Plädoyer für den Menschen

Wochenlang stand das Buch "Das Kapital" des ehemaligen Trierer Bischofs Reinhard Marx auf den Bestsellerlisten. Gastautor Professor Walter Schenker, der als Linguist an den Universitäten Zürich und Trier tätig war, hat es exklusiv für den Trierischen Volksfreund besprochen.

Vor geraumer Zeit wäre es noch unerhört, ja undenkbar gewesen, dass ein deutscher Bischof sich ernsthaft mit Karl Marx auseinandersetzt und ihm in manchem sogar zustimmt. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, vorher Bischof in Trier, tut es. Er begründet dies mit mehr als der zufälligen Namensgleichheit und der Tatsache, dass sie beide, der Revolutionär Marx wie der Erzbischof Marx, jahrelang im gleichen Ort Trier gelebt haben. Nein, die Kompetenz von Reinhard Marx, sich über seinen revolutionären Namensvetter, gewissermaßen ebenbürtig, auszulassen, gründet auch in der Sozialkompetenz, die er theoretisch und praktisch mitbringt.

Als Bischof, so sagt er, begegne er "Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft und Stellung"; theoretisch ist er ausgewiesen als ehemaliger Professor für Christliche Sozialethik; zudem ist er unter anderem Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. In der heutigen weltwirtschaftlichen Entwicklung, so räumt er ein, erkenne er "beunruhigend viel" von dem, worüber Karl Marx geschrieben hat. Sein Anliegen ist es aber, darzulegen, wie die Marktwirtschaft nicht als bloß ökonomische, sondern auch als moralische Alternative zum Marxismus eine Zukunft hat. Dieser Nachweis gelingt ihm überzeugend, und da sein Buch just zur Zeit der globalen Wirtschafts- und Sozialkrise erschien, ist es kein Wunder, dass es prompt in die Bestsellerlisten gelangte.

Zunächst benennt Reinhard Marx die sozialen Missstände, wie sie global, aber auch in Deutschland bestehen - nicht viel anders, als es Karl Marx, lebte er heute, tun würde. So die Armut: Eine Milliarde Menschen müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen, und in Deutschland, wo es auch Armut gibt, sind heute Kinder ein Armutsrisiko. So die Arbeitslosigkeit, die auch den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet. Aber wie sein revolutionärer Namensvetter, dem es nicht nur um die Benennung gesellschaftlicher Missstände ging, sondern um deren Behebung, lässt es Reinhard Marx nicht beim Benennen sein, sondern er zeigt die Wege auf zur gesellschaftlichen Veränderung, die er allerdings nicht als revolutionär begreift.

Reinhard Marx plädiert für eine Marktwirtschaft, die Moral und Ethik nicht ausklammert, sondern zur Orientierung nimmt. Auf eine staatliche Ordnungspolitik, so sagt er, können wir dabei nicht verzichten. Die Krise, wie wir sie gerade erleben, bedeutet immer auch "change" und damit die Chance zum Besseren. "Wir brauchen eine globale soziale Marktwirtschaft" - dies ist das Fazit von Reinhard Marx in seinem "Plädoyer für den Menschen".

Walter Schenker

Reinhard Marx, Das Kapital / Ein Plädoyer für den Menschen, München (Pattloch Verlag) 2008, 320 S., Euro 19,95

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