Persönlichkeit statt Perfektion

Persönlichkeit statt Perfektion

Die Sängerin Maite Kelly steht zu ihren Schwächen. Gerade das macht ihren Auftritt in Trier so überzeugend.

Trier Nein, an einem Seil schwebt Maite Kelly nicht in die Europahalle ein. "Das könnte reißen", erklärt die Sängerin lachend, nachdem sie ganz konventionell die Bühne betreten hat. Zum einen spielt sie damit auf die immer aufwendigeren Shows ihrer Kolleginnen Helene Fischer und Andrea Berg an, zum anderen auf ihre Figur, die eben "mehr Wellen und Dellen" als Ecken und Kanten habe. Und dass sie weder große Knalleffekte noch Modelmaße nötig hat, um ihr Publikum zu begeistern, dass zwei Tänzer und eine vierköpfige Band völlig ausreichend sind, das wird die Zweitjüngste aus der vielköpfigen Kelly-Family im Lauf des Abends beweisen.
Zwar dauert es anfänglich, bis so richtig Schwung und Stimmung ins Konzert kommen, mit "Hot Stuff" von Donna Summer ist dann aber ein erster Höhepunkt gesetzt. Unter dem weiten wollenen Folklore-Rock, sagt Maite Kelly, habe sie schon als junges Mädchen den Disco-Hüftschwung geübt. Wie gut sie tanzen kann, hat sie dann später bewiesen, als sie 2011 Siegerin bei der Fernsehsendung "Let's Dance" wurde - trotz ihrer nicht optimalen körperlichen Voraussetzungen. Aber, schließlich habe sich ja gezeigt: "Auch mit kurzen Beinen kommt man überall hin." In diesem Punkt gleicht die Sängerin der kleinen Hummel Bommel mit ihren noch kleineren Flügeln aus dem von ihr verfassten Kinderbuch. Der dritte Band der Reihe ist gerade erschienen. Jeremy, Emma und Anna-Lena, drei der jüngsten von insgesamt 1000 Konzertbesuchern, erhalten jeweils ein Exemplar geschenkt. Für die Hummel, die über die Videoleinwand schwebt, und für alle anderen Gäste im Saal gibt es dazu noch das Mut-mach-Lied "Du bist du".
Sehr persönlich wird es nach der Pause: Mit "Die Liebe ist größer als das Leben" hat Maite Kelly ihrem 2002 verstorbenen Vater ein Lied gewidmet. Leise Töne, ein liebevoller Text, dazu ein Schwarz-Weiß-Foto aus Kindertagen, mehr braucht es nicht für den ergreifendsten Moment des Abends. Das Publikum ist genauso gerührt wie die Sängerin selbst, der eine Träne im Auge steht. Eine weitere Kindheitserinnerung betrifft eine ältere Frau, mit der Maite Kelly einst Brombeeren gesammelt und Marmeelade gekocht hat. Später sei ihr klar geworden: "Es ging gar nicht um die Marmelade, sondern um die gemeinsame Zeit." Auch diese Dame wird mit einem Lied geehrt. Dritte Erinnerung: "Roses of Red", das erste Lied, das Maite Kelly für die Kelly-Family geschrieben hat. Sie versucht es jetzt, mehr als 25 Jahre später, genauso zu singen, wie damals als Zwölfjährige.
Aber natürlich hat Maite Kelly auch ihre aktuellen Lieder im Gepäck: "Warum hast du nicht nein gesagt" zum Beispiel, das sie gemeinsam mit Roland Kaiser aufgenommen hat. Der Gesangspartner ist in Trier zwar nicht mit dabei, das aber wird vom vielstimmigen und textsicheren Chor der Konzertbesucher mühelos kompensiert. Auf den Stühlen hält es dabei niemanden mehr.
Dass das Publikum lautstark eine Zugabe fordert, versteht sich fast von selbst - zumal ja "Sieben Leben für dich", der Titelsong von Album und Tournee, noch gar nicht erklungen ist. Das wird selbstverständlich nachgeholt, obendrauf gibt es den aktuellen Radio-Hit "Jetzt oder nie". Zum Abschied singt Maite Kelly abermals ein sehr persönliches Lied: "Wir haben uns", das sie für ihre älteste Tochter geschrieben hat.
Obwohl Maite Kelly anfangs noch betont hatte, "die Kondition und ich, wir waren nie gute Freunde", hat sie inklusive Pause fast drei kräftezehrende Stunden durchgehalten. Und gerade weil sie sich nicht als die perfekte Frau inszeniert, sondern selbstbewusst auch zu ihren Schwächen steht ("einmal elegant sein - schon bekomme ich einen Krampf") und weil sie dem Publikum Einblicke in ihre Gefühlswelt gewährt, macht sie das zu einer umso überzeugenderen Künstlerin mit großer Persönlichkeit.