt, Aufmerksamkeit erregt und - ja, auch provoziert. Wer dermaßen herausgefordert wird, von dem erwartet man eine Reaktion. Am besten eine mit klugen Argumenten und geistreichem Widerspruch. Türenknallend aus dem Theater zu poltern ist natürlich auch eine Reaktion. Aber bei weitem die dümmste.
r.nolden@volksfreund.de