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Nichts ist so ernst, wie es erscheint

Nichts ist so ernst, wie es erscheint

Eine Hommage an das Theater sollte sie werden, die Trierer Neuinszenierung von "Orpheus in der Unterwelt". Am Ende der Premiere war sie noch mehr - eine Hommage an den wunderbar leichtfüßigen und doch substanzreichen Witz des Jacques Offenbach.

Trier. Der Start gestaltete sich noch einigermaßen zäh. Eurydike als Hausfrau der Sechziger, die ihre erotischen Bedürfnisse heimlich auslebt, Orpheus als Volksmusik-Geiger, ebenfalls mit ausgeprägter Seitensprung-Mentalität - das klingt nach Regie-Egotrip. Aber wer von den gut 600 Besuchern im Trierer Theater nach den Erfahrungen der szenisch missglückten "Carmen" schon abwinken wollte, ärgerte sich zu früh.
Trotz des eher mühsamen Einstiegs ist es Regisseur Alexander Kerbst gelungen, Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" behutsam in einen neuen Zusammenhang zu übertragen und der Operette Aktualität zu verleihen. Es ist schlüssig, die Figur der "öffentlichen Meinung" zur Konzertagentin zu machen, die bei Orpheus den gutbürgerlichen Schein wahren will.
Wohltuende Gelassenheit


Mag sein, dass die Umdeutung des Bacchus zum Theaterdirektor zu beiläufig geriet - da wäre Intendant Gehard Weber der richtige Mann auf der Bühne gewesen. Aber die Regie forciert nichts. Sie bewahrt über die gesamte Distanz eine wohltuende Gelassenheit, frei von allem Verzerrten, Überdrehten, Verkrampften.
Und spätestens, wenn sich im zweiten Bild der Götterhimmel öffnet, geben Regisseur und Darsteller den Blick frei auf das Allzumenschliche hinter den Fassaden von göttlicher Macht und bürgerlichem Anstand. Altmeister Karel Spanhak, der für Trier sein erstes Bühnenbild im Jahr 1981 entwarf, hat das Doppelbödige dieser Operette sensibel ins Bild gebracht. Symbolstark die letzte Szene: ein klassizistisches Tempel-Inneres in schräger Optik. Ein Kreis wird zum Oval, Säulen stehen schief, dazu das Rotlicht aus der Unter-Halbwelt, und mittendrin tanzen die Akteure mitsamt Chor (Angela Händel) und Ballett (Reveriano Camil) den berühmten Cancan. Nichts ist so ernst, wie es erscheint.
Dem Trierer Ensemble gelingt mit dieser Premiere ein Glanzstück. Norbert Schmittberg versetzt den sonoren Herrenton des Jupiter mit feinen Zwischentönen. Dazu, deutlich und subtil zugleich, Louis Lays stimmkräftiger Pluto und der kalkuliert dünnblütige Orpheus von Svetislav Stojanovic. Barbara Ullmann demonstriert als Agentin professionelle Durchsetzungsfähigkeit (weitere Akteure: Silvia Lefringhausen, Amadeu Tasca, Joana Caspar, Hiltrud Kuhlmann, Angela Pavonet, Noriko Kaneko, László Lukas, Christian Miedreich und Manfred Rath). Und Evelyn Czesla - sie singt und spielt sich mit der Zeit immer nuancierter in die vielschichtige Rolle der Eurydike hinein und bewältigt dabei die verteufelt schwierige Gesangspartie mit Bravour. Grund genug für einen Ehrenplatz beim begeisterten Schlussapplaus.
Mal wuchtig, mal elegant


Unten im Graben dirigiert Joongbae Jee. Und macht aus der Not der viel zu kleinen Streicherbesetzung die Tugend eines klingenden Kammerstils. Wuchtige Akzente sind da, aber sie bleiben vorsichtig dosiert. Von den ersten Bläsersoli an dominiert bei den Philharmonikern eine fein ausgehörte, sacht beschwingte Eleganz - frei von allem Grellen und Überangestrengten.
Die zieht sich durch die gesamte Produktion. Statt bissiger Satire verbreitet sie sanfte Sympathie - für das Theater allgemein, für die Protagonisten, für das Orchester und vor allem: für Jacques Offenbachs mozartnahe Musik. Da klingt eine Geste lächelnder Selbstironie mit - auf der Bühne und vielleicht auch im Publikum. All das macht den Trierer "Orpheus" so reich und anziehend. Man geht aus der Premiere, heiter und nachdenklich zugleich.