Philosoph Rüdiger Safranski und ein flammendes Plädoyer in Echternach.

Vortragsreihe „Horizonte“ im Trifolion : Die Pflicht zur Zuversicht

Ein flammendes Plädoyer für den der künstlichen Intelligenz überlegenen menschlichen Geist gab es im Trifolion Echternach.

Rüdiger Safranski hat als 1945er Jahrgang schon einiges erlebt und studiert, als anerkannter und streitbarer Philosoph und erfolgreicher Schriftsteller ist er seit Jahrzehnten eine der Geistesgrößen im deutschsprachigen Raum. Umstritten waren vor allem seine kritischen Äußerungen zur Flüchtlingskrise: „Die Politik hat die Entscheidung getroffen, Deutschland zu fluten.“ Den darauffolgenden Shitstorm im Internet hat er dann „glücklicherweise“ nicht mitbekommen. Was soziale Medien angeht, lebt Safranski nämlich überwiegend abstinent. Und damit ist er schon mitten im Thema des Abends. Es geht um die Frage, wie die Künstliche Intelligenz (KI) und deren Auswirkungen auf die Autonomie des Menschen zu bewerten sind, ob die Freiheit oder doch eher die Sicherheit als höchstes Gut gelten kann. Als Beispiel führt er die staatliche Überwachung und Bewertung der Bürger in China an. Das Thema ist die Freiheit – und Safranski sorgt sich, ob es nicht irgendwann auch in Europa ein sogenanntes „Social Scoring“ geben wird, wo der Staat mit Hilfe der KI auch das Wohlverhalten der Bürger bewertet, was zwangsläufig zu weniger Freiheit führe. Mehr als ein Moderator ist Manfred Osten, der ehemalige Diplomat und Geisteswissenschaftler dient nicht nur als Stichwortgeber und Fragesteller, sondern hat durchaus eigene Ansichten und Antworten. Er sitzt neben Safranski auf der Bühne des mit knapp 100 Personen besetzten Saales des Trifolion-Kulturzentrums im luxemburgischen Echternach.

Osten hat lange in Asien gelebt und relativiert: Die Chinesen würden die Menschenrechte immer mit Menschenpflichten kombinieren, will sagen: Man empfindet das dort nicht so sehr als Einschränkung der Freiheit, sondern als Beitrag zur Sicherheit der Gesellschaft. Safranski sieht durchaus viele positive Auswirkungen der KI, aber er sagt: „Die digitale Revolution muss unter die demokratische Kontrolle gezwungen werden!“ Ansonsten könne es uns so gehen wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht wieder los wird. Überhaupt Goethe: Die beiden Herren haben die Geschichte, die Philosophie, die Literatur im weiten Blick: Neben dem Dichterfürsten werden Kant, Humboldt, Nietzsche und weitere weitsichtige Geistesgrößen ausgiebig bemüht, das macht die Diskussion erkenntnisreich und plastisch, wie Trifolion-Chef Ralf Britten anmerkt. Dabei sind die Diskutanten überzeugt, dass eine vom Menschen ersonnene Technik auch vom Menschen kontrolliert werden könne und im Zweifelsfall digitale Entscheidungen analog wieder rückgängig gemacht werden müssten. Als warnendes Beispiel dienten die jüngsten Boeing-Flugzeugabstürze wegen unkontrollierbarer Steuerungstechnik. Denn der menschliche Geist sei eingebettet in Gefühle, Bewusstsein, Fantasie und die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen, das mache ihn allen Maschinen überlegen. „In prekären Situationen gibt es die Pflicht zur Zuversicht“, schließt Osten mit einem Kant-Zitat die Diskussionsrunde. Wobei ja (laut dem Satiriker Karl Kraus) Optimismus nur ein Mangel an Information sei.

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