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Nibelungen im Zeitraffer

Nibelungen im Zeitraffer

Für eine Opernproduktion zum 200. Geburtstag Richard Wagners hat es nicht gereicht, dafür bot das Theater Trier mit Unterstützung des örtlichen Wagner-Verbandes ein Gala-Konzert mit vielen Gästen. Auf dem Programm: Ein Querschnitt durch den Ring des Nibelungen.

Trier. Ein mutiges Unterfangen: Der "Ring" in zweieinhalb Stunden, das ist, als wollte man die Bibel als Reclam-Heft herausbringen. Der dabei entstehende dramatische Kürzungsbedarf kann schnell zum Gemetzel werden.
Am Anfang holpert es auch mächtig: Der Schnitt nach dem Rheingold-Vorspiel klingt, als hätte man ihn mit dem Hackebeil vorgenommen. Das Orchester braucht Anlaufzeit, um sich wieder an Wagner zu gewöhnen. Die Finesse der Streicher, die Majestät der Bläser: Alles bleibt zunächst auf Sparflamme.
Tenor Svetislav Stojanovic ist bei Wagner einfach im falschen Film, Bassbariton Alexander Trauth kämpft sich mühsam durch den Part des Alberich - später, als Götterdämmerungs-"Hagen", wird er wesentlich stärker überzeugen. Der hoch gehandelte Gast Peteris Eglitis singt einen Wotan mit angezogener Handbremse, die leisen Töne versickern in der trockenen Trie rer Akustik, im Forte klingt er gepresst und angestrengt. Am stärksten kommt noch das Trie rer Rheintöchter-Trio Joana Caspar/Evelyn Czesla/Kristina Stanek zur Geltung.
Man beginnt sich schon Sorgen zu machen um diesen Gala-Abend, da passiert etwas Unglaubliches: Als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt, herrscht bei der "Walküre" plötzlich atemlose Spannung. Aus der Musik wird Klangmalerei, das Orchester entsinnt sich der herausragenden Produktion vor sechs Jahren und wirft sich mit Verve in die Schlacht.
Jetzt sitzen auch die Schnitte, Dirigent Victor Puhl hat sie so geschickt angelegt, dass ein Großteil des Publikums nicht einmal merkt, wenn er durch die Handlung springt. Der erste Walküren-Aufzug ist ein Glanzstück, man fiebert mit Siegmund und Sieglinde dem Inzest der Götterkinder ("So blühe denn, Wälsungenblut") entgegen. Auffallend die Sopranistin Susanna Pütters, warm timbriert, präzise in der Diktion, stark in den musikalischen Gefühlsausbrüchen. Auch Jon Ketilsson weiß als Siegmund mit seiner intakten, gut geführten Tenorstimme zu überzeugen.
"Siegfried" bringt ein Wiedersehen mit Vera Wenkert, die lange Jahre im Trierer Ensemble Akzente setzte. Nach wie vor macht ihr stimmliches Material staunen - es gibt, auch an großen Häusern, wenig Sopranistinnen, die über ein solches, schier unerschöpfliches Volumen verfügen. Geblieben ist der sorgfältige, durchdachte Umgang mit dem Wort, insgesamt wirkt die Stimme kontrollierter - wenn auch manchmal etwas schrill in der Höhe. Schön, dass sie Gelegenheit hatte, den (nicht von ihr verschuldeten) unglücklichen Eindruck aus der letzten Macbeth-Produktion zu korrigieren.
Ein wunderbares Finale


Diane Pilcher gestaltet eine souveräne Wala, Wotan Eglitis legt nach der Pause etwas zu - aber die Könige des Abends sitzen auf den harten Orchester-Stühlen.
Mit dem Walküren-Vorspiel beginnt ein Höhenflug, der bis zum so entfesselt wie präzise gespielten Trauermarsch (starke Schlagzeuger!) reicht - und ein wunderbares, filigranes, noch den letzten Ton auskostendes Götterdämmerungs-Finale einschließt. Zu Recht gilt am Ende des nicht unstrapaziösen Programms die stärkste der ohnehin üppig gewährten Ovationen Victor Puhl und seinen Philharmonikern.