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Paradiesheime

Illustration: iStock/Peter Howell
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Zenon frühstückte, während sein Hausroboter Emma hinter ihm in der Küche mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt war. Er fühlte sich müde und angespannt.

Heute war der entscheidende Tag. Er versuchte sich zu beruhigen, sein Puls sollte keine Aufmerksamkeit erregen. Zenon schaute auf sein Handgelenk. Auf dem elektronischen Display wurden ihm soeben die medizinischen Daten übermittelt. Außer einem etwas erhöhten Puls zeigte das Gerät nichts Verdächtiges an.
Anwar stand jeden Morgen lange vor dem elektronischen Weckimpuls auf, der an alle Bewohner gesendet wurde. Er tat das bewusst, denn er wollte die Kontrolle darüber behalten, wann er aufwachte. Er betrachtete dies als Teil seines Widerstands gegen das System der totalen Überwachung, obwohl er wusste, dass es keinen Unterschied machte. Sie interessierten sich nicht für den kleinen Widerstand, den er leistete. Wann er den Sensor betätigte, spielte dabei keine Rolle. Es war nur wichtig, dass er die Vibration, die von einem Chip in seinem Handgelenk ausging, zeitnah unterbrach. So wurde registriert: Herr Anwar Salem befindet sich in seinem Zimmer.
Gleich würde der Roboter das Essen vorbeibringen. Jenes fade, künstliche Essen, das er seit dem Tag seiner Ankunft in der Altersresidenz hasste. Lächerlich, dieses Aufbewahrungsheim für alte Menschen "Residenz" zu nennen!
Doch heute Morgen gab es nichts, was ihm seine gute Laune verderben konnte. Heute würde sich sein weiteres Leben entscheidend verändern und hoffentlich auch verbessern.
Zenon wusste, er würde hier kein Abendessen mehr zu sich nehmen, aber sein Tagesablauf musste den Anschein erwecken, als wäre dies ein Tag wie jeder andere. Sie durften keinen Verdacht schöpfen. Er frühstückte wie jeden Morgen und ging in Gedanken noch einmal die Vorbereitungen durch.
Entscheidend für das Gelingen seiner heutigen Mission war, dass der Widerstand gegen die unmenschliche Technik (WUT) einen ihrer Männer zum richtigen Zeitpunkt in der Zentrale einsetzen konnte. In den letzten Jahren war die Organisation beträchtlich gewachsen. Ohne die Mitglieder in den entscheidenden Systempositionen wären viele ihrer Aktionen zum Scheitern verurteilt gewesen.

Zenon war seit zwei Jahren Mitglied der WUT-Organisation. Die enge Beziehung zu seinem Großvater und der Beruf als Arzt hatten ihm gezeigt, dass eine Gesellschaft, die ihre Alten ausgrenzt, keine menschliche Gesellschaft sein kann. Das zunehmende Altersproblem, das von der letzten Generation ignorierte wurde, wurde nun von seiner Generation gelöst, so wie sie alles löste: gewinnorientiert.
Die globalen Firmen, von denen diese Generation regiert wurde, investierten in immer mehr Technik. Es begann mit Neuentwicklungen, die ihren Alltag verbesserten. Einkäufe wurden automatisch erledigt. Fehlten Lebensmittel, wurden sie vom Kühlschrank nachbestellt. Ihre Wohnräume regulierten die Energie selbstständig. Arztbesuche fanden virtuell statt. Mehr und mehr kommunizierte man in Cyberwelten, wobei Entfernungen keine Rolle mehr spielten. Die Zeit, die sie sparten, nutzten sie für die angenehmen Dinge des Lebens.
Der Prozess war schleichend vorangegangen, jede technische Neuentwicklung wurde ihnen als Verbesserung ihrer Lebensqualität angepriesen. Sie merkten nicht, oder wollten nicht bemerken, wie sie immer abhängiger wurden und irgendwann der ständigen Kontrolle nicht mehr entfliehen konnten. Es hatte kaum Widerstand gegeben, denn wer wollte schon auf die Annehmlichkeiten verzichten?

