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"Nicht für die Kunstgeschichte ..."

"Nicht für die Kunstgeschichte ..."

Einen neuen Direktor für das Luxemburger Mudam sucht derzeit der Verwaltungsrat des Museums. Der Rücktritt von Museums chef Lunghi hat nicht nur mit politischem Versagen zu tun. Er ist auch bezeichnend für das Verhältnis weiter Luxemburger Kreise zur zeitgenössischen Kunst.

Luxemburg. "Ich gehe voll Traurigkeit, aber ohne etwas zu bereuen", hatte er zum Abschied aus dem Mudam gesagt. Zur Reue hatte Enrico Lunghi auch keinen Grund. In den Jahren seiner achtjährigen Amtszeit hat der scheidende Direktor aus dem Museum am Fort Drei Eicheln eine international beachtete Referenzadresse für zeitgenössische Kunst gemacht. Und auch die öffentliche Akzeptanz hatte der Luxemburger Kunsthistoriker äußerst erfolgreich von 40 000 auf zuletzt fast 100 000 Besucher im Jahr gesteigert. Dass er dennoch am Ende das Handtuch warf, ist der Politik anzulasten, die sich der medialen Erregungsinszenierung willfährig beugte und populistisch aus einem laut Luxemburger Medien manipulierten Fernsehbeitrag eine Staatsaffäre machte (der TV berichtete).
Qualität statt Event


Lunghis Resignation ist der Schlussakt eines langen zermürbenden Kampfes für die zeitgenössische Kunst in Luxemburg. Ebenso ist sie ein Beleg für deren Situation im Großherzogtum. Bis heute hat es die zeitgenössische Kunst dort schwer und erst recht, wo sie auf Qualität statt Event setzt und nicht im eigenen Land entstanden ist. Jenseits wie diesseits der Grenze ist das Wort des Kunsthistorikers und Vorkämpfer des Impressionismus Julius Meier-Graefe noch längst nicht überall angekommen: "Kunst nicht für die Kunstgeschichte". Sie sei noch nie im Mudam gewesen, konnte dann auch bei ihrem Amtsantritt selbstbewusst die vorherige Kulturministerin Maggy Nagel verkünden.
An die internationale zeitgenössische Kunstszene sollte das Großherzogtum angeschlossen werden, als 2006 das Mudam eröffnet wurde. Nach der glücklosen Französin Marie-Claude Beaud war der Luxemburger Lunghi als Chef des Casinos und Forums für zeitgenössische Kunst der geeignete Kandidat, das Haus dorthin zu führen. Sein konsequentes internationales Programm zeitgenössischer relevanter Kunst, das dem Haus ein klares Profil geben und es zukunftsfähig machen sollte, ist bis heute gleichermaßen in konservativen Kreisen umstritten, wie bei jenen, die künstlerische Qualität gleichsetzen mit Massenakzeptanz, prominenten Namen und hohen Marktpreisen.
Denen geht - auch in Luxemburg - eine Matisse-Ausstellung, selbst wenn es eine fünftklassige ist, selbstredend vor einer Christina-Lucas-Schau. Zu den schärfsten Kritikern des Mudam-Programms gehört der prominente Rechtsanwalt Gaston Vogel, der sich in der Vergangenheit ebenso hitzige wie unterhaltsame Wortgefechte mit dem Mudam-Chef lieferte. Jedes Mal, wenn große Werke gezeigt würden (womit er die modernen Klassiker und die Marktführer der Kunstszene meinte), geschehe das in ausländischen Museen, wetterte er 2014 erbost in einem Brief an Lunghi. Im Mudam seien nur die "kleinen Genies" zu sehen. Der Mudam-Chef stand nicht an, mit einer Gegenfrage zu parieren.
"Hätten Sie zugeschaut, wie der Zug der modernen Kunst Ihnen vor der Nase wegfährt? Wären Sie lieber mit einigen "Hinterwäldlern" abseits stehengeblieben, im Augenblick, als unser Land endlich an der zeitgenössischen Kunst teilzunehmen begann?", schrieb er an Vogel.
TV-Analyse Moderne Kunst


Tatsache ist, dass auch das Mudam nichts gegen hochpreisige Heroen hat, sofern sie ins Programm passen. Immer wieder sind sie dort zu sehen, sogar aus der eigenen Sammlung, wie ab Februar Tony Cragg. Tatsache ist allerdings auch, dass angesichts des mageren und inzwischen fehlenden Ausstellungsetats die Sammlung nicht mit wichtigen Werken erweitert werden kann.
Viel hält der junge Nationalstaat Luxemburg auf seine nationalen Künstler und fördert sie nach Kräften.
Derzeit ist sogar eine Diskussion um eine Nationalgalerie im Gange. Entsprechend groß ist das Selbstbewusstsein manch einer lokalen Kunst-Größe, die sich gern im Mudam sähe. Bekanntlich entzündete sich auch die Affaire Lunghi an einem solchen Anspruch der Künstlerin Doris Drescher. Die wurde übrigens bereits in einer Gruppenausstellung dort im Haus gezeigt, genauso wie ihre Luxemburger Künstler-Kollegen Jean-Marie Biwer, Su Mei Tse, Bertrand Ney und andere. Am fehlenden Förderwillen liegt die handverlesene Auswahl aus der landeseigenen Kunstszene gewiss nicht. Wer auf Qualität setzt, kommt nun mal nicht umhin, zuzugestehen, dass ein Land mit der Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt nicht laufend Kunststars hervorbringt.
Das künstlerische Weltbild der Luxemburger prägt gewiss auch das Angebot der Galerien. Zum Glück ist das Galeriensterben der letzten Jahre gestoppt. Inzwischen gibt es gerade in der Hauptstadt einige neue Kunsthändler. Auch da ist die Risikofreude nicht allerorts groß. Gern setzt man auf umsatzfördernde Einheimische und Vertrautes, augenscheinlich leicht Zugängliches.
Daran ändert selbst die neu eingeführte alljährliche "Art Week" nichts. Wie geht es weiter? Einen Nachfolger für Lunghi zu finden, der nicht nur über eine internationale Reputation verfügte, sondern auch bekennender Luxemburger war, wird schwer sein. "Es gibt niemand anderen, der eine solche Institution in Luxemburg so verwalten kann wie Enrico. Ein Direktor, der aus Brüssel, Paris oder New York kommt, wird nichts verstehen, er wird sich langweilen, er wird sich beklagen oder Scherze über das Land machen, so wie einst Marie-Claude Beaud, die sich damit keine Freunde machte. Solche Probleme hatte Enrico nie", klagte der hoch erfolgreiche Belgier und Mudam-Hauskünstler Wim Delvoye in einem Interview mit der Zeitung Letzebuerger Journal.