Nina Hagen und der alte, weiße Mann

Unterm Strich – Die Kulturwoche : Bunte Frauen und alte Säcke

Nina Hagen wandert ins Museum, während Soziologen den alten, weißen Mann erforschen. Die Kulturwoche.

Ob der Farbfilm zu sehen sein wird, den Michael vergessen hat? Es war einer der größten Erfolge der Punk-Ikone Nina Hagen (Foto: dpa), der auch zwischen Hamburg und München aus den Kofferradios dröhnte. 1974 war das, BRD und DDR waren weiter voneinander entfernt als Mond und Erde und eine Wiedervereinigung so wahrscheinlich wie ein Sonnenaufgang im Westen. Gegen alle Stasi-Widerstände hatte es die kreischbunte Frau in der tristgrauen Zone zu kurzem Erfolg gebracht, die sie 1976 verlassen konnte/durfte/musste (mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen), weil sie sich für den ausgebürgerten Liebhaber der Mutter und Freund der Familie, Wolf Biermann, eingesetzt hatte. Das bewegte Leben der Sängerin zwischen USA, London, den Niederlanden und Westdeutschland zeichnet eine Ausstellung im Theatermuseum Hannover nach. Zu sehen sind rund 460 Objekte aus der Sammlung von Arne Buhrdorf (52), der sich als Elfjähriger in die Stimme der Punk-Queen verliebte. Über 3000 Objekte umfasst seine Sammlung: von Platten über Plakate und Titelseiten bis hin zu Fan-Artikeln wie Schals, Kissen oder ein Nina-Hagen-Kartenspiel. Modestrecken und Titelseiten etwa der „Vogue“ zeigen, dass die Berlinerin auch Stil-Ikone war. „Sie trug das Spitzen-Bustier von Jean Paul Gaultier früher als Madonna“, sagt der Sammler. Außerdem sei sie das älteste Cover-Girl der „Bravo“. Nina Hagen, inzwischen 64, zierte 1980 und 2006 das Titelblatt der Teenie-Zeitschrift.  Plattencover aus Brasilien oder ein Tourheft aus Japan zeugen davon, dass sie weltweit Erfolg hatte und zahlreiche Musiker beeinflusste. So schwärmte Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers, noch Jahrzehnte später von Nina Hagens Sex-Appeal, ihrer Großzügigkeit und ihrem Charisma. „Nina Hagen – Godmother of Punk“ heißt ein Arte-Film aus dem Jahr 2011, der ebenfalls im Rahmen der Ausstellung zu sehen ist, die bis zum 12. Januar in Hannover gezeigt wird. Der alte weiße Mann ist nicht nur ein soziologischer Typ und Topos, sondern auch ein mittlerweile vielbeschworenes Auslaufmodell. Letzte Zuckungen von sterbenden Dinosauriern, wie sie etwa im Weißen Haus in Washington oder in Brasilien zu besichtigen sind, wo Jair Bolsonaro wütet, gleichermaßen Umweltzerstörer, Rassist und Frauenhasser wie sein Kollegen-Troll aus dem Oval Office. Der alte weiße Mann ist inzwischen eine kulturelle Größe. Soziologen arbeiten sich an dem Begriff ab – und auch die Literatur. Im März erschien „Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann. Und Thomas Gottschalk kommt in seiner neuen Biografie „Herbstbunt“ nicht ohne folgende Analyse aus: Der „ältere heterosexuelle weiße Mann, eine Spezies, der ich mich zurechne“, sei „mittlerweile das einzige lebende Wesen (...), das keinerlei Artenschutz für sich reklamieren kann“. Jetzt leistet auch Bestseller-Autor Jan Weiler („Das Pubertier“) einen literarischen Beitrag zur Debatte. Er greift die Sorge von Gottschalk und anderen alten weißen Männern auf und hat mit „Kühn hat Hunger“ ein Buch geschrieben, das zwischen liebevollem Verständnis für den in einer Welt der stärker werdenden Frauen verunsicherten Kommissar Kühn und bitterböser Abrechnung mit brutalen Frauenhassern wechselt. Die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter sei für einige Männer „eine große Überforderung“, sagte Weiler in einem Interview. Mitleid ist allerdings nicht angebracht. Die alten Säcke haben sich schließlich selbst in ihren Schlamassel hineingeritten. Mögen sie friedlich und auf Nimmerwiedersehen darin versinken. no/dpa

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