Zenon liebte seinen Großvater. In seiner Kindheit verbrachte er mehr Zeit mit ihm als mit seinem Vater. Großvater Anwar erzählte ihm die Geschichte seiner Familie.
Eine Geschichte von Geflüchteten, die aus einem Land kamen, das es heute nicht mehr gab. Syrien, ein Land, in dem der Krieg wütete. Zenon fiel es schwer, sich einen Krieg vorzustellen, wie man ihn damals führte, mit Panzern und Waffen, tausenden Verwundeten und Toten. Zivilisten flohen zu Fuß und überquerten Meere.
Heute gab es nur noch vereinzelt Auseinandersetzungen. Man stritt um wichtige Ressourcen, zum Beispiel Wasser, aber die Kämpfe wurden in Schaltzentralen geplant und von Drohnen ausgeführt.
Kollateralschäden, die Unschuldige trafen, konnte man damit größtenteils verhindern. Die Menschheit schien sich in eine positive Richtung zu entwickeln.
Zenon wusste, die Wahrheit sah anders aus, denn die Beweggründe waren rein materieller Natur. Die Kriege von damals waren nicht effizient, denn sie verschwendeten zu viele Ressourcen, die langsam knapp wurden. Sie mussten umdenken, gemessen am Ergebnis, waren Kriege unrentabel geworden. Logik und Gewinnoptimierung bestimmten ihr Leben.

Anwar saß nach dem Frühstück in seinem Zimmer und wartete gespannt auf Zenon. Geduld war eine Eigenschaft, die er in seinen ersten Jahren in diesem Land lernen musste. Als er damals hier ankam, bestand sein Leben aus Warten. Warten auf die Genehmigungen, ohne die nichts in diesem geordneten Land zu funktionieren schien. Es fiel ihm schwer, denn er wollte so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen, nicht mehr abhängig sein von irgendwelchen staatlichen Institutionen. Doch er blieb geduldig, und nach zwei Jahren, in denen er diese schwierige Sprache lernte und versuchte, sich der fremden Mentalität anzupassen, bekam er endlich seine Aufenthaltsgenehmigung.
Er fand Arbeit in seinem Beruf als Maschinenbauer und benötigte nur einige Fortbildungskurse, um seine Kenntnisse dem hiesigen Standard anzupassen.
Gerne erinnerte er sich an diese Zeit zurück: Seine Kollegen mochten ihn, denn er sorgte für gute Laune an ihrem Arbeitsplatz. Die Deutschen schienen ihm oft betrübt. Obwohl sie im Wohlstand lebten und es ihnen an nichts fehlte, war ihre Laune meist so grau wie das Wetter in ihrem Land.
Nachdem er eine Existenz aufgebaut und genügend Geld gespart hatte, um eine Familie zu gründen, begann er auszugehen. Er wollte endlich eine Frau finden. Er sah gut aus, war gebildet und sprach mittlerweile fast akzentfrei Deutsch. Ihm gefiel die westliche, freizügige Art zu leben.
Nach einem seiner nächtlichen Streifzüge entschied er, spätabends noch in einer kleinen Kneipe einzukehren. Anwar wollte nur ein schnelles Feierabendbier trinken, bevor er zu Bett ging. Obwohl er aus einer streng muslimischen Familie kam, genehmigte er sich ab und zu etwas Alkoholisches. Er nahm es nicht ganz so streng mit den religiösen Gesetzen wie seine Familie.
Er betrat die schummrige Kneipe und ging auf den Tresen zu. Während er sein Getränk bestellte, hörte er eine Frau, die heftig und laut mit einem Mann diskutierte. Anwar drehte sich langsam um und sah in die Richtung, aus der die Stimmen kamen.
Dort stand eine kleine, zierliche junge Frau, die mit beiden Händen gestikulierend auf einen Mann in ihrem Alter einredete. Vom ersten Augenblick, in dem Anwar sie sah, fasziniert sie ihn. Er konnte nicht genau sagen, was ihn so bewegte. Es waren nicht nur die roten wilden Locken oder das bildhübsche schmale Gesicht mit den großen Augen, die ihn beeindruckten, mehr noch als ihr Äußeres gefielen ihm die schnellen Bewegungen ihrer Hände beim Gestikulieren, die Art wie sie ihre Augen zusammenkniff, wenn ihr Gegenüber nicht einsehen wollte, was sie sagte. Sie sprühte vor Energie, ihre Haare flogen ungezähmt bei jeder Bewegung um ihren Kopf. Alles an ihr schien so frei und unabhängig, gleichzeitig wirkte sie anmutig. Seit er in dieses Land gekommen war, hatte er niemanden getroffen, der so viel Leidenschaft ausstrahlte wie diese junge Frau. Nach einigen heftigen Argumenten hob der Mann abwehrend die Hand: "Ronja, lass gut sein! Du hast gewonnen, ich gebe mich geschlagen. Lass uns lieber noch einen trinken, o.k.?"
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, so, als hätte sie einen Sieg errungen. Dieses Lächeln war ansteckend, auch Anwar musste unwillkürlich schmunzeln.
Sie kam nun auf ihn zu. Selbstbewusst musterte sie ihn von oben bis unten und sprach ihn an: "Hallo, schöner Fremder, was treibt dich denn in diese Spelunke?"
Er war irritiert, so direkt von einer Frau angesprochen zu werden, aber geistesgegenwärtig erwiderte er: "Ich suche jemanden wie dich, und das schon sehr lange." Die Worte waren einfach so aus ihm herausgesprudelt, er wusste selbst nicht genau, woher sie kamen, aber sie stimmten.
Sie stutzte einen Moment, auch sie war wohl überrascht von seiner forschen Antwort. Es entstand eine kurze, peinliche Pause, dann bestellte er ein zweites Weizen.
"Ich hoffe, du trinkst Bier?"
Sie verzog die Mundwinkel und schaute ihn mit ihren grünen Augen einen Moment lang an. "Ja, ich trinke Bier, normalerweise aber nicht mit Männern, die sich mir nicht vorgestellt haben."
Anwar gefiel ihre Art. Sie war offen und direkt, aber sie hatte auch Prinzipien. "Entschuldigung, ich heiße Anwar. Und du?"
"Ronja", erwiderte sie.
Die bestellten Getränke kamen, und er prostete ihr zu. Ronja arbeitete als Sozialarbeiterin und beschäftigte sich momentan mit einem Projekt für minderjährige Flüchtlinge. Sie setzte sich bundesweit für bessere Bedingungen für diese Kinder ein. Sie träumte von einem Land, das all den Gestrandeten eine Zukunft gab. Ihr Ziel war die Integration der Jugendlichen, denn sie sah darin eine Zukunft für Deutschland, das an einer zunehmenden Vergreisung der Gesellschaft litt. Seinen Schilderungen über die eigene Flucht, seine Familie und über sein Land lauschte sie mit echtem Interesse. An jenem Abend redeten sie, bis die Kneipe schloss. Anschließend begleitete er sie ans andere Ende der Stadt, wo sie in einer Wohngemeinschaft wohnte. Ihm kam es vor, als würden sie sich seit Jahren kennen. Nicht ein einziges Mal fehlte es ihnen an Gesprächsstoff.
Er bemerkte, wie sie ihn ab und zu von der Seite betrachtete, so als wolle sie genau sehen, wen sie da vor sich hatte. An diesem Abend fehlte ihm der Mut, sie zum Abschied zu küssen.
Auf dem Heimweg verfluchte er seine traditionelle Erziehung. Bei ihnen zu Hause wäre dieser Abend gar nicht möglich gewesen. Eine Frau und ein Mann gingen nicht zusammen in der Dunkelheit spazieren. Er wusste, dass seine Mutter eine solche Frau, die nicht einmal seinem Glauben angehörte, nie akzeptieren würde. Anwar verscheuchte die Gedanken, denn er wollte sie wiedersehen, mit ihr lachen, mit ihr diskutieren und sie lieben. Das allein zählte für ihn an diesem Abend.

