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Orgelwoche Himmerod: Organisator Wolfgang Valerius im Interview.

Himmeroder Orgelwoche : Ein Stück England in der Eifel

Am Sonntag beginnt die Himmeroder Orgelwoche. Wir befragten den Organisten und Organisator des Festivals, Wolfgang Valerius.

Seit fast einem halben Jahrhundert existiert in Himmerod eine intensive Beziehung zu britischen Organisten. Woher kommt diese Vorliebe?

Wolfgang Valerius: Ganz konkret durch John L. Birley (1919-2003). Der anglikanische  Geistliche wirkte Ende der 1940er Jahre als Organist an der Kathedrale von Exeter, arbeitete später dann im Schuldienst. Nach seiner Pensionierung fand er durch seinen Freund Hans Gerd Klais, den Erbauer der Himmeroder Orgel, den Weg in die Eifel. Ich vermute, es war Liebe auf den ersten Blick … zur Orgel, dass er das Kloster als seinen Ruhesitz wählte. Die weithin berühmte Orgel des Klosters hat eine klangliche Noblesse, die den Instrumenten der Insel sehr nahekommt.

Überhaupt ist das musikalische Geschehen im Kloster sehr anglophil. Man könnte fast von einer britischen Enklave in der Eifel sprechen. Die Evensong-Wochen dürften einmalig in Deutschland sein.

Valerius: Ja, das musikalische Geschehen trägt anglophile Züge. Aber nicht nur in Himmerod! Die südliche Eifel ist in der Tat eine echte britische Enklave. Ich bin Organist der Stiftskirche Kyllburg. Dort amtiert Dechant Klaus Bender, ein orgelbegeisterter Pfarrer, und Dank ihm steht dort eine originale englische Orgel aus dem Jahr 1909. Es gibt dann noch eine weitere englische Orgel in Kyllburg, und auch in Irrel befindet sich ein echtes britisches Schmankerl – ebenso wie übrigens auch unweit von Trier in Kordel. Was die Himmeroder Evensong-Woche betrifft, so dürfte diese einmalig in Deutschland sein. Zwar ist der  Evensong inzwischen eine Modeerscheinung hierzulande, aber außer dem Namen bleibt oft wenig vom Format. In Himmerod ist es ein anglikanischer Gottesdienst von A bis Z, eben auch mit einem anglikanischen Geistlichen.

Was unterscheidet das britische vom kontinentalen Orgelspiel?

Valerius: Meines Erachtens gibt es eher einen Unterschied im Charakter der Musiker und Menschen! Viele Kontinentaleuropäer verstehen sich primär als „Künstler“. Die britischen Organisten „zelebrieren“ nicht ihr Künstlertum mit Marotten. Einen deutschen „Künstler“ erkennt man, selbst bei Temperaturen wie jetzt gerade, in der Regel an schwarzer Kleidung und Schal – zugegeben etwas überspitzt. Wenn ich einen britischen Kathedralorganisten am Flughafen abhole, muss ich schon genau hinschauen, denn in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen sieht er eben ganz normal und unscheinbar aus.

Und was ist das Besondere an der insularen Orgelmusik?

Valerius: Neben dem klassischen Repertoire an Orgelmusik – vor allem Bach und die französische Sinfonik – haben die Briten einen unvergleichlichen Schatz an Musik, der gleichsam eine nationale Identität geformt hat. Denken Sie nur an Edward Elgar. Kirchliche wie weltliche Zeremonien sind ohne seine Musik doch nicht vorstellbar. Ohnehin gibt es da ja auch wenig Trennung, denn die Queen als oberste Repräsentantin des United Kingdom und des Commonwealth ist ja in Personalunion auch das Oberhaupt der anglikanischen Kirche.

Wie ist das Verhältnis zwischen Organistinnen und Organisten bei den Konzerten in Himmerod?

Valerius: In diesem Jahr ist leider keine Organistin dabei; erst wieder 2023. Auch wenn man es so in der Eifel nicht vermutet, Himmerod hatte bislang die einzige Frauen-Power-Orgelkonzertreihe der Region. „Ladies first – First Ladies“ lautete das Motto 2010 mit ausnahmslos Organistinnen aus San Francisco, Paris, München, Moskau, Rom und Sofia.

Im Kloster gibt es einen täglichen Gottesdienst. Wer kommt dorthin?

Valerius: Es gibt täglich noch eine Messe im Kloster. Der Besuch ist eher dürftig, außer am Sonntag. Nicht immer, aber hin und wieder ist die Mittwochabendmesse, in der ich selbst die Orgel spiele, etwas besser besucht. Da erklingt am Ende immer ein größeres Orgelstück. Mir ist es wichtig, die Menschen auf diesem Wege an die Orgelmusik und damit vielleicht auch an die Konzerte heranzuführen.

Und gelingt dieser Ansatz?

 Wolfgang Valerius
Wolfgang Valerius Foto: privat/Wolfgang Valerius

Valerius: Wenn ich Menschen für Musik begeistern will, müssen sie diese Begeisterung auch bei mir spüren. Neben den Konzerten des Orgelsommers haben wir in Himmerod ja viele weitere Konzerte. Dabei binde ich Musikerinnen und Musiker der Region ein. Oder eine Führung in Himmerod: Diese endet meist mit einem kleinen Orgelkonzert, und Menschen, die bislang wenig Sinn für Orgel übrig hatten, gehen tief berührt nach Hause … und kommen auch wieder zu unseren Konzerten!