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Open Air vor der Porta Nigra startet mit rauschender Reggae-Party und Tausenden tanzenden Fans

Open Air vor der Porta Nigra startet mit rauschender Reggae-Party und Tausenden tanzenden Fans

Ein deutscher Pfarrerssohn singt vor der römischen Porta Nigra im jamaikanisch-kreolischen Patois. Klappt das? Absolut. Gentleman feiert am Freitagabend mit insgesamt mehr als 2000 Zuschauern eine großartige Reggae-Party in Trier.

Mein Nachbar hört gerade Gentleman - oder er würgt eine Ente. Ein wirklich fieser Satz, vor allem aus der Sicht der armen Ente. Wahrscheinlich ist er auch nie tatsächlich ausgesprochen worden, denn man findet ihn im Internet als Running Gag immer mal wieder im Zusammenhang mit Künstlern wie Jan Delay, Xavier Naidoo und eben auch Gent-leman. Dabei hat Tillmann Otto, so sein bürgerlicher Name, es keinesfalls verdient, derart geschmäht zu werden. Das hat er am Freitagabend in Trier eindrucksvoll bewiesen.

Tillmann Otto alias Gentleman ist einer der aktuell bekanntesten Reggae-Künstler. Es ist in diesem Stil eine gigantische Auszeichnung, auch in Jamaika anerkannt zu werden und den Status eines Stars zu haben. Das hat Gentleman geschafft. Seine Songs singt er in Patois, der auf Jamaika entstandenen Sonderform des Englischen, die einem Europäer irgendwann schwindelig werden lassen, wenn er denn versucht, konzentriert zuzuhören. Doch das muss er nicht. Er kann es auch so machen wie die 1800 zahlenden Besucher am Freitagabend vor der Porta Nigra und Trier und die mehreren Hundert Zaungäste in der Simeonstraße: einfach tanzen und eine sehr gute Show bewundern.

"Trier" ruft Gentleman seinen zahlenden und nicht zahlenden Zuhörern zu. "Die älteste Stadt Deutschlands." Porta-Vorplatz und Simeonstraße jubeln. Es gibt eben Sätze, die immer gut ankommen, wenn man auf einer Trierer Bühne steht. Trotz aller lokalen Nettigkeiten muss sich der in Osnabrück geborene Pfarrerssohn natürlich einer zentralen Frage stellen: Sind der Reggae, das Patois, die jamaikanische Lebensfreude auch angesichts widrigster Umstände echt und real, oder ist das alles eine Pose, eine Bühnenshow, nach deren Ende nur der Blick auf die Charts und die Vermarktbarkeit zählt?

Nimmt man den Trierer Auftritt als Basis, ist die Antwort einfach. Gentleman besteht jede derartige Prüfung mit Leichtigkeit. Seine Stimme hat nichts gemein mit dem Würgen einer Ente. Souverän lässt er das Publikum tanzen und singen, schickt seine großartige Backgroundsängerin für einen Song nach vorne, erzählt von seiner fünf Monate alten Tochter und arbeitet mit seiner starken Band The Evolution perfekt zusammen.

Überhaupt - der Sound. Ein Detail, das Reggae und Dancehall schnell zur Lachnummer degradieren kann, wenn es nicht funktioniert. Und in Trier herrschen erschwerte Bedingungen, denn ein Open-Air-Konzert vor dem Weltkulturerbe Porta Nigra und den Wohn- und Schlafzimmern der Simeonstraße muss engen akustischen Grenzen folgen.

Dennoch läuft alles perfekt, der Sound ist klar und druckvoll, die Stimmen präsent und mitreißend. Schnelle und ruhigere Reggae-Hymnen seiner sechs Studioalben machen es quasi unmöglich, ruhig stehenzubleiben. Die Meisten versuchen es erst gar nicht. Klasse: Am Schluss kommt die Vorgruppe Oazo noch einmal auf die Bühne, und Bandchef Jochen Leuf singt mit Gentleman. Abgesehen vom Wetter hätte der Start des Festivals Porta hoch drei nicht besser laufen können.