1. Region
  2. Kultur

Orgelspielen in einer neuen Dimension

Orgelspielen in einer neuen Dimension

Vor einem Jahr wurde die Eule-Orgel in der Trierer Konstantin-Basilika eingeweiht. Am Sonntag, 29. November, 17 Uhr, gibt Martin Bambauer zum ersten Jahres-Jubiläum ein Konzert. Der Kantor an der evangelischen Kirche ist mit dem neuen Instrument rundum glücklich. Allerdings: Ein Konzept zur Einbeziehung der alten Schuke-Orgel ins Konzertleben gibt es bislang nicht.

Trier. Es war ein großes Ereignis: Vor einem Jahr wurde in der Konstantin-Basilika die Eule-Orgel eingeweiht. Damit, so hieß es, sei die evangelische Kirche nach Kriegszerstörungen und mühsamem Wiederaufbau endgültig fertig - mit einer großen, für den Monumentalbau passenden Orgel.
Jetzt ist das Instrument ein Jahr im Dienst. Und hat sich seither als echte Bereicherung der regionalen Orgelszene erwiesen. Seine spontane Liebe zu ihm sei ganz und gar nicht erkaltet, sagt Kantor Martin Bambauer. Im Gegenteil: "Ich bin erstaunt, welche Klangschattierungen möglich sind, wenn man die Registrieranweisungen der Komponisten eins zu eins umsetzen kann und sich nicht mit Ersatzlösungen begnügen muss." Und das verändere auch seinen persönlichen Zugang zu den Werken. "Es ist eine neue Dimension." Und: "Ich entdecke über den Klang ganz neue Strukturen."
Zahl und Umfang der Nachbesserungen, die bei einem Projekt wie diesem nicht ausbleiben, waren erstaunlich gering. Da musste mal am Spieltisch eine Leiste um Zentimeter nach vorne verlegt werden, damit der Organist sie in normaler Spielposition einsehen konnte. In der Elektronik wurden Details optimiert. Und selbstverständlich musste die Stimmung korrigiert werden. Wobei sich das Instrument als erstaunlich resistent gegenüber klimatischen Veränderungen erwies.
Das Resümee nach einem Jahr fällt beinahe sensationell aus. Seit der Einweihung gab es 36 Konzertveranstaltungen mit 13 000 Besuchern. Außerdem wurden Orgelführungen und Meisterkurse mit mehr als 2000 Teilnehmern organisiert. Eine CD wurde eingespielt, und ein Buch zur Orgelgeschichte der Basilika erscheint jetzt in zweiter Auflage. Auch die Planungen für 2016 sind weit gediehen. Neben dem Internationalen Orgelsommer finden unter anderem Konzerte zum 100. Todestag von Max Reger statt, außerdem schließt Martin Bambauer seinen Widor-Zyklus ab.
Am kommenden Sonntag (29. November, 17 Uhr) gibt es nun das Konzert zum Jubiläum. Anders als in der Vorschaubroschüre angekündigt, spielt Martin Bambauer von Bach die Fantasie und Fuge g-Moll (BWV 542) und drei Choralvorspiele, dazu eine Komposition von Alexander Guilmant (nach Händel) und dann (wie angekündigt) Liszt und Widor. Der Eintritt ist frei. Um Spenden für die Restfinanzierung wird gebeten.
Ein ungelöstes Problem


Indes: Ein Problem bleibt ungelöst. In der euphorischen Einführungsstimmung hatten die offiziellen Festredner zur Einweihung vergessen, dass in der Basilika schon seit Jahrzehnten eine Orgel ihren Dienst versah, und das gar nicht schlecht.
"Die Schuke-Orgel ist natürlich deutlich kleiner, aber sie ist sehr gut. Sie hat über Jahre wunderbar gewirkt. Und es ist erstaunlich, wie das Instrument mit seinen wenigen Registern im großen Basilika-Raum geklungen hat. Die neue Orgel kann das alte Instrument nicht ersetzen", sagte Meisterorganist Daniel Roth vor einem Jahr im TV-Interview. Roth hatte mehrfach auf der Orgel konzertiert und kennt das Instrument genau.
Auch Trierer Musiker bedauern die geringe Präsenz der Schuke-Orgel im Konzertleben. Martin Bambauer räumt ein, dass die Integration der alten Orgel bislang nur in Ansätzen gelungen sei. Ihm schweben Lösungen wie ein Buxtehude-Zyklus vor - Musik, die auf der Schuke-Orgel ohne Einschränkungen spielbar wäre. Konkrete Planungen dazu gibt es allerdings bislang nicht.Meinung

Alte Orgel nicht vergessen!
Keine Frage: Vor allem im Riesenraum der Trierer Konstantin-Basilika war die kleine Schuke-Orgel aus den frühen 1960er Jahren oft ein Problem. Literatur aus der Zeit nach 1800 - und damit die gesamte große Orgelsinfonik - lässt sich auf ihr nur mit Tricks und Kompromissen spielen. Bei älterer Musik dagegen hat diese Orgel ein enormes Potenzial. Nicht nur Bach, sondern auch die Vorläufer bis ins 16. Jahrhundert klingen auf ihr erstaunlich authentisch. Und sogar das ungleiche Verhältnis zwischen Orgel und Raum stellt sich bei Alter Musik anders dar: Auch in großen Kirchen waren die Orgeln damals in aller Regel klein. Über Spezialprogramme mit Musik vom 18. Jahrhundert bis zurück in die Renaissance wäre die alte Orgel ins Konzertleben zu integrieren. Dafür müssten sich allerdings Organisten finden - und vor allem Konzertbesucher. nachrichten.red@volksfreund.de