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Plädoyer für ein vergessenes Meisterwerk

Plädoyer für ein vergessenes Meisterwerk

TRIER. Verdienstvolle Leistung von Manfred May und seinem Konzertchor: Im Innenhof des Kurfürstlichen Palais verhalfen sie den "Faust-Szenen" von Robert Schumann zur mehr als überfälligen Trierer Erstaufführung. Exzellente Solisten sorgten für eine würdige Premiere des selten gespielten Werks.

Musikgeschichte ist manchmal ungerecht. So viel Mittelmaß hat einen festen Platz im Repertoire erobert, so viel Belangloses verstopft die Spielpläne. Und ein vielschichtiges, spannendes, eindrucksvolles Werk wie Schumanns Auseinandersetzung mit Goethes "Faust" ist fast dem Vergessen anheim gefallen. Vielleicht liegt es daran, dass das Stück nicht so recht in übliche Schemata passen will. Für eine Oper ist es zu patchwork-artig, zusammengestellt aus einzelnen Blitzlichtern auf verstreute "Faust-Szenen", denen der dramaturgische Zusammenhalt fehlt. Für ein Oratorium ist es hingegen zu bildhaft-erzählend und zu wenig unmittelbar religiös. Zwischen den Stühlen aber ist kein guter Platz für ein Werk, das Popularität verdient. Die Trierer Premiere lässt ahnen, warum Clara Schumann bei der Uraufführung fünf Jahre nach dem frühen Tod ihres Mannes die "Faust-Szenen" zu seinen größten Werken rechnete. Da gruppieren sich gefühlvolle Tannhäuser-Romantik, grandios auskomponierte Ensembles und düster-dramatische Ausbrüche um eine filigrane Auseinandersetzung mit den Goethe-Texten. Dafür braucht es Sänger, die aufs Genaueste mit dem Wort umgehen können. Manfred May hat sie. Vor allem das Männer-Trio begeistert durch Präzision, Wortverständlichkeit und Gestaltungsfähigkeit. Tobias Scharfenbergers (Faust) Bariton hat an Stabilität und Grundierung gewonnen, ohne an Nuancierung zu verlieren. Frank Blees bringt angemessene Dämonik und Tiefe für den Mephisto mit, ohne in tönendes Bass-Geröhre zu verfallen. Andreas Post (Ariel) ist ein Tenor, der aufhorchen lässt, weil er lyrisch-feine Höhen mit einem metallisch-kraftvollen Kern verbindet. Kleine Einwände beim Gretchen von Jana Stehr. Da gibt es ein paar Einsatz-Ungenauigkeiten und Schlieren bei der Phrasierung. Stimmlich überzeugt sie durch eine von Schärfen freie, auch in heiklen Passagen sichere Tongebung. Dagmar Linde und Astrid May meistern die kleineren Frauenrollen überzeugend, Anke Robling vom Konzertchor lässt keinen Abstand zu den professionellen Kolleginnen erkennen. Ein Gedicht sind die Ensemble-Szenen, musterhaft in der Abstimmung der Solisten, aber auch in der Mitgestaltung durch den Chor. Wo es kompliziert wird, wo es auf Finesse ankommt, überzeugt der Konzertchor ohne Abstriche. Wo es um Wucht geht, um Prägnanz, muss man ein paar Abstriche machen. Es dauert bei den kraftvollen Einsätzen immer einen Moment, bevor der Klangkörper auf Touren kommt, fast wie das "Turbo-Loch" bei einem Diesel-Auto: Man gibt Gas, aber die Wirkung setzt erst mit Verspätung ein. Da fehlt das Überwältigende, ebenso wie beim Philharmonischen Orchester, das seiner Sache ordentlich waltet, eine gewisse Blässe aber nie ablegt. Das könnte mit dem zurückhaltenden Dirigat von Manfred May zusammenhängen, das sich derart auf den Zusammenhalt der Beteiligten konzentriert, dass für das Setzen von Akzenten nicht mehr viel übrig bleibt. Seien wir fair: Schumanns "Faust-Szenen" sind ein Werk, das unter den Bedingungen, die dem Konzertchor zur Verfügung stehen, alle Beteiligten bis an den Rand ihrer Möglichkeiten fordert. Da bleiben einzelne Einwände hinter der Anerkennung für die Gesamt-Leistung weit zurück. Das spürte auch das Publikum, das sich mit herzlichem Beifall bedankte. Das Engagement des Konzertchors und der Moselfestwochen für diese große Wiederentdeckung hätte freilich mehr Zuschauer verdient gehabt als die geschätzten 500, die an diesem Abend den Weg in den wunderschönen Innenhof zwischen Basilika und kurfürstlichem Palais fanden.