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Ort zum Wohlfühlen, Wahrzeichen, Herz der Stadt

Ort zum Wohlfühlen, Wahrzeichen, Herz der Stadt

Sanierung oder Neubau? Alter oder neuer Standort? Schon lange wird in Trier über die Zukunft des maroden Theaterbaus am Augustinerhof diskutiert. Dass etwas passieren muss, ist klar - nur was, dazu gibt es bislang keine Entscheidung. Der Trierische Volksfreund hat drei Trierer Theaterchefs, Karl Sibelius, Gerhard Weber und Heinz Lukas-Kindermann, nach ihrer Meinung gefragt.

Trier. Das Trierer Stadttheater steht vor einer bedeutenden Zäsur. Das Gebäude am Augustinerhof, erbaut in den 1960er Jahren, ist marode, die technischen Anlagen sind veraltet, die räumlichen Verhältnisse beengt. Bauliche Veränderungen sind dringend geboten, soll nicht bald der Abriss drohen. Wann der Vorhang für die notwendigen Arbeiten allerdings fällt, und wo er sich wieder öffnen wird, ist noch völlig offen. Der Druck auf die politischen Entscheidungsträger, die Weichen für die Zukunft des Gebäudes zu stellen, wächst allerdings.
Wie muss das Trierer Theater ausgestattet sein, damit es auch in Zukunft jährlich 100 000 Besuchern aus Stadt und Umland ein attraktives Programm bieten kann? Und ist das mit dem bestehenden Gebäude am jetzigen Standort überhaupt möglich? Diese Fragen müssen bald beantwortet werden. Der TV hat sie schon einmal drei profunden Kennern des Trierer Theaterbetriebs gestellt: Intendant Gerhard Weber, sein Vorgänger Heinz Lukas-Kindermann und sein Nachfolger ab der Spielzeit 2015/16, Karl Sibelius, haben außerdem ihre ganz persönlichen Wünsche zur Entwicklung des Theaters geäußert.

Der Standort
Hat das Trierer Theater am jetzigen Standort Augustinerhof eine Zukunft oder muss über eine Alternative diskutiert werden? Wenn es einen Neubau an neuer Stelle geben soll, welcher Standort wäre aus Ihrer Sicht geeignet?
Karl Sibelius: Das Theater Trier hat natürlich eine Zukunft am derzeitigen Standort. Das Gebäudemanagement der Stadt hat gemeinsam mit dem Theater ein Raumbedarfsprogramm ermittelt, und nun gilt es, zu evaluieren, ob dieser Raumbedarf, der sich übrigens an anderen Mehrspartenhäusern unserer Größe orientiert, am jetzigen Standort realisierbar ist.
Der nächste Schritt ist, eine Machbarkeitsstudie. Daran arbeiten wir. Sollte der Standort nicht geeignet sein, bin ich von meiner Seite natürlich bereit, über Alternativen nachzudenken. Eines ist aber klar, dass aufgrund der prekären Arbeitsbedingungen rasches Handeln notwendig ist, da der Betrieb unter den jetzigen Bedingungen kaum mehr aufrechtzuerhalten ist. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich meine erste Spielzeit im Theatergebäude eröffnen kann, oder ob wir eine Ausweichspielstätte suchen müssen, so prekär ist die Lage.
Die Sanierung des maroden Gebäudes kostet meiner Meinung nach mindestens genauso viel wie ein Neubau und ist damit unwirtschaftlich. Ich appelliere an die politischen Entscheidungsträger, sofort nach dem Ergebnis der Machbarkeitsstudie einen Architektenwettbewerb auszuschreiben. Inhalt der Ausschreibung: Theaterneubau am jetzigen Standort, unter Einbeziehung aller nötigen Flächen mit vorgegebenem Kostenrahmen.
Gerhard Weber: Das Theater Trier hat und sollte weiterhin seinen unabdingbaren Standort im Zentrum der Stadt beibehalten - alle Überlegungen, einen Theaterneubau an die Peripherie zu verlegen, wären das falsche Signal!
Heinz Lukas-Kindermann: Es besteht endlich Konsens darüber, dass der alte auch der zukünftige Standort des Trierer Theaters ist. Das Gebot der Stunde ist ein Theater-Neubau, alle anderen Überlegungen würden nur zu Kompromisslösungen führen, die letztendlich keine Kosteneinsparung zur Folge hätten. Dieser Theater-Neubau sollte ein neues Wahrzeichen von Trier werden. Die dringlichste Aufgabe ist - natürlich nach definitiver Klärung der Finanzierung des Neubaus zwischen Stadt und Land Rheinland-Pfalz - die Ausschreibung eines internationalen Architektenwettbewerbs.

Bühnen und Ausstattung
Welche Kapazitäten, welche Ausstattung muss ein Theaterbau in Trier mitbringen? Wie viele Bühnen braucht das Theater, um ein attraktives Programm bieten zu können?
Sibelius: Als künstlerischer und kaufmännischer Leiter des Theaters habe ich den klaren politischen Auftrag, ein Mehrspartenhaus zu leiten, es zu erhalten und in die Zukunft zu führen. Wirtschaftliches Theatermanagement ist nur möglich, wenn räumliche Bedingungen gegeben sind, die das auch zulassen. Dies ist im jetzigen Gebäude absolut nicht möglich.
Alle Synergieeffekte und Einsparungspotenziale sind erschöpft. Wir müssen viel Geld in die marode Bausubstanz stecken, um den Betrieb provisorisch aufrechtzuerhalten. Unsere hoch motivierten Mitarbeiter arbeiten unter teilweise unsäglichen Bedingungen, die mittlerweile auch arbeitsrechtlich mehr als bedenklich sind. Ich werde nicht zulassen, dass meine Mitarbeiter noch länger diesen unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt sind.
Ein Stadttheater für Trier braucht drei Bühnen: ein Großen Haus für Musical, Oper und Operette (599 Plätze), ein Schauspielhaus (299 Plätze) und eine kleine Bühne (Black Box), um alle Formen der darstellenden Künste, aber auch ein Forum für die freie Szene, Kinder und Bürgertheater bieten zu können. Nicht nur künstlerische Vielfalt ist mit drei Bühnen garantiert, auch das logistische und finanzielle Einsparungspotenzial sind enorm. Kaum ein Stadttheater unserer Größe arbeitet mit weniger Spielstätten. Auch externe Experten plädieren für diese Variante.
Weber: Ein "Theater Trier für das 21. Jahrhundert" sollte weiterhin, schon aus Gründen der Praktikabilität und Kostenersparnis, die Werkstätten und Probebühnen im und am Hauptgebäude integriert haben. Als ebenso wichtig erachte ich den Bau eines Theater-Restaurants, womit sich das Haus dem Publikum bereits auch schon tagsüber öffnet, und eine zusätzliche, variable Spielstätte mit 150 bis 200 Plätzen, die durchaus - nach Berechnungen aus unserem Haus - noch auf dem rückwärtigen Rasengelände am Theater zu errichten wäre. Diese zusätzliche Spielstätte ist unerlässlich für Aufführungen der bisher vernachlässigten Vielzahl von Komödien, aber auch von Kam-merwerken aus Oper, Schauspiel und Tanztheater.
Lukas-Kindermann: Dass große Bühne und Zuschauerraum nach neuestem Stand der Technik eingerichtet werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit, wobei aber - außer der vollen Sicht auf die Gesamtbühne von jedem Zuschauerplatz aus - der Akustik besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist, da die künstlerischen Produktionen von Musiktheater, Schauspiel und Konzertwesen unterschiedliche Anforderungen an diese stellen. Dabei sollte unbedingt auch an die Einrichtung einer zweiten Spielstätte (etwa 200 Plätze) gedacht werden, die neben dem Schauspiel besonders der Theaterarbeit für Jugendliche und Kinder gelten soll: Kinder und Jugendliche sind die Besucher von morgen. Ein Kommunikationszentrum in Form eines attraktiven Foyers mit Etablierung eines Theatercafés, geeignet für Matineen, Vorträge und Kammermusik ist wünschenswert. Bei der Gestaltung sollte mit Leihgaben des Landesmuseums dokumentiert werden, dass vor 2000 Jahren im römischen Trier nachweisbar Theater gespielt wurde.

Private Partner
Es gab auch schon Überlegungen, ob eine Stiftung oder ein Unternehmen im Fall einer Neubau-Lösung den Theaterbau und die künftige Unterhaltung übernehmen könnten und die Stadt das Theater dann anmietet, Stichwort "Public-Private-Partnership". Was halten Sie von dieser Idee?
Sibelius: Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir für alle Optionen offen. Diese Entscheidung obliegt allein den politischen Gremien.
Weber: Zur Ertüchtigung des Theaters Trier für die Zukunft sollte die gründliche Erwägung aller denkbaren Finanzierungsmöglichkeiten und Gesellschaftsformen unter Beibehaltung der künstlerischen und organisatorischen Oberhoheit der Theaterleitung nicht nur erlaubt sein, sondern auch eingefordert werden.
Lukas-Kindermann: Die Einrichtung einer Stiftung von privater Seite (Banken, Versicherungen, privaten Firmen) für eine zusätzliche Finanzierung des Neubaus wäre eine sehr nachdenkens- und begrüßenswerte Möglichkeit. In keinem Fall aber scheint es sinnvoll, eine private Firma (Public-Private-Partnership) zwischen dem Rechtsträger Stadt Trier (und eventuell dem Land Rheinland-Pfalz) und dem Theater zu etablieren. Dies würde sowohl die betriebliche Verwaltung des Produktionsbetriebs komplizieren als auch die Unterhaltungskosten verteuern.

