Oper zum Mit-Fühlen

Mit einem Triumph für Ensemble, Regieteam und Orchester endete die Premiere der Trierer Erst-Aufführung von Alban Bergs Oper "Wozzeck". Das Publikum quittierte die Inszenierung von Franz Grundheber mit lang anhaltendem Beifall.

Trier. Es gibt Momente, da sagt die Musik mehr als jedes Bild, jeder Text vermag. Nachdem Wozzeck seine Geliebte Marie getötet hat, schreit das Orchester in zwei mächtigen Crescendi auf. Der Klangkörper geht an die Schmerzgrenze, um dann abrupt in völlige Stille zu verfallen.Das trifft wie ein Schlag in die Magengrube. Jedenfalls dann, wenn es so perfekt musiziert wird wie von István Dénes und den Trierer Philharmonikern. Es ist ein ganz großer Abend des Orchesters. Hochkonzentriert und spannungsgeladen illustriert Dénes die Unterdrückung, den Wahn, die Wut, aber auch die skurrilen Facetten des Stücks. Das ist präzise, emotionsstark und von packendem Zugriff. Die ganze Musikalität von Bergs sperriger Komposition teilt sich dem Publikum fühlbar und nachvollziehbar mit.Das liegt auch an Grundhebers Regie-Konzept. Er tut als Regisseur genau das, was ihn auch als Sänger auszeichnet: Er geht punktgenau vom Wort aus. Nichts auf der Szene passiert, ohne dass es ein klares Fundament im Text hat. Und nichts, was sich aus dem Text herauslesen lässt, fehlt auf der Bühne. Das streift gelegentlich die Grenze zur szenischen Naivität, aber es funktioniert wunderbar in der Vermittlung der Inhalte an die Zuschauer - auch wenn sie keine Opernfreaks sind. Und es fördert Details zu Tage, die oft vergessen oder vernachlässigt werden. Man setzt so konsequent auf Sprache und Gegenständlichkeit, dass es sogar deutsche Übertitel gibt, obwohl auf Deutsch gesungen wird. Dass Franz Grundheber kein erfahrener Regisseur ist, merkt man allenfalls an den Gruppenszenen im Wirtshaus, die eher plakativ als beeindruckend wirken. Ansonsten läuft die hochkomplizierte Szenenfolge auch handwerklich sauber ab, nicht zuletzt dank des wellenförmigen Bühnenbilds von Dirk Immich, eine symbolstarke, aber zurückhaltende Spielfläche. Glanzstück ist die Personenregie, das Feilen an den Charakteren. Bei der Titelfigur gelingt dem Sänger Johannes M. Kösters und der Regie ein Porträt jenseits von Klischees. Diesem Wozzeck fehlt alles Servile, Geduckte. Er ist unendlich fremd in dieser Welt, steht dem Zynismus der Mächtigen fast in einer Art Lähmung gegenüber. Es will ihm nicht gelingen, vor den Quälereien wegzurennen. Aber genau so hilf- und sprachlos ist er gegenüber Marie, dem einzigen, was er hat auf dieser Welt. Erst als diese Beziehung, für die er jedes Opfer bringt, in Frage gestellt wird, zerbricht sein Schutzpanzer aus Lethargie, und sein Weg in den Wahn endet in tödlicher Konsequenz.Kösters bringt eine solche sängerische Souveränität mit, dass er sich jenseits aller vordergründigen Effekte ganz auf die Gestaltung der Figur konzentrieren kann. Die Ovationen des Publikums erhält er am Ende völlig zu Recht.Die Regie holt aus nahezu allen Akteuren Bestleistungen heraus. Vera Wenkert traut sich als Marie auf eine neue Ebene der Körperlichkeit, wenn sie eine Frau zeichnet, deren Sehnsucht nach einer Flucht aus erbärmlichen Verhältnissen so groß ist, dass sie mit dem Tambourmajor ins Bett geht. Und dabei weiß, was sie Wozzeck antut. Wenkert singt das mit äußerster Disziplin und Genauigkeit und meidet so das dieser Rolle innewohnende Risiko, ins Schreien zu geraten. Großartig auch der skurrile Hauptmann, den Peter Koppelmann mit funkelnder Lust an der Absurdität auf die Bühne zaubert. Überzeugend in seinem Schlepptau Thomas Schobert als Doktor, gut auch Gor Arsenian (Tambourmajor) und Eric Rieger (Andres) sowie das Ensemble in den weiteren Rollen (Eva-Maria Günschmann, Juri Zinovenko, Horst Lorig, Fernando Gelaf, Marielle McQuarrie) nebst Chor, ExtraChor und Kinderchor. Am Ende minutenlange Beifallstürme.Weitere Vorstellungen: 2. und 5. Mai (mit Franz Grundheber als Wozzeck), 12., 16., 25., 29. Mai. Karten 0651/7181818.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort