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Noch Spielraum nach oben

Noch Spielraum nach oben

Es war große Musik, wie man sie so geballt nur selten hört. Und mit Teilnehmern der Konzer Sommerkurse und Mitgliedern der Trierer Philharmoniker waren kompetente Musiker am Werk. Trotzdem blieben beim Abschluss der Sommerkonzerte in Konz-Karthaus einige Wünsche offen.

Konz. Der Anfang klingt, als hätten sich alle per Zeitreise ins letzte Jahrhundert begeben. So füllig, betulich, ja sogar schwerfällig klang Bach vor 70 oder 80 Jahren. Die Mitglieder der Trierer Philharmoniker lieferten eine Art Arbeitssieg über die galant-beschwingten Tanzmelodien von Bachs Suite in h-Moll, und Dirigent Paul Trein schlug zudem reichlich zähe Zeitmaße an. Ähnlich problematisch die angestrengt musizierte und nicht gerade glückliche Orchesterbearbeitung des dreistimmigen Ricercars aus Bachs "Musikalischem Opfer".
Wie es besser geht, konnte man danach bei Bachs 5. Brandenburgischem Konzert ausmachen. Ein homogenes Solisten-Trio: Flötist Christoph Riemenschneider, der schon der Suite durch seine Soli einen warmen Glanz mitgegeben hatte, beschwor mit warmem Ton die Intimität dieser Musik, Geiger Jon Hess stellt sich hellhörig auf den Kollegen ein und setzte doch immer wieder eigene Schwerpunkte.
Und am Cembalo brillierte Luca Montebugnoli. Er machte die große Kadenz im Kopfsatz und seinen Einstieg ins Finale zu einem cembalistischen Glanzstück. Paul Trein und das Orchester nahmen die Solisten in ihre Mitte - mal kontrastierend, mal gleichsinnig, immer mithörend und auch mitfühlend. Am schönsten freilich gelang der langsame Mittelsatz, den Bach den Solisten vorbehält. Da entfalten die drei Musiker zarte, fast philosophische Klanggewebe - sinnlich und gedankenreich zugleich.
Und direkt nach der Pause erneut eine Kostbarkeit: Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 414, das erste seiner Wiener Konzerte. Vielleicht ging bei dem Pianisten Ariel Sorrentino Quilici, dem Orchester und Dirigent Paul Trein in den Ecksätzen etwas vom hinreißenden Charme dieser Musik verloren. Aber wenn der langsame Satz so wunderbar kantabel beginnt und im Mittelteil in melancholische Moll-Tiefen versinkt - dann bringen sie diese unnachahmlich leichte, ungezwungene und zu Herzen gehende Schönheit eindrucksvoll zum Klingen.
Zu Liszts abschließender "Malédiction" - Verwünschung - kann es nur einen Kommentar geben: teuflisch brillant. Die zarte Han-Wen Yu zaubert auf den Tasten ein Feuerwerk der Akkordpassagen, der Läufe, der gewagten Sprünge, baut mehrstimmige Strukturen auf und bleibt dennoch erstaunlich kultiviert und transparent. Nie gleitet das Exaltierte ins Grobe und Unschöne ab. Mag sein, dass es im Zusammenspiel vereinzelt knirschte. Aber Paul Trier und das Orchester gaben der Pianistin Raum, stützten sie, verliehen ihrer Virtuosität einen soliden Klanghintergrund. Jubel unter den rund 120 Besuchern im Kloster Karthaus.
Das Konzert war gewiss reich an Schönheiten. Trotzdem bleibt der Eindruck: Da ist noch Spielraum nach oben. Wenn sich die Teilnehmer der Sommerakademie und ihr Leiter Paul Trein bei vorklassischer Musik ernsthaft mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen würden, wäre das für die Musik zweifellos von Vorteil.