Zenon trat aus dem Haus, gerade als das Aeromobil sich geräuschlos zu ihm heruntersenkte. Die Türen öffneten sich, und er legte seinen Finger in eine dafür vorgesehene Mulde.
"Guten Morgen Herr Salem, wo möchten sie hin?"
"Zur Altersresidenz Moselufer, bitte!", erwiderte er.
Er schaute zum Fenster hinaus und hoffte, er würde sich etwas beruhigen. Gerade heute durfte er keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Erhöhter Puls und Schweißausbrüche würden bei der Krankenkassenzentrale registriert und endeten oft mit einer Anfrage oder einer Einladung zum Arzt. Als Mediziner gewährten sie ihm einen größeren Spielraum, der Alarm würde nicht direkt ausgelöst, aber zu oft durften seine Messdaten nicht von der Norm abweichen.
Sie flogen jetzt an den riesigen Hochgärten vorbei, in denen man den landwirtschaftlichen Anbau betrieb. Die Stadt versorgte sich mittlerweile autark: Menschliches Leben fand ausschließlich hier statt.
Vor Jahren hatten sie beschlossen, den Wohnraum auf dafür angelegte Cluster zu beschränken. Das Lebensareal ‚Trier‘ erstreckte sich von Bitburg bis nach Losheim und gehörte damit noch zu den kleineren Wohnbezirken. Es war sehr viel effektiver, die Bevölkerung in diesen Zentren zu versorgen, argumentierte die Regierung. Glaubte man ihnen, handelten sie zum Wohle des Volkes. Was sie nicht sagten: So war es leichter für sie, die Menschen zu kontrollieren.
Anfangs wehrte sich die Landbevölkerung noch, aber nachdem man ihnen den Anschluss an das zentrale System verwehrte und damit jegliche Art der Kommunikation nahm, sie auch medizinisch nicht mehr ans Netz angeschlossen waren und ihre Kinder keinen Zugang zur Bildung bekamen, gaben sie nach und nach auf und zogen in die Städte. Genau dieses System machte sich die Widerstandsorganisation nun zunutze.

