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Peter Lindberghs Vermächtnis: Die Ausstellung „Untold Stories“ hat der Fotograf kurz vor seinem Tod zusammengestellt.

Fotografie : Der Junge aus Duisburg

Peter Lindberghs Vermächtnis: Die Ausstellung „Untold Stories“ hat der Fotograf kurz vor seinem Tod zusammengestellt.

Lindbergh – das klang doch viel weltläufiger als Brodbeck. So hieß der Junge, der 1944 im polnischen Leszno geboren wurde und ein paar Jahre später nach Duisburg kam, wo er nach der Volksschule eine Lehre als Schaufensterdekorateur bei Karstadt machte. Da konnte man schon ein bisschen von Gestaltung träumen, von schönen Dingen, die man eines Tages würde machen können.

Mit der Verwirklichung seines Traumes begann Peter Brodbeck 1962 in Berlin, wo er an der Kunstakademie studierte und später zur Werkkunstschule Krefeld wechselte. Ab 1971 widmete er sich der Fotografie, nannte sich – nach dem Atlantiküberquerer Charles – Lindbergh und machte weltweit Karriere als Modefotograf. Dabei interessierte ihn weniger die Mode als vielmehr der Mensch, der sie präsentierte. Tatsächlich gelang es ihm, seine eigenen Vorstellungen in diesem speziellen Genre durchzusetzen, in dem es um Glanz und Glitter und Oberflächlichkeit geht. „Wenn man so spät (mit dem Fotografieren) anfängt“, sagte er einmal, ist man charakterlich vielleicht schon so weit gefestigt, dass man seine Vorstellungen nicht mehr so schnell über den Haufen wirft.“

Und er erhielt tatsächlich die Freiheit, Mode so zu fotografieren, wie er es wollte – und die großen Modeschöpfer waren begeistert. „Ich wollte eine Veränderung von der aufwendigen und unpersönlich gestylten, angeblich ,perfekten‘ Frau, die ständig damit beschäftigt ist, gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert zu sein, hin zu einer offenen, selbstbewussteren, abenteuerlustigen Frau, die ihr Leben im Griff hat, die emanzipiert ist von männlicher Kontrolle.“

Beispiele dieser „revolutionären“ Modefotografie sind derzeit sowohl in Hamburg als auch in Düsseldorf zu sehen, wo die von Peter Lindbergh kurz vor seinem Tod 2019 zusammengestellte Schau Premiere hatte. Zwei Jahre hatte er an „Untold Stories“ gearbeitet, die mit 140 Werken Arbeiten aus den frühen 1980er Jahren bis in die Gegenwart zeigen, viele davon überhaupt zum ersten Mal öffentlich. „Als ich meine Fotos das erste Mal an der Wand im Ausstellungsmodell gesehen habe, habe ich mich erschreckt, aber auch positiv. Es war überwältigend, auf diese Art vor Augen geführt zu bekommen, wer ich bin“, gestand der Fotograf in einem Interview. Und er ist einer, der seinen fotografischen beziehungsweise künstlerischen Weg kompromisslos gegangen ist, dessen Ideen die Modeschöpfer ziemlich vorbehaltlos folgten, da sie  großes Vertrauen in Lindberghs  Kunst setzten.

Er erinnert sich, dass die japanische Designerin Rei Kawakubo („Comme des Garçons“) ihm „carte blanche“ für ein Modeshooting 1980 gegeben hatte, und Lindbergh nutzte die Chance, ihre Kreationen in ein ungewohntes Ambiente zu stellen: „Zu jener Zeit war ich sehr an Fabriken interessiert; wahrscheinlich kamen sie aus den dunklen Erinnerungen meiner Kindheit im Nachkriegsdeutschland. (…) Deshalb nahm  ich die Bilder für die Kampagne in Fabriken auf, wie ich sie im Gedächtnis hatte. 1986 wurden diese Aufnahmen dann in einem ganz anderen Kontext gezeigt – in einer Einzelausstellung im Centre Pompidou.“ Damit war Lindbergh der Sprung von der Gebrauchs- zur Kunstfotografie gelungen. Wobei er zu bedenken gibt: „Einen Klassenkampf zwischen ,Auftragsfotografie‘ und ,hoher Kunst‘ anzuzetteln, ist eine gefährliche Form von Snobismus.“

Dass für ihn diese Grenzen immer fließend waren, zeigen nicht zuletzt die „Untold Stories“ – die erste und einzige von Peter Lindbergh selbst kuratierte Schau. Sie ist bis zum 1. November im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zu sehen. Mehr als 140 „Untold Stories“ enthält der Band „On Fashion Photography“ aus dem Taschen Verlag Köln, der einen noch umfangreicheren Überblick über das Werk eines der berühmtesten deutschen Fotografen liefert.

Starfotograf Lindbergh Foto: Taschen Verlag

Peter Lindbergh, On Fashion Photography, Taschen Verlag Köln, 440 Seiten (deutsch, englisch, französisch), 60 Euro.