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Niedersächsischer Wirbelwind

Niedersächsischer Wirbelwind

TRIER. Selten war man sich in der Trierer Kulturpolitik in den letzten Jahren so einig wie bei der Wahl des neuen Intendanten: Dass Gerhard Weber, 53, von Hannover nach Trier wechselt, wollten alle Beteiligten.

"Tut mir leid, ich habe schlechte Nachrichten für Sie." Gerhard Weber hat gerade die Hannoversche Allgemeine am Handy. Schonend bringt er dem Redakteur vom Feuilleton bei, dass seine Vertragsgespräche in Trier vor einem erfolgreichen Abschluss stehen."Hannover verliert einen Wirbelwind, und die Landesbühne muss darauf achten, dass mit ihm nicht auch ihre Seele geht", dichtet der tieftraurige Kollege tags drauf. Wenn Nachrufe ein halbwegs realistisches Bild zeichnen, dann muss Trier einen außergewöhnlichen Fang gemacht haben.Zurzeit sitzt der Fang vor einem Café auf dem Viehmarkt. "Wir treffen uns auf diesem zentralen Platz da", hat er am Telefon gesagt. Dass da auch noch Hauptmarkt und Kornmarkt, Portavorplatz und Domfreihof, Stockplatz und Konstantinplatz in Frage kämen, wird er als Neu-Trierer wohl bald wissen.Gesucht: Der Intendant als Diplomat

Zuerst aber muss er den Augustinerhof kennen lernen, der sowohl das Rathaus wie das Theater zu seinen Anliegern zählt. Eine räumliche Nähe, die fast symbolhaft wirkt für die in Trier besonders enge Verquickung zwischen den kommunalpolitischen Brettern und jenen, die die Welt bedeuten.Da braucht es Intendanten, die auch Diplomaten sind. Weber ist zumindest wie einer gekleidet, mit unaufdringlichem, aber wahrnehmbarem Chic in Trendfarben. "Typ Alt-68-er", hat die Journalistin aus Saarbrücken erzählt, wo er in früheren Jahren Schauspielchef war. Falls das damals so gewesen sein sollte, dann jedenfalls eher Typ Joschka Fischer als Daniel Cohn-Bendit. Nein, er sei kein "vergrübelter Theatermacher", lautet seine Selbsteinschätzung, eher "offensiv und kommunikativ". Genau so kommt er auch im Gespräch rüber.Dabei klingt vieles seriös bis staatstragend: Langfristige Planung, Sponsorenpflege, touristische Vermarktung - mit solchen Begriffen hat er wohl die Auswahlkommission des Stadtrats überzeugt, die doch quer durch alle Fraktionen "etwas Solides" suchte, wie allenthalben bekundet wurde.Aber da klingt auch Lust am Risiko durch. "Neue Spielorte auftun" will Gerhard Weber, der mit seiner Hannoveraner "Wanderbühne" Erfahrung darin hat, auch außerhalb des High-Tech-Musentempels Stadttheater aufzutreten. "Publikumssegment-orientiert" soll das Angebot sein. Will heißen: Eine Mischung, die schon mal Extremes ausprobiert, aber auch für Traditionelles Platz lässt. Hip-Hop-Theater für die Jungen, schräge Performance für die Intellektuellen, Musical für die Familie, modernes Schauspiel fürs Bildungsbürgertum, gemütliche Operette für die Oma vom Land: So wirkt auf den ersten Blick auch sein Hannoveraner Repertoire. Vielleicht muss man etwas genauer hinsehen, um die Widerhaken zu erkennen.Nach einem theater-ästhetischen Gesamtkonzept sieht das jedenfalls nicht aus - vielleicht ist das auf einer kleinen "Provinz-Bühne" auch gar nicht zu leisten. Ob sich der Schauspiel-Mann Weber einen Opern-Direktor holt, der im Musiktheater für den Erhalt der hohen Qualitätsstandards sorgt? Da will er erst mal mit Generalmusikdirektor István Dénes reden. Dessen Stellung hat das Rathaus ge- rade gestärkt, er soll für längere Zeit ans Trierer Haus gebunden werden.Für detaillierte Aussagen ist es ohnehin noch zu früh. "Zuhören" scheint Webers Devise zu sein. Bei Themen wie der Vernetzung des Theaters mit der lokalen und regionalen Kulturszene fragt er schon mal eindringlicher nach."Ein Theatermann, den seine Mitarbeiter für seinen übermenschlichen Einsatz gleichzeitig lieben und hassen können", nennt ihn die Hannoversche Allgemeine in ihrer Eloge. Bei allen Unterschieden zumindest ein Punkt, in dem er seinem Vorgänger gleicht wie ein Intendant dem anderen.