Zenon war noch nie außerhalb der Stadtgrenzen gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie diese Welt aussah. In Hologrammen hatte er die Welt seines Großvaters gesehen, aber damals war das Land noch bewohnt.
Das Fahrzeug senkte sich langsam und Zenon sah das graue Gebäude, das sie "Stadtresidenz" nannten, ihn aber jedes Mal an ein riesiges Gefängnis erinnerte.
Seit dem Tag, an dem er seinen Großvater ins Heim bringen musste, hatte er das System hinterfragt. Eine Regierungsform, die einen gesunden, alten Menschen zwangsweise an seinem siebzigsten Geburtstag in eine Einrichtung einwies, musste man hinterfragen. Der alte Mann hätte bei ihm leben können, trotz der Enge seiner Wohnung. Sie hätten sich arrangiert, aber danach fragte niemand.
Wie so vielen seiner Generation waren ihm diese Dinge zuerst nicht aufgefallen. Es interessierte ihn nicht, bis es ihn persönlich betraf.
Seine Großmutter Samira war zwei Jahre vor dem Umzugsdatum gestorben und andere ältere Verwandte gab es nicht. Anfangs fand er die Idee eines Altersheims auch nicht schlecht. So wäre Großvater versorgt und würde mehr Anschluss an Leute seines Alters bekommen, besonders da Zenons Eltern die nächsten drei Jahre auf einer Station auf dem Mars arbeiten würden.
Die ersten Zweifel kamen ihm schon beim Einzug: Alles schien so abgewohnt und schäbig. Das ganze Gebäude hinterließ bei ihm den Eindruck von Verfall und Leere. Roboterhelfer surrten durch die Gänge, erledigten gewissenhaft ihre Aufgaben. Obwohl mit Sprachprogrammen ausgestattet und mit freundlichen Gesichtern bestückt, waren sie nicht in der Lage, menschliche Wärme zu ersetzen. Die Bewohner wurden ernährt und verwahrt, ansonsten aber sich selbst überlassen. Ihre Rente wurde vom Heim verwaltet, die Insassen selbst konnten nicht frei über ihr Geld verfügen.
Wurde jemand zum Pflegefall, transportierte man ihn zum sogenannten Paradiesheim. Zenon musste aufpassen, dass er sich bei dem Namen nicht zu sehr aufregte, und einer der Sensoren Alarm auslöste: Seit kurzem kannte er die Wahrheit über diese Heime.
Paradiesheime waren solche, in die man die alten Menschen brachte, wenn sie Anzeichen zeigten, dass sie pflegebedürftig wurden. Angeblich befanden sie sich auf dem Mars, wo man großzügige Anlagen gebaut hatte, in denen die Patienten die beste Pflege erhielten. Es gab sehr schöne Hologramme darüber, jeder Angehörige konnte sie sich ansehen.

Anwar erinnerte sich gerne an die Zeit mit Ronja zurück. Es war nicht bei ihrem ersten Treffen geblieben. Zwei Tage nach ihrer ersten Begegnung verabredeten sie sich an einem künstlich angelegten Strand unten an der Mosel. Sie tranken Kaffee, aßen Eis und redeten. Er konnte sich nicht erinnern, je einem Menschen so viel von sich erzählt zu haben. Bevor sie an diesem Abend getrennt nach Hause gingen, fasste er allen Mut zusammen und küsste sie. Zu seiner Erleichterung erwiderte sie diesen Kuss leidenschaftlich.
Noch heute konnte er sich an das Gefühl von damals erinnern. Er kam sich leicht und unverwundbar vor. Nie zuvor hatte er sich so gefühlt. Die nächsten Wochen waren sie unzertrennlich.
Die Erinnerung an den Sommer mit Ronja gehörte zu den schönsten seines Lebens. Wie sehr wünschte er sich heute, andere Entscheidungen getroffen zu haben.
Jetzt würde er endlich das Richtige tun.

