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Normal ist hier eigentlich niemand

Normal ist hier eigentlich niemand

Was ist Wahn, was ist Wirklichkeit? Die Charaktere im "Cabinet des Dr. Caligari" können das eine nicht vom anderen unterscheiden. Und die Zuschauer im ziemlich ausverkauften Theater Trier werden auch ganz schön irre.

Trier. Es ist Jahrmarkt in der Stadt. Attraktion des Rummels ist ein gewisser Dr. Caligari mit seinem Faktotum, dem Somnambulen Cesare, den der Doktor nach Lust und Laune steuert. Den Dauerkomatösen weckt er nur auf, um ihn auf Mordzüge zu schicken und Angst und Schrecken zu verbreiten.
Zahlreiche Film- und Literaturwissenschaftler sehen Zusammenhänge zwischen der Uraufführung von Robert Wienes Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" im Jahr 1920 und dem Aufkommen des Nationalsozialismus: Dr. Caligari, ein gewissenloser Manipulator, der die Menschen für seine Zwecke instrumentalisiert. Die Ausgeburt des Bösen. Ein Hitler aus der Frühzeit des Films.
In Trier verkneift sich die Regisseurin Alice Buddeberg jeglichen Hinweis auf politische Parallelen. Ihre Inszenierung konzentriert sie vielmehr auf die Geschichte eines jungen Mannes namens Franzis, dem sein Leben aus den Fugen gerät und der darüber verrückt wird.
Jeder pflegt seinen Tic


Während im Film nur die Rahmenhandlung in einem Irrenhaus spielt, ist die geschlossene Anstalt der einzige Schauplatz der Bühnenfassung. Das hebt die Aussage von vornherein auf eine andere Ebene: Normal ist hier eigentlich niemand. Und deshalb treten sie alle erst mal in weißer Anstaltskleidung auf und dürfen ihre Tics und Macken pflegen. Einige treiben Schabernack mit überdimensionalen weißen Katzenköpfen, die ebenso putzig wie bedrohlich wirken (die Kostüme und Masken: Martina Küster).
Ein bisschen Küchenpsychologie gefällig? Katzen symbolisieren sowohl die menschliche Gefühls- als auch die Willensseite, sind Symbol der Falschheit und Hinterhältigkeit - und von jeher mit dem Weiblichen verbunden (is' so, Alice Schwarzer).
Da passt es natürlich gut, dass der Caligari von einer Frau gespielt wird: Juliane Lang verkörpert die Titelfigur, hält die Fäden in der Hand, steuert ihr Geschöpf Cesare (Julian Michael Boine mit bewunderswerter Willfährigkeit) mit Hilfe eines Kästchens, mit dem Jungs ihre ferngesteuerten Autos vorwärtstreiben, nährt ihn an ihrer Brust wie einen Säugling, manipuliert auch die anderen Menschen in ihrer Umgebung und darf auch hin und wieder ein bisschen femme fatale sein, die sich ihre Begierden nicht verkneifen will.
Begierig sind auch Franzis, Jane und Alan (Claudio Gatzke, Ronja Oppelt, Tilman Rose) aufeinander, und zwar querbeet und im Trio. Kindliche Wasserprustereien werden da zu erotisch aufgeladenen Sexspielchen, und um die latente Homosexualität zwischen den beiden ziemlich besten Freunden Franzis und Alan - auch dieser wird ein Opfer Cesares beziehungsweise Caligaris -, die im filmischen Original nicht einmal angedacht werden durfte (obwohl die beiden auch dort engumschlungen durch die expressionistisch deformierten Kulissen schlendern), wird hier nicht lange herumgedruckst.
Man sieht: Alice Buddeberg hütet sich, den Film buchstabengetreu nachzuerzählen (das wäre wohl auch nur eine Parodie geworden). Zwar halten ihre Schauspieler - zu den Genannten noch Klaus-Michael Nix als abgebrühter Irrenarzt Olsen, Christian Beppo Peters als autistischer Stadtsekretär und - wie immer in ihren bisherigen Auftritten herausragend und bis an die Schmerzgrenze gehend - Gina Haller als Mörder Jakob Straat das Stummsein gut eine Stunde lang aus, ehe die Worte aus Franzis herausexplodieren wie eine längst überfällige Befreiung.
Das ist der Moment, wo die Inszenierung endgültig mit der Vorlage bricht und eigene Wege beschreitet. Die Schauspieler reden sich ab sofort mit ihren richtigen Namen an. Claudio Gatzke muss sich nach seinem Verbalausbruch von Juliane Lang anblaffen lassen, er habe wohl vergessen, dass sie hier einen Stummfilm machen. Und beim Telefonat mit Gatzkes Mutter erfährt sie, dass der Junge schon immer irre war.
Da ist es nur folgerichtig, dass er für den Rest der Vorstellung im Pinguinkostüm herumtanzen und mit der Anstaltsleiterin Lang ein Zigarettchen rauchen darf. Die kann sich im Übrigen den Hinweis nicht verkneifen, dass an der Stelle, an der heute das Theater am Augustinerhof steht, früher eine Irrenanstalt war (wo ist der Unterschied?).
Bildmäßig hat sich der Trierer "Caligari" freilich von Anfang an vom Filmoriginal distanziert: Cora Saller hat die schrägen Original-Filmbilder (eine Erfindung des Malers und Filmarchitekten Walter Reimann) bewusst ignoriert und einen schlichten, weitgehend in gedämpften Tönen gehaltenen Spielort geschaffen. An den Film erinnert lediglich eine überdimensionale Irisblende, jener Kreis vor dem Objektiv, der den Blick des Zuschauers auf bestimmte Details lenken soll. Die Blende öffnet sich zum Oval und gibt die Sicht frei auf schneeweiße Leinwände, die nach und nach heruntergerissen werden und, wenn man so will, ein Symbol für die diversen Bewusstseinsebenen der Figuren sind.
Lohnende Investition


Einen großen Teil seiner Wirkung bezog der Stummfilm (der ja strenggenommen nie wirklich "stumm" war) aus der Musik. Statt allerdings die Originalpartitur zu entstauben, hat das Theater weder Kosten noch Mühen gescheut und eine Neukomposition in Auftrag gegeben. Die Investition hat sich gelohnt.
Stefan Paul Goetsch hat für das in kleiner Formation angetretene Philharmonische Orchester einen "Soundtrack" geschrieben, der die flirrend-beunruhigende Atmosphäre der Inszenierung bestätigt. Ein penetrant hoher Klavierton bohrt sich zu Beginn ins Ohr und kündet vom zunehmenden Irrsinn; satter Streicherklang kann nur kurzfristig darüber hinwegtäuschen, dass den Figuren immer wieder der Boden unter den Füßen entzogen wird, und üppiges Schlagwerk erinnert mal an den Tanzrhythmus der tollen Zwanziger Jahre, mal an knatternde Gewehrsalven. Den farbenreichen Klangteppich hat Wouter Padberg am Dirigentenpult effektvoll ausgerollt.
Weitere Aufführungen: 12., 23., 24. April; 4., 21. Mai, 4. Juni. Kartentelefon 0651/7181818.