Perspektive statt Perfektion

Perspektive statt Perfektion

LUXEMBURG. Superlative sind nicht angebracht. Aber der Trierer Spee-Chor hat bei seinem ersten Auftritt in der Philharmonie unter seinem Leiter Martin Folz eins gezeigt: Die Chöre aus Trier können im Luxemburger Konzertangebot eine wichtige Nische besetzen.

Eine Stimmung von Freundschaft lag über diesem Konzert. Philharmonie-Intendant Matthias Naske hatte sein Haus kostenlos zur Verfügung gestellt und Roby Zenner, Präsident der veranstaltenden "Union St. Pie X" , bekundete ein "nachhaltiges Glücksgefühl". Zum ersten Mal in der Philharmonie: Das Terrain war für den Spee-Chor neu und ungewohnt. Im einleitenden Prolog aus Haydns "Schöpfung" bewegten sich die Sängerinnen und Sänger auf dem Neuland wie eine Dame in Stöckelschuhen auf glattem Parkett: unsicher und mit auffälliger Behutsamkeit. Die heiklen Tenor- und Bass-Rezitative waren ohnehin für einen überzeugenden Start nicht der ideale Gegenstand. Auch das "Ensemble 85" setzte im Mozart'schen Kantatensatz "Dir, Seele des Weltalls" mehr auf Sicherheit als auf Überzeugungskraft. Auch die religiöse Aura der geschickt arrangierten Gregorianik verpuffte und die Polyfonie in Brahms heikler Motette "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen" ist zudem bei einem klein besetzten Vokalensemble besser aufgehoben. Es waren andere Stücke, in denen der Spee-Chor Klangglanz demonstrierte und Martin Folz interpretatives Niveau. Mendelssohns wunderbare Psalmvertonung "Richte mich, Gott" entwickelt eine Intensität und Glaubensstärke, die ein Profi-Ensemble selten erreicht. Und dann die "Canticles of Light" des britischen Zeitgenossen Bob Chilcott: Da eröffnen der Chor, das Instrumentalensemble mit Stephan Langenfeld, Orgel, Francois Delbuhaye, Klavier, Fran Grandjean, Kontrabass und Stéphan Lay, Percussion - da eröffnen sie neue Perspektiven geistlicher Musik: meditativ und doch ganz präsent. Wo handwerkliches Kleinklein gefragt ist, kann der Spee-Chor gegenüber den Spezialensembles nicht bestehen. Wenn die Musik sich zu emotionsstarken Höhepunkten öffnet, und die Akteure ihrer Sache sicher sind, dann singen sie wunderbar engagiert und offenherzig. Der Spee-Chor hat sein künstlerisches Spektrum noch nicht ausgereizt. Die Luxemburger Philharmonie könnte wichtige Impulse geben.