Das Aeromobil setzte langsam vor dem Haupteingang auf. Er schaute auf sein Display. Alles musste zeitlich passen, wenn sie eine Chance haben wollten. Zenon betrat das Gebäude, in dem er wie immer von einem der Hausroboter begrüßt wurde: "Guten Morgen, Herr Salem. Ihr Großvater ist auf seinem Zimmer."
"Guten Morgen, Z. Ich werde meinen Großvater heute für zwei Stunden aus dem Heim nehmen. Bitte melden sie ihn ab, wenn wir gehen."
"Wird erledigt, Herr Salem. Legen Sie bitte ihren Finger in die Mulde hier", erwiderte der Roboter.
Zenon folgte der Anweisung umgehend. Dies gab ihnen zwei Stunden Zeit, um an die Stadtgrenze zu gelangen.
Er hastete zum Zimmer seines Großvaters. Von nun an mussten sie sich beeilen, und es durfte nichts Unvorhersehbares passieren.
Als Zenon eintrat, sah er den alten Mann am Fenster stehen und hinausblicken.
Anwar drehte sich um und lächelte seinen Enkel an. Er war bereit.
"Großvater, guten Morgen! Bist du fertig für unseren kleinen Stadtausflug?", fragte Zenon unverfänglich.
"Klar, mein Junge, lass uns mal die Welt da draußen ein bisschen aufmischen!", erwiderte Anwar und war sich durchaus bewusst, wie zweideutig diese Aussage war.
Zenon grinste, auch ihm war dies nicht entgangen. Genau das war es, was er an seinem Großvater so liebte: Den Humor konnte ihm keiner nehmen!
Sie verließen gemeinsam das Zimmer. Zenon tippte auf sein Display und bestellte wieder einen Wagen. Sie gingen an Roboter Z vorbei, der sich aber jetzt nicht mehr für sie interessierte, die Formalitäten waren schließlich erledigt.
Ihr Fahrzeug stand bereit. Sie mussten einen Zwischenstopp in Trierweiler einlegen. Dort würden sie in einem medizinischen Zentrum vorbeischauen, und von einem befreundeten Arzt genau erfahren, zu welchem Zeitpunkt die Ausschaltung erfolgen sollte. Der Besuch bei einem Kollegen würde kein Aufsehen erregen.
Anwar war jetzt aufgeregt, versuchte aber durch gleichmäßiges Atmen seine Körperfunktionen in den Griff zu bekommen. Er schaute zum Fenster hinaus, der Regen schlug gegen die Scheiben. Er hasste Regen, heute noch genauso wie damals.

Wie oft hatte Ronja ihn damit aufgezogen, ihm gesagt, er benehme sich, als sei er aus Zuckerwatte. Ihr ansteckendes Lachen und ihre unbekümmerte Art waren nur einige der Eigenschaften gewesen, die sie so liebenswert machten.
Wieso war er so feige gewesen? Wenn er heute darüber nachdachte, fiel es ihm schwer, sein damaliges Verhalten zu begreifen. Wie konnte er so gefangen sein? Gefangen in seiner Tradition, Religion und dem Familiengefüge. In der heutigen Gesellschaft spielten diese Dinge keine Rolle mehr.
Ende des Sommers musste Ronja für zwei Monate wegen eines Projekts nach Hamburg ziehen.
Anwar entschied, dass es an der Zeit war, seine Familie einzuweihen, ihnen von Ronja und seiner Liebe zu ihr zu erzählen. Seine Mutter war eine traditionelle Frau, für sie kam nur eine Schwiegertochter aus Syrien infrage. Es war ihm klar, dass er einige Überzeugungsarbeit leisten musste, aber er war sich sicher: Er würde es schaffen!