Kongresshalle
Ins Spiel gebracht wurde auch die Möglichkeit, dass das Theater zusätzliche Aufgaben übernehmen und als multifunktionales Kongresszentrum neu gebaut werden könnte. Wie bewerten Sie dieses Gedankenspiel?
Sibelius: Ein Theater der Zukunft ist ein Haus, das Theater für die Gesellschaft vor Ort macht. Wir haben den klaren Auftrag, ein großes Repertoire zu spielen, alle Sparten zu erhalten und ein Ensembletheater zu bleiben. Das ist ein wichtiger und richtiger Auftrag, den ich zu 100 Prozent erfüllen möchte.
Dafür müssen aber auch die Rahmenbedingungen stimmen. Ein Stadttheater kann nicht auch noch eine Kongresshalle sein. Das ist allein vom Probenaufwand eines Theaters, das jeden Abend Vorstellungen für alle Menschen der Region zeigt, rein aus dispositorischen Gründen nicht möglich. Natürlich wollen wir das Haus öffnen und Hemmschwellen abbauen, aber immer im Sinne der Kunst.
Weber: Genauso wenig abwegig wie die Überlegungen zu neuen Gesellschaftsformen sind für mich Untersuchungen von Fachleuten, inwieweit eine dritte Finanzierungsmöglichkeit des Theaters durch die Veranstaltung und Vermarktung von Kongressen in den Theaterferien und den schwachen Theatermonaten, also zwischen Mitte Juni und Mitte August, denkbar wäre.
Lukas-Kindermann: Das Theater mit seinen Kunstgattungen Musiktheater, Schauspiel, Ballett, Kinder- und Jugendtheater, Konzertwesen, mit seinen Werkstätten und Serviceräumen für Beschäftigte und Publikum ist ein künstlerischer Produktionsbetrieb, in dem an sieben Tagen in der Woche von frühmorgens bis in die Nacht gearbeitet wird. Eine Möglichkeit für eine zusätzliche Nutzung als Kongresszentrum mit dessen völlig anderen Anforderungen an einen funktionierenden Betrieb ist nicht zu sehen.

Ein persönlicher Wunsch
Was wünschen Sie sich ganz persönlich für ein langfristig attraktives Trierer Theater, was in den bisherigen Diskussionen vielleicht noch gar nicht angesprochen wurde?
Sibelius: Trier bekommt eine neue Attraktion: das Theater. Ein einladendes Haus, in dem man sich auch tagsüber gerne aufhält, in dem Kinder und Jugendliche mit der wunderbaren Welt der Bühne in Berührung kommen, in dem unsere 270 Mitarbeiter unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten, in dem wir neue Energien nutzen und wirtschaftlicher produzieren können. Ein Haus, das Platz und Raum für noch mehr Fantasie lässt, einen Ort, der zum Zentrum der Stadt wird, zum Herzen von Trier. Ein Ort, wo man sich wohlfühlt, ein gesellschaftliches Zentrum. Wir wollen ein Theater für alle sein, barrierefrei, kinderfreundlich, offen für alle gesellschaftlichen Schichten, leistbar, bunt, vielfältig und innovativ. Ein sozialer Ort, gerne auch ein Brennpunkt, am liebsten natürlich das Herz der Stadt.
Weber: Ich wünsche mir für das Theater Trier eine noch stärkere Vernetzungsbereitschaft unserer gegenwärtigen Total-Theater-Festival-Partner durch mehrsprachige Ko-Produktionen der Theater der Großregion Luxemburg, Thionville, Nancy, Liège. Damit könnte das Alleinstellungsmerkmal Triers und der Großregion als einer vielfältigen Kulturlandschaft im Herzen Europas national und international hervorgehoben werden.
Lukas-Kindermann: Da die Stadt in unmittelbarer Nähe zu den europäischen Nachbarn Luxemburg, Belgien und Frankreich liegt, sollten Stadt und Theater darüber nachdenken, die anfangs so erfolgreichen Antikenfestspiele neu zu etablieren. So würde man der Stadt und ihrem neuen Theater zusätzlich wieder eine regionale und überregionale Resonanz verschaffen.
Ein persönlicher Wunsch: Genau wie vor 50 Jahren sollte der Neubau mit Beethovens "Fidelio" anlässlich dessen 250. Geburtstags im September 2020 eröffnet werden. cwebExtra

Der Österreicher Karl M. Sibelius leitet das "Theater an der Rott" in Eggenfelden (Bayern). Im Sommer 2015 wird er Intendant des Trierer Stadttheaters. Gerhard Weber ist seit der Spielzeit 2004/2005 Triers Theaterchef. Zum Ende der laufenden Saison übergibt er die Intendanz an seinen Nachfolger Sibelius. Der Österreicher Heinz Lukas-Kindermann war von 1995 bis 2004 Intendant des Trie-rer Stadttheaters. TV-Fotos (3): Archiv/F. Vetter (2), privat