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Optisch opulentes Abenteuer

Optisch opulentes Abenteuer

KÖLN Nach den vielen "Peter Pan"-Verfilmungen kommt nun auch sein Schöpfer zu Hollywood-Ehren: "Wenn Träume fliegen lernen" erzählt die Geschichte des schottischen Dramatikers J.M. Barrie, der vor 100 Jahren den fliegenden Jungen erfand, der nicht erwachsen werden wollte.

James Matthew Barrie ist ein etwas verschrobener junger Schriftsteller, dessen Theaterstücke grundsätzlich beim Londoner Publikum durchfallen. Dann lernt er die junge Witwe Sylvia Davies und ihre drei Söhne kennen. Er verliebt sich in die Frau und kümmert sich um die Jungens wie ein väterlicher Freund. Langsam zerbröckelt Barries eigene Ehe an dieser Situation, aber auch Sylvias rigide Mutter (Julie Christie) erweist sich als hartnäckige Hürde, die in dem jungen Mann einen Erbschleicher wittert, der es auf Sylvias Vermögen abgesehen hat. Tatsächlich reift in Barrie über die Wochen nicht nur das romantische Interesse. Inspiriert von allerlei Begebenheiten beginnt er ein neues Stück über einen Jungen, der auf einer exotischen Insel lebt, der nicht älter wird und der fliegen kann. Es kam schon einer Überraschung gleich, als "Finding Neverland" Anfang Februar sieben Oscar-Nominierungen und dabei sogar eine Nennung als bester Film des Jahres auf sich vereinigen konnte. Normalerweise setzen ausstatterisch spektakuläre Produktionen auf die unmittelbare Adaption einer literarischen Vorlage. Noch letztes Jahr hatte es mit "Peter Pan" eine Realverfilmung in die Kinos geschafft, die das zu Grunde liegende Buch quasi buchstabengerecht auf die Leinwand übertrug. Und nun legt der nach "Monster's Ball" einschlägig arrivierte Marc Forster einen Film über die Entstehung "Peter Pans" vor. Während der Originaltitel schon eindeutige Verweise zwischen Film und Vorlage zieht, setzt der deutsche Titel "Wenn Träume fliegen" auf eine verschleiernde Poesie, die sich in der gestalterischen Opulenz des Films gleichwertig spiegelt. Viktorianisches Upperclass-Flair schafft dabei einen charmanten historischen Rahmen, wie ihn sonst nur die Manager von Madame Tussaud's Wachsfigurenstube gestalten können. Vor solchem Hintergrund entfaltet sich ein lustvolles Doppelspiel zwischen Realität und Fiktion. Tobende Kinder auf dem Bett, da ist der Sprung nicht weit zu jenem Ausflug aus dem Fenster hinaus in die Lüfte nach Nimmerland. Die Vorbilder für Kapitän Haken und Wendy fallen schnell ins Augenmerk, und natürlich ist es der Schriftsteller, der in sich selbst den Jungen findet, der nicht erwachsen werden will. Dieser Part des eleganten, in sich gekehrten Sonderlings in viktorianischer Garderobe erweist sich als Paraderolle für Johnny Depp, der selbst jeglichen Alterungsprozessen zu widerstehen scheint. Kate Winslet spielt die liebenswerte Jung-Witwe Sylvia, in Nebenrollen finden sich die Sixties-Ikonen Julie Christie und Dustin Hoffman. Zum Schauen und Staunen ist das ein fein gesponnenes Kabinett, das die Balance zwischen literaturwissenschaftlichem Grundlagenkurs und romantisch umflortem Melodram erstaunlich sicher bestreitet. Alles ist da auf der Leinwand, nur die Fantasie scheint doch etwas kurz gekommen. Es war noch nie Hollywoods Anspruch, das Publikum zu überfordern. (Ab Donnerstag in den Kinos der Region)