Zenon tippte ihm auf die Schulter: "Großvater, wir sind da. Komm mit, du brauchst nicht hier allein zu warten!"
Sie betraten einen unscheinbaren grauen Gebäudekomplex.
Zenon half seinem Großvater in den Aufzug. Als sie ankamen, erwartete Jonon sie schon. Die beiden Ärzte begrüßten sich mit einer kurzen Umarmung, so, wie sie es immer taten. Zenon stellte seinen Großvater vor, dann betraten sie eines der Büros.
Jetzt galt es, Jonon genau zuzuhören. In seinem Gespräch würde er beiläufig eine bestimmte Uhrzeit erwähnen. Sobald sie diese Information hörten, mussten sie aufbrechen.
"Wie geht's bei euch, Zenon? Habt ihr auch so viel Arbeit? Wir arbeiten hier dauernd Überstunden."
"Ja, wir auch, zurzeit sind sehr viele Leute an diesem hartnäckigen Virus erkrankt. Ich hoffe, ihr findet bald ein anständiges Gegenmittel", entgegnete Zenon.
Anwar schaute sich neugierig um und bemühte sich, nach außen vollkommen ruhig zu wirken. Es fiel ihm schwer, unbekümmert hier sitzen zu bleiben. Auch er folgte dem Gespräch und wartete auf die versteckte Ziffernfolge.
Die beiden Männer unterhielten sich weiter über ihre Arbeit und andere belanglose Themen. Doch plötzlich horchte Anwar auf.
"Sag mal, könnte ich morgen um 11.20 Uhr bei dir vorbeischauen? Ich arbeite gerade an einer Auswertung und hätte gerne eine zweite Meinung zu den Ergebnissen gehört."
Zenon unterdrückte den Impuls, sofort auf die Uhr zu schauen, aber er wusste: Dies war ihr Stichwort.
Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten, bis Zenon Großvater zum Aufbruch drängte.
Jonon drückte seinem Freund zum Abschied noch einmal fest die Hand. Er wusste, dass sie sich nicht so schnell wiedersehen würden. Laut sagte er: "Tschüss, mein Freund! Zeig deinem Großvater noch etwas die Welt außerhalb seines Heims."
Anwar musste innerlich grinsen. Ja, die Welt außerhalb des Heims, die würde er zu sehen bekommen!
Sie fuhren wieder mit dem Aufzug hinunter und starrten fast gleichzeitig auf ihre Displays. Sie hatten noch genau zwanzig Minuten. Unten angekommen, stiegen sie in das wartende Gefährt, und sobald sich die Türen schlossen, gab Zenon den Befehl: "Bitburg, Stadtgrenze!"

Anwar versank wieder in seinen Erinnerungen. Er dachte an die Zeit, als er versuchte, seiner Familie zu erklären, wie wichtig Ronja für ihn war. Er sprach von Liebe und der einen Frau, die ihn glücklich machen würde. Er hatte mit Widerstand gerechnet, aber nicht mit einer Komplettverweigerung.
Seine Mutter machte ihm in den nächsten Tagen sehr deutlich klar, dass es keinerlei Kompromisse geben würde. Wollte er diese deutsche Frau heiraten, müsste er ohne seine Familie leben und seine Enkelkinder würden ihre Großmutter nie kennenlernen.
Anwar gab sich nicht so schnell geschlagen. In den nächsten Wochen versuchte er jede Taktik, die ihm einfiel. Er bettelte, er diskutierte, war zornig, selbst ein paar Tränen vergoss er - aber sie blieb hart.
Anfangs wollte er seinen Willen durchsetzen. Sollten sie doch ohne ihn leben, er würde trotzdem glücklich werden mit seiner Ronja! Doch je länger er abends grübelte, desto mehr fing er an zu zweifeln. Wie sollte Ronja glücklich werden, wenn sie von seiner Familie abgelehnt wurde? Welches Glück war dies, wenn er sein erstes Kind nicht seiner Mutter zeigen durfte? Irgendwann würde er unglücklich sein und es wahrscheinlich an Ronja auslassen.
Aus heutiger Sicht erkannte er, wie schwach er damals gewesen war, noch immer gefangen in den Traditionen seines Heimatlandes. Vielleicht wäre er stärker gewesen, wäre Ronja in seiner Nähe geblieben.
Gegen Ende der zwei Monate war er sich sicher: Er musste sich von ihr trennen. Noch heute schmerzte ihn die Entscheidung von damals, wenn er daran dachte. Viele Jahre hatte er diesen Schmerz tief in seinem Innern verschlossen. Anfangs verbat er sich jeden Gedanken an sie, erst in den letzten Jahren kamen die Erinnerungen immer häufiger, vielleicht auch, weil Samira nicht mehr an seiner Seite war. Als Ronja aus Hamburg zurückkehrte, und Anwar ihr seine Entscheidung mitteilte, war sie vollkommen überrascht und konnte seine Beweggründe nicht begreifen. Diese Denkweise war ihr vollkommen fremd. Sie wurde wütend auf ihn, versuchte ihn zu überreden, er aber hatte sein Herz schon verschlossen, meinte zu wissen, dies sei der einzig richtige Weg für sie beide.
Es fiel ihm unendlich schwer, sie so leiden zu sehen. Er war nicht in der Lage, sie zu trösten, denn je länger er in ihrer Nähe blieb, desto schwerer fiel es auch ihm. Sie hatten sich damals ein letztes Mal in einem Café getroffen. Anwar blieb standhaft, obwohl alles in ihm danach schrie, sie in den Arm zu nehmen, mit ihr fortzugehen und sein Leben mit ihr zu teilen.
Er war nach kurzer Zeit aufgestanden, hatte das Café verlassen, um stundenlang durch die Straßen zu laufen, während die Tränen ihm die Wangen herunterliefen und er überzeugt war, dass sein Herz vor Schmerz stehen bleiben müsse. Aber es schlug weiter, und er musste sein Leben fortsetzen.
Die nächsten Monate verbrachte er in seiner Wohnung, aß kaum etwas, wurde einsilbig und nichts interessierte ihn mehr.
Seine Familie bemühte sich rührend um ihn. Sie spürten, was er für sie aufgab, aber sie änderten ihre Meinung nicht. Sie waren überzeugt, dass dies zum Wohle der Familie geschehe und er mit der Zeit darüber hinwegkäme.
Vergessen konnte er Ronja nie. Tief in seinem Herzen bewahrte er ihr Andenken. Sie war sein Geheimnis.
Er hatte den Glauben aufgegeben, sie wiederzusehen. Man berichtete ihm, dass sie die Stadt kurz danach verließ.
An jenem Tag vor zwei Monaten, als er meinte, sie auf einem der Gänge im Heim zu erkennen, wollte er es erst nicht glauben. Als er sie dann nicht fand, schalt er sich einen alten Narren. Sah er jetzt schon Gespenster?
Am nächsten Morgen beim Frühstück traute er seinen Augen nicht. Da saß sie: seine Ronja. Unter tausend Frauen hätte er sie erkannt, egal, wie alt sie war. Als er auf sie zuging, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Auch sie erkannte ihn sofort.

Zenon stupste ihn an und riss ihn aus seinen Gedanken. Sie hatten ihr Ziel erreicht.
"Großvater, komm hier zu dem alten Baum, dort hast du die beste Sicht."
Anwar folgte ihm gehorsam. Sie schauten beide auf ihre Displays. Noch genau zwei Minuten. Sie atmeten tief ein, das Unterdrücken der Anspannung machte ihnen zu schaffen.
Zenon zog einen kleinen Stift aus seiner Tasche. Als das Display genau auf 11.20 stand, hielt er blitzschnell den Laser auf Großvaters Handgelenk und schnitt den kleinen Chip unter der Haut heraus.
Anwar biss die Zähne zusammen. Es brannte höllisch, aber diese Schmerzen nahm er gerne in Kauf für ein neues Leben mit ihr. Egal wie kurz oder lang es sein würde.
Zenon schnitt nun den eigenen Chip aus dem Handgelenk. In diesen Minuten würde ein Vertrauensmann, der in der Zentrale arbeitete, den Alarm, den ihre Sensoren gerade verursachten, abstellen. Außerdem löschte er sie aus dem Zentralregister. Für kurze Zeit existierten sie für das System nicht. Im Idealfall würde man es erst sehr viel später bemerken.
Nun mussten sie schnell die Stadtgrenze überqueren, nicht, dass sie noch von einer der Roboterpatrouillen gefasst wurden. Zwei Kilometer entfernt warteten die Leute des Widerstands auf sie.
Sie waren jetzt auf sich allein gestellt, Navigationsprogramme funktionierten jenseits der Grenze nicht. Zenon waren mündliche Anweisungen gegeben worden. Er musste eine kleine Schneise im Gras finden, diese würde dann zum Treffpunkt führen. Er schaute sich den Boden genau an, konnte aber nichts erkennen.
Anwar winkte ihn zu sich, er hatte etwas entdeckt. Großvater zeigte auf eine Spur im Gras und Zenon erkannte einen von Gestrüpp und Gras überwucherten Pfad. Dies musste es sein. Sie bahnten sich langsam ihren Weg durch die Wildnis, strauchelten oft über Äste und Wurzeln, der Weg schien Zenon endlos. Er wunderte sich, wie flink sein Großvater sich bewegte. Die neu gewonnene Freiheit schien ihm Kraft zu geben.
Nach etwa zwei Kilometern sahen sie zwei Männer, die am Wegrand standen. Einer von ihnen winkte ihnen zu, und sie liefen noch etwas schneller.
Anwar war jetzt froh über die Stunden, in denen er seine Muskeln trainiert hatte.
Sie erreichten die Männer, die sie hastig begrüßten. Direkt hinter ihnen stand ein Gefährt, das Zenon nur aus alten Filmen kannte. Ein alter, zerbeulter Transporter, eines der Elek trofahrzeuge von damals. Zenon kam sich vor, als wäre er in einer Zeitkapsel gereist.
Anwar freute sich beim Anblick des Autos. Die Männer, die sich als Askan und Bono vorstellten, erklärten ihnen, dass sie wahrscheinlich fünf Stunden brauchen würden, bis sie im Dorf ankämen. Der Dauerregen der letzten Tage machte den Weg durch die Wildnis schwieriger als sonst. Hier im Niemandsland zwischen den Zentralstädten Trier und Köln flogen nur ab und zu Drohnenpatrouillen, und ohne die Chips in ihren Körpern waren sie so gut wie unsichtbar für das System. Der Transporter ruckelte Stunde um Stunde durch unwegsames, wildes Gelände.
Anwar war müde, aber die Erwartung, Ronja in ein paar Stunden in den Armen zu halten und mit ihr ein neues Leben zu beginnen, ließ ihn nicht schlafen.

An dem Morgen im Heim, als sie sich wiedertrafen, schien es ihm, als wären sie nie getrennt gewesen. Die vielen Jahre mit seiner Frau Samira spielten keine Rolle mehr. Ihre Ehe, die von seiner Mutter arrangiert worden war, verlief nicht unglücklich. Sie war geprägt vom Verständnis und tiefer Freundschaft füreinander. Sie war ihm eine gute Frau und ihrem Sohn eine gute Mutter gewesen. Mit der Zeit empfand er eine große Zuneigung für sie, aber es war nie die leidenschaftliche Liebe, die er damals bei Ronja verspürte.
Anwar hoffte, Ronja und ihm würden noch ein paar gute Jahre übrigbleiben, die sie zusammen verbringen könnten. Ronja vergab ihm, aber ihr Fluchtplan stand fest. Die Organisation hatte bereits alles geplant. Sie würde die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Es blieben ihnen nur wenige gemeinsame Tage bis zu ihrer Abreise.

Zenon schaute aus dem Fenster. Die Welt, die sich ihm da draußen zeigte, sah nicht sonderlich einladend aus. Er konnte eine gewisse Angst vor dem Leben, das sie hier führen würden, nicht verleugnen. Er hoffte, ihre Träume von einer Gesellschaft ohne Überwachung, basierend auf Menschlichkeit, würden sich erfüllen. Es war ein Experiment, aber alles war besser als das Leben, das sie jetzt führten. Nicht nur er wusste mittlerweile, dass es auf dem Mars keine Altersstation gab. Als seine Eltern ihm damals berichtet hatten, dass sie sicher seien, dass pflegebedürftige Menschen einfach umgebracht wurden, hatte er seinen Entschluss endgültig gefasst.
Er schaute auf seinen Großvater, der aus dem Fenster sah und völlig entspannt wirkte. In diesem Moment wusste er, seine Entscheidung war richtig.
Dies änderte jedoch nichts an den Fragen, die sich die Organisation und er stellten. Welchen Weg würden sie einschlagen? Sie konnten nicht für immer als Parallelgesellschaft überleben, so viel war sicher.
Würden sie das System zerstören müssen, um eine neue Form des Zusammenlebens zu entwickeln oder würden genug Menschen ihnen folgen, sodass sie die Gesellschaft von innen erneuern konnten? Noch waren sie nur vereinzelte Gruppen, die in Siedlungen überall auf der Welt ein neues Leben begannen.
Anwar erblickte in einiger Entfernung kleine Lichtpunkte. Dies musste die Siedlung sein. Zuversichtlich schaute er dort hin. Er war überzeugt, sie würden ein besseres Leben aufbauen.