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Poesie auf der Drehleier

Stefan Reil, Angela Simons und Claudia Dylla (von links) sind das Parnass Ensemble. TV-Foto: Eva-Maria Reuther
Stefan Reil, Angela Simons und Claudia Dylla (von links) sind das Parnass Ensemble. TV-Foto: Eva-Maria Reuther FOTO: Eva-Maria Reuther (er) ("TV-Upload Reuther"
Trier. Das Parnass Ensemble hat in der Tufa Hermann Hesses Geburtstag gefeiert: Die drei Musiker haben Werk und Leben des Schriftsteller vorgetragen und musikalisch umgesetzt. Eva-Maria Reuther

Trier Schon Hermann Hesse wusste es: Publikums Freud ist oft des Kritikers Leid. Nicht nur beim Konzert. Dorthin ging der Musikliebhaber leidenschaftlich gern. Am liebsten saß er dann auf einem Eckplatz in der hintersten Reihe, wo niemand hinter ihm war. "Wo wir etwas finden, das wie Musik ist, da müssen wir bleiben", erkannte der Schriftsteller.
Musik gab es jede Menge beim musikalisch-literarischen Hesse-Abend des dreiköpfigen Parnass Ensembles in der Trierer Tufa. Und zu bleiben lohnte es sich schon allein wegen der originellen Instrumentenkombination aus Akkordeon (Stefan Reil), Cello (Angela Simons) und Drehleier, die Sprