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Pflanzen sind auch nur Menschen, ...

Pflanzen sind auch nur Menschen, ...

Bisher war’s weitgehend musikalisch, was Georg Ruby in seiner Off Zone im Trierer Brunnenhof präsentierte. Jetzt hat er für sich und seine Zuhörer akustisches Neuland entdeckt. "Gras wachsen hören" ist ein (nur halb ernst gemeintes ) Hörspiel des Liquid Penguin Ensembles - ganz ohne Musik, dennoch mit vielen Tönen.

Trier. Die Aloe vera ist extrem kitzelig. Berührt man ihre auskragenden, fleischigen Blätter mit einem Pinsel, zeigt sich auf dem Monitor eine markante Veränderung: eine Sinuskurve - oder nennt man das in diesem Fall besser Stängel- oder Stempelkurve? - zuckt über den Bildschirm, mal mehr, mal weniger ausgeprägt, je nach dem, wie heftig der Betrachter die Pflanze angrapscht. Das sind Fakten, eigenhändig nachprüfbar. Was die Zuschauer auch ausgiebig tun - am Ende einer Vorstellung, während der man sich mehr als einmal gefragt hat: Sind das jetzt Tatsachen, oder wird man da gerade heftig verschaukelt?
Das ist erst mal schwer zu sagen, denn Katharina Biehler, die 50 weiblichen Prozent vom Liquid Penguin Ensemble, blattgrün von Kopf bis Fuß gekleidet, doziert mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit von innigen Verbindungen zwischen Pflanzen und Menschen, die letztere oft zu ersteren werden lassen. "Gras wachsen hören" ist ein Hörspiel, zusammengesetzt aus Interviews, Statements von Wissenschaftlern, historisch anmutenden Tondokumenten sowie O-Tönen von Pflanzen - Knirschen, Knittern, Knistern, Knirpseln -, für deren punktgenauen Einsatz Stefan Scheib, die männlichen 50 Prozent der Pinguine, sorgt. Georg Ruby hat die skurrile Veranstaltung sozusagen als Auszeit von der Musik in seine Reihe "Off Zone" genommen und im Trierer Brunnenhof vor einem knappen halben Hundert Zuhörern präsentiert.

Langsamkeit als Lebensform


Ausgangspunkt der floristischen Absurditäten ist das Biolingua-Institut, das eine gewisse Madame Asch 1907 gegründet haben soll und in dem sich ein Heer von Wissenschaftlern um "pflanzlich-menschliche Beziehungsgeflechte" kümmert. Biehler und Scheib nahmen das vermeintlich 100. Jubiläum des Gründungstags 2007 zum Anlass für ihr Hörspiel, in dem die Liebe des Menschen zur Fauna im Mittelpunkt steht.
Wer Pflanzen liebt und mit ihnen in eine innige Verbindung treten will, braucht jedoch vor allem eines: Geduld. Denn das Grünzeug ist extreeeeem langsam - in all seinen Lebensfunktionen. Kunststück: Wenn man ohnehin nicht vom Fleck kommt, ist es schließlich egal, wie schnell das Leben an einem vorbeizieht.
"Hörspiel des Monats"


Und so haben sich die Vertreter der Fauna für die Langsamkeit als Lebensform entschieden - was einen Dialog mit dem Alpenveilchen oder dem Ficus benjaminus etwas kompliziert macht, denn der Mensch muss, will er mit ihnen kommunizieren, selbst extrem langsam sprechen, was jedes Wort zu einem (für andere Menschen) unverständlichen Singsang macht. Auch das demonstrieren Biehler und Scheib mit todernsten Mienen und berichten von einem Menschen, der sich das Lebenstempo seiner geliebten Pflanze zum Vorbild genommen hat. Ergebnis: Er ist inzwischen 154 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. "Gras wachsen hören", eine akustische Performance nicht frei von einigen Längen (wie auch anders - bei dem Thema), war übrigens "Hörspiel des Monats" im Deutschlandradio im Dezember 2007. Ein Jahr später erhielt es den Publikumspreis ARD Online Award und den Deutschen Hörspielpreis der ARD.
Seitdem tourt das Liquid Penguin Ensemble mit dem skurrilen Audiotheater über die (Kleinkunst-)Bühnen des Landes. Fast zehn Jahre also - für jede Pflanze ein ziemlich flüchtiger Moment. Wahrscheinlich haben sie noch gar nicht mitbekommen, dass es um sie geht. no