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Persönlichkeiten aus der Region Trier beantworten zehn Fragen zu Beethoven

Beethoven : Genie. Visionär. Revoluzzer.

Zehn bekannte Persönlichkeiten beantworten zehn Fragen zu Ludwig van Beethovens Schaffen. Wie gelingt es dem eigenwilligen Genie noch heute, Menschen für seine Musik zu begeistern? In Teil zwei äußern ein Generalmusikdirektor, ein Schauspieler, ein Bildender Künstler und weitere Kulturmacher aus der Region ihre Gedanken.

Die ganze Welt feiert Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Der deutsche Pianist und Tonsetzer (1770 bis 1827) gehört bis heute zu den meistgespielten Komponisten auf dem Erdball.

Beethoven wird häufig als schwieriger Mensch beschrieben. Warum sind große Künstler oft exzentrisch?

RAINER LAUPICHLER, Schauspieler, Organisator der Eifel-Kulturtage: „Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Ausgeglichene Künstler sind oft minderbegabt: Nach meinen Eindrücken als Schauspieler und Veranstalter stelle ich fest, dass der Erfolg, ob steigend oder beständig, etwas mit einem Menschen macht. Ist er dann nicht eingebettet in klare Strukturen, dann kann die Sache aus dem Ruder laufen, so dass Mitmenschen als Statisten betrachtet werden. Leichthin könnte man das als Exzentrik beschreiben. Je stärker sie in ihrer eigenen Projektion leben, um so weniger nehmen sie am zwischenmenschlichen Miteinander teil. Wer sich integriert, zahlt einen Preis, ebenso wie der, der sich nicht integrieren will. Es gibt auch eine Exzentrik im Mantel der Biederkeit, bei Politikern, Bischöfen oder Schmidtchen Schleicher. Die Frage ist für mich immer, in wie weit lässt man sie gewähren und stützt dadurch die Auswüchse.“

Die Schlacht bei Vittoria soll Beethovens schwächstes Werk sein. Warum? Würden Sie es auf den Spielplan des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier setzen?

JOCHEM HOCHSTENBACH, Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier: „Zuerst halte ich es für nicht besonders sinnvoll, das schwächste Werk zu suchen von einem Meister wie Beethoven. Das schwächste Gemälde von Rembrandt? Das schlechteste Spiel von Johan Cruyff? Wir wären alle froh wenn wir an einem Tag so „schwach“ malen, Fußballspielen oder komponieren würden wie diese Herren. Das hier behandelte Werk ist immerhin ein echter Beethoven. Dann sollte man unbedingt den Hintergrund dieses Werkes kennen, bevor man sich ein Urteil bildet über die künstlerische Qualität und Inhalt dieser Komposition.
Ich zitiere hier am besten Wikipedia: ,Die Anregung für die Komposition erhielt Beethoven von Johann Nepomuk Mälzel, der ein wirkungsvolles Musikstück für sein mechanisches Panharmonikon suchte, mit dem er in den europäischen Hauptstädten auf Tournee gehen wollte. Nachdem Beethoven die Komposition im Oktober 1813 beendet hatte, kam Mälzel mit dem weiteren Vorschlag, das Werk auch noch für großes Orchester zu bearbeiten. Mit einigen Konzerten in dieser Form sollte zunächst Geld für die geplante Tournee gesammelt werden, denn Mälzels finanzielle Mittel waren erschöpft.
Das Werk wurde vom Publikum begeistert aufgenommen, anders als viele von Beethovens Sinfonien oder Instrumentalkonzerten. Die Uraufführung am 8. Dezember 1813 in Wien war ein Spektakel, bei dem alle großen Komponisten Wiens mitwirkten: Antonio Salieri war einer der beiden Dirigenten, Giacomo Meyerbeer und Ignaz Moscheles spielten im riesigen Orchester mit, das durch zahlreiches Schlagzeug unterstützt wurde. Beethoven hatte die musikalische Gesamtleitung.

