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Nichts ist, wie es scheint

Er liebt einen Automaten: Dichter Hoffmann (Wolfgang Schwaninger) und Puppe Olympia (Evelyn Czesla) TV-Foto: Friedemann Vetter
Er liebt einen Automaten: Dichter Hoffmann (Wolfgang Schwaninger) und Puppe Olympia (Evelyn Czesla) TV-Foto: Friedemann Vetter
Klasse Sängerleistungen, ein bestens aufgelegtes Orchester und eine fantasievolle, gelegentlich überbordende Regie jenseits aller Klischees: Das waren die Zutaten für einen umjubelten Saison-Auftakt im Theater Trier. Von unserem Redakteur Dieter Lintz

Trier. Man ist gewöhnt, dass Regisseure Erklärungsmuster liefern, schlüssige Deutungen, Psycho-Logik. Das alles will Birgit Scherzer mit ihrem Trierer "Hoffmann" nicht. So wenig wie E.T.A. Hoffmann, der schaurig-romantische Dichter, der Offenbachs Oper ebenso inspiriert hat wie die Regisseurin.

Scherzer lädt ein zu einer Reise in die dämmerige Welt zwischen Realität und Fantasie, schüttet ein (manchmal übertrieben) pralles Füllhorn von surrealistischen Bildern, Symbolen, Anspielungen über den Betrachter aus. Wer da lange grübelt und Erklärungen sucht, verpasst den Anschluss. Da hilft nur eins: sich einzulassen auf Hoffmanns skurrilen Kosmos, der brillant changiert zwischen Melodram, Mysterium und Monty-Python-Humor.

Die Regie verlegt den Rahmen der Geschichte - wie passend - in die Theaterkantine, wo sich anfangs das Bühnen-Personal in der Aufführungs-Pause sammelt und am Ende alle Protagonisten noch einmal antreten zu Hoffmanns Abgesang. Die Regie fährt kräftig auf: Da schwirren Radfahrer und Blumen-Kavaliere scheinbar sinnfrei durch die Gegend, der Komponist Offenbach flaniert über die Szenerie, brennende Tänzerinnen, Chorherren in Ballkleidern, Wissenschaftler im Labor-Outfit tauchen auf. Reichlich Futter fürs Auge bieten Manfred Grubers Bühnenbild und Alexandra Benteles Kostüme - aber alles andere als Bilderbuch-Romantik eher etwas zwischen Dali und Tinguely. Zwei ineinander verschränkte, mit Schwingtüren versehene Dreiecks-Elemente bilden einen gut besingbaren und bespielbaren Hintergrund.

Für jeden Akt ein eigenes Klangbild



GMD Victor Puhl stürzt sich bei seinem Trierer Opern-Debüt in die Partitur, als könne er es kaum abwarten, sein Publikum zu fesseln. Zackige, federnde Tempi bei der Ouvertüre und im 1. Akt bringen den Chor anfangs ins Wackeln, geben aber den Takt vor für eine spannende, variantenreiche Offenbach-Interpretation. Es gelingt, für jeden der drei Akte um Hoffmanns tragische Lieben einen eigenen Klang zu entwickeln: Wirbelnd-ironisch für Olympia - da ist der Chor hellwach -, eingedunkelt-melancholisch für Antonia, fiebernd-bedrohlich für Giulietta. Klare Ansagen, eine sichere Hand beim Zusammenhalten der szenisch sehr anspruchsvollen Ensembles - besser hätte Puhl kaum starten können.

Man hat allerdings auch gut glänzen, wenn ein Sänger-Ensemble zur Verfügung steht, wie man es in dieser Dichte auch an größeren Häusern selten findet.

Es klingt dick aufgetragen, aber Gast Wolfgang Schwaninger hält in der Titelrolle jedem Vergleich stand - auch mit Namen wie Domingo oder Shicoff. Da sind innige, lyrische Farben, aber auch Kraft für mächtige Ausbrüche - genau jene Variabilität, die diese Partie verlangt. Dazu kommen ein vorzügliches Gefühl für Timing - die Einsätze in der Arie von "Klein-Zack" wären eines Drahtseil-Artisten würdig - und eine von Tenören ungewohnte Spielfreude.

Hoffmanns Muse in Gestalt seines Freundes Niklas wird dank der Gewichtung durch die Regie und der Gestaltungskunst Eva Maria Günschmanns zu einer ebenbürtigen Hauptfigur. Günschmann beherrscht jede gesangliche Facette der Partitur und macht mit ihrer - ebenso wie bei Schwaninger - beispielhaften Wortverständlichkeit die Entscheidung, auf Deutsch zu singen, zum Glücksfall.

Und was kann das Trierer Haus noch an Sängerinnen aufbieten: die mit phänomenaler motorischer Begabung ebenso wie mit Koloraturenglanz begeisternde Evelyn Czesla (Olympia), Adréana Kraschewski (Antonia) mit betörenden Piani und einem seidigen Timbre, Vera Wenkert als kraftvolle, mondäne Giulietta, die am Ende von Hoffmann umgebracht wird - natürlich, wie alles, nur in der Fantasie.

Laszlo Lukacs' diszipliniert und souverän gespielter und gesungener vierfacher Bösewicht wird flankiert von ideenreich aufgepeppten Gestalten: Eric Rieger spielt sich als mal täppisches, mal dämonisches Faktotum die Seele aus dem Leib, Peter Koppelmann liefert eine köstliche Studie als verrückter Erfinder in einer Kinski-Nosferatu-Maske, Jürgen Orelly präsentiert bei seinem Trier-Debüt einen herrlich schrägen Schlemihl. Bei ihnen geht Scherzers Konzept der Verunsicherung, des Spiels mit Spaß und Grauen, am stärksten auf - besser als im tragischen Antonia-Akt.

Auch Vera Illieva, Pawel Czekala, Carsten Emmerich und die Statisterie klinken sich ein in einen Opernabend, der genau so rund läuft wie die kunstvoll genutzte Drehbühne.

Umfrage

"Ich fand es ganz, ganz toll. Die Solisten konnten zeigen, was sie wirklich können. Super toll. Ganz große Klasse." Vera Klasen, Trier "Musikalisch überwältigend. Nur die Einfälle von der Regie habe ich nicht immer nachvollziehen können, wenn Giulietta mit dem Rad wegfährt: War etwas weit hergeholt." Ricarda Kuhner, Trier "Ein sehr abwechslungsreicher Theaterabend mit viel Schwung. Nur die szenischen Details waren manchmal zu dick aufgetragen." Astrid Hering, Trier "Imponierend für mich die sängerischen Leistungen der Frauen. Das Bühnenbild war etwas gewöhnungsbedürftig." Horst Richter, Konz Umfrage/TV-Fotos (4): Ludwig Hoff