„Piaf“: Ulf Dietrich inszeniert das Leben der Sängerin mit Vasiliki Roussi in der Titelrolle

Kultur : Zwischen Gosse und Glamour

„Piaf“: Ulf Dietrich inszeniert das Leben der Sängerin in Trier mit Vasiliki Roussi in der Titelrolle

Nein, ein netter Mensch war sie gewiss nicht, die 1915 geborene Edith Giovanna Gassion. Aber kann man’s ihr verdenken; das Leben war schließlich auch nicht besonders nett zu ihr. Als Kleinkind drohte sie zu erblinden, die Mutter ließ sie im Stich, die Großmutter hatte kein Interesse an ihr, und so wurde sie in einem Bordell in der Normandie untergebracht, wo sich die Angestellten um sie kümmerten (und insofern Vorbild waren, als sie selber später auf den Strich ging). Der Vater war Straßenakrobat und schleppte sie mit zu seinen „Auftritten“.

Im Alter von 15 löste sie sich von der Verwandtschaft und wurde Straßensängerin. So verlief etwa das erste Drittel ihres Lebens. Dann entdeckte sie der „Revue-König“ Louis Leplée und machte aus dem in jeder Hinsicht ungeschliffenen Ding einen zumindest stimmlich funkelnden Diamanten, dem er den Namen „Piaf“, der Spatz, gab. Und so lakonisch lautet auch der Titel des Stücks der britischen Dramatikerin und erklärten Feministin Pam Gems (1925-2011), deren Nachruhm zumindest außerhalb ihrer Heimat weitgehend auf diesem einen Stück beruht, obwohl sie noch etwa 40 weitere geschrieben und ein knappes Dutzend Dramen anderer Autoren für die Bühne adaptiert und bearbeitet hat. 40 Jahre ist „Piaf“ jetzt alt, und das „Bio-Play“ steht und fällt natürlich mit der Hauptdarstellerin, die sich zweieinhalb Stunden lang am Vorbild messen lassen muss. In Trier ist das die griechisch-deutsche Schauspielerin und Sängerin Vasiliki Roussi, die mit 1,58 Metern Größe die französische Chansonette „nur“ um elf Zentimeter überragt.

Aber auch sonst ist Regisseur Ulf Dietrich davon überzeugt, mit der Künstlerin genau die Richtige engagiert zu haben. Und warum macht er „Piaf“, diesen dem Leben nachbuchstabierten Kolportageroman – es gibt Mord- und Totschlag, Liebesschwüre und Treuebrüche, Drogenexzesse, Alkoholabstürze, Zusammenbrüche auf der Bühne – nun in Trier? Er nennt gleich sechs Gründe: „,Piaf‘ ist ein toller Bühnenstoff. Das Stück wurde hier noch nie aufgeführt. Trier liegt in der Nähe von Frankreich. Edith Piaf war eine faszinierende Frau. Die Musik ist sensationell. Und wenn man dann noch eine Schauspielerin hat, die das toll singen kann, dann liegt es doch nahe, es auf den Spielplan zu setzen. Vasiliki Roussi hat genau die Kraft und die Stimme, die man für diese Person haben muss.“

Abgesehen davon sei es natürlich ein Stoff, wie ihn Hollywood sich nicht besser hätte ausdenken können: Eine Frau, die aus der Gosse kommt und zum umjubelten Weltstar wird, ist das klassische „rags-to-riches“-Sujet, nur diesmal eben auf Französisch. „Dazu war sie eine Entdeckerin und Förderin vieler Kollegen von Charles Aznavour über  Yves Montand bis zu Georges Moustaki, die auch ihre Liebhaber waren“ – Besetzungscouch mit umgekehrten Vorzeichen sozusagen. Insofern sei Edith Piaf ihrer Zeit weit voraus gewesen: eine in jeder Hinsicht emanzipierte Frau – und selbstbewusst bis zur Arroganz.

All diese Facetten kämen in diesem Drama mit Musik zur Sprache – wobei Dietrich natürlich auf die Zugkraft der größten Hits setzt. Bei der Musikauswahl habe er die freie Auswahl gehabt und sei nicht an die Vorgaben der Ur-Fassung gebunden gewesen, in der die weniger bekannten Chansons den Hauptanteil der Musik bildeten. Was kann ein Regisseur bei einem so geradlinigen Stück noch gestalten? „Man kann das Tempo bestimmen. Durch die Musik entsteht ein Rhythmus. Das Entscheidende ist, dass die Spielszenen mit der Musik zu einer Einheit werden und dass nicht der Eindruck einer Nummernrevue entsteht. Deshalb sind die Chansons oft dramaturgisch-logisch eingesetzt, wachsen aus einem bestimmten Augenblick heraus und verstärken die Stimmung.“ Und noch eine Freiheit leistet sich der Regisseur, die im Original nicht vorkommt: Bei ihm darf auch Marlene Dietrich singen. Der Grund: „Wenn ich eine Schauspielerin habe, die so gut singen kann wie Stephanie Theiß, dann gebe ich der natürlich ein Lied.“ Auf diese Weise werden die beiden Freundinnen auch für ein Chanson lang zu Konkurrentinnen – zumindest in der Trierer Inszenierung.

Premiere ist am Samstag, 27. Oktober, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Karten: 0651/718-1818 oder unter www.theater-trier.de