So stellt sich ja sofort heraus, dass es hier nicht um eine schwergewichtige, geistig dichte und strukturell und motivisch hochkomplizierte Komposition gehen DARF, weil Beethoven dann vollkommen an seinem Ziel vorbeigeschossen wäre. Beethoven war ein weitaus begabterer Geschäftsmann als allgemein angenommen. Wie man im Zitat leicht erkennen kann, hat Beethoven sein Ziel aber grandios erreicht: ein für das Publikum sehr wirkungs- und effektvolles Werk zu schreiben, das für diesen Anlass perfekt ist.  Besser hätte man das nicht machen können! Wellington soll übrigens geantwortet haben auf die Frage, ob dieses Werk in irgendeiner Form der Wirklichkeit der tatsächlichen Schlacht entspräche: „By God no. If it had been like that I‘d have run away myself!“.

Würde ich dieses Werk auf den Spielplan des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier setzen? Der Anlass dazu soll dafür erst mal stimmen: Einfach unkommentiert dieses Werk zwischen seriöseren Kompositionen zu spielen, wäre nicht sinnvoll.
Für Trier erschwerend dazu käme die Orchesterbesetzung: Wo wir eigentlich ein „ideales“ Beethovenorchester haben, bräuchte man für dieses Werk ein enormes Arsenal an extra Trompeten und Schlagzeug. Und von Kanonen zu schweigen. Wenn der Rahmen passen würde und zum Beispiel Vittoria oder die Erben Wellingtons uns die fehlenden Mittel zu Verfügung stellen würden, dann hätte ich Spaß an der Sache. Und das Publikum mit Sicherheit auch!“

Warum hören Sie Beethoven? Was macht ihn so einzigartig?

CARMEN VON NELL-BREUNING, Weingut Nell-Breuning, Kasel:„Für meine Familie hat Beethoven eine persönliche Bedeutung: Die Familie von Breuning, meine Vorfahren, gilt als Ziehfamilie vom jungen Beethoven in Bonn. Sie unterstützte ihn in jungen Jahren und begleitete ihn in Freundschaft bis an sein Lebensende. Eleonore von Breuning war die erste Liebe von Beethoven. Ihr Bruder Stephan von Breuning war ein lebenslanger, enger Freund. Er begleitete ihn nach Wien und arbeitete als Librettist an einigen seiner Werke mit.

Ich bin fasziniert von der Musik Beethovens. Seine Werke sind kraftvoll, revolutionär, poetisch, manchmal romantisch. Fast unvorstellbar, wie ein Mensch ein solches Werk schaffen kann. Natürlich höre ich auch sehr gerne die Stücke, welche Beethoven Eleonore von ­Breuning gewidmet hat. So zum Beispiel die Sonate in C Woo 51: ein freudiges Musikstück voller Leichtigkeit und Zuwendung. In diesen Stücken verbindet sich Beethovens Werk ein bisschen mit meiner eigenen Familiengeschichte.

In meinem Weingut führen wir zwei Riesling-Sekte, die an diese gemeinsame Geschichte erinnern: Ludovico Sekt brut und Eleonore Riesling Sekt halbtrocken. Im Jahr 2020 werden wir mit diesen Sekten auf den 250. Geburtstag von Beethoven anstoßen.

Beethoven schuf einmalige Kunstwerke. Dabei war er radikal, denn er schlug einfach neue Wege ein und manifestierte sich als moderner Künstler. Wie beeinflusst er die Bildende Kunst damals?

MARIE-LUISE NIEWODNICZANSKA, Kunsthistorikerin: „Beethoven lebte zur selben Zeit etwa wie Wolfgang Goethe. Dies ist die Zeit des Klassizismus. 1770 bis 1830 ist die Blütezeit der neoklassizistischen Kunst. Wichtig die Parole der Zeit ,Die Freiheit führt das Volk.’ Der Klassizismus beruft sich ganz bewusst auf die Zeit der Antike, das heißt der griechischen und römischen Zeit. Klassizismus ist auch die Zeit der Aufklärung, das heißt die feudale Gesellschaft wird abgelöst vom Bürgertum. Die Kunstströmungen sind im Aufbruch. Vor allem in der Zeit Goethes entdeckt man als Maler Land und Leute. Der Mensch, der Bürger, wird wichtig. Viele Schlachtengemälde, eine uns heute unverständliche Verherrlichung der Kriegsschlachten und Selbstporträts, kommen in Mode.“

Und heute?

BODO KORSIG, Bildender Künstler, Trier: „Seit dem 18. Jahrhundert bis heute gibt es unzählige Porträts und Abbildungen von Beethoven, was nicht zuletzt damit zu begründen ist, dass er in seiner Zeit bereits ein Star war und auch heute noch zu den bedeutendsten Komponisten überhaupt zu zählen ist.
Neben der figürlichen Darstellung Beethovens setzten sich zahlreiche KünstlerInnen der Moderne und Gegenwart mit Beethoven auseinander und rezipieren seine Musik oder seine Geschichte in ihren Arbeiten.
Doch meiner Ansicht nach ist es nicht oder nicht ausschließlich sein Werk oder seine Darstellung, welche die Bildende Kunst bis heute beeinflussen, sondern die Faszination um seine Persönlichkeit. Als Komponist unter einer Krankheit zu leiden, die zur völligen Gehörlosigkeit führt, ist ein hartes Schicksal. Bereits früh in seiner Karriere äußerten sich die ersten Symptome, hinzu kamen persönliche Krisen und Verstrickungen, doch anstatt mit der Musik und seiner Leidenschaft zu brechen, machte Beethoven das folgende Jahrzehnt zu dem produktivsten seiner Karriere und transportierte damals wie heute die starke Message: Never give up!“

Er schuf weltweit bekannte Meisterwerke und seine Lebensgeschichte ist eine schier unerschöpfliche Inspirationsquelle gerade für Bildende Künstler, die sich immer wieder neu beweisen müssen und mehr als einmal Misserfolge durchleben. Sich dennoch immer wieder aufs Neue seiner Kunst und nicht zuletzt sich selbst zu stellen, ist eine große Herausforderung. Beethoven zeigt uns, was es heißt; nicht aufzugeben und beweist letztendlich, dass es nicht der Erfolg, sondern unsere eigene Motivation ist, die Barrieren überwindet und uns über uns hinauswachsen lässt.“

Beethoven war zu seiner Zeit ein Visionär. Wie reagieren Jugendliche auf Beethoven? Kann er sie heute noch begeistern?

HERIBERT FANDEL, Leiter der Kreismusikschule Bitburg, Kulturamtsleiter des Eifelkreises: „Ludwig van Beethoven war ein Komponist, der mit seinen Werken in die Zukunft blickte. Bis heute hat er eine enorme Strahlkraft und begeistert junge Menschen. Insofern ist er traditionell, aber auch modern, verbindet seine Zeit mit dem Heute. Musikstudenten und junge Musiker finden in den Arbeiten Beethovens eine unglaubliche Vielfalt. Der erste Kontakt mit dem Komponisten erfolgt dabei meist recht früh. Als Pianist und Musikschulleiter erlebe ich, dass Kinder und Jugendliche zunächst schnell Zugang zum Komponisten Ludwig van Beethoven erhalten. In seinen kleineren und spieltechnisch einfacheren Klavierwerken ist er jüngeren Musikern durchaus zugänglich und bietet eine Menge an substanziellen Kompositionen, die für einen Klavierschüler auch nach wenigen Jahren Ausbildung am Klavier erreichbar und lohnend sind.

Dies ändert sich dann häufig wenige Jahre später. Seine Klaviersonaten beispielsweise wollen nach wie vor erobert werden und junge Musiker bemerken, dass mehr dazu gehört als die Beherrschung des Notentextes. Beethoven wird dann zu einer Lebensbeschäftigung. Immer neue und komplexere Bereiche erschließen sich dem Pianisten und nehmen ihn ein. Ist der Kontakt zu den Werken Beethovens bis dahin nicht abgebrochen, entsteht geradezu eine Begeisterung für seine Musik.
Im Laufe des Musikerlebens wird die Verbindung intensiver. Hat man die Werke Beethovens schätzen gelernt, lassen sie einen ein Leben lang nicht mehr los. Obwohl er in einer anderen und entfernten Zeit lebte, ist er ein Magnet für junge musikbegeisterte Menschen geblieben. Er fordert den Könner und lockt den jungen Musiker gleichermaßen. Er ist und bleibt ein Phänomen, auch in unserer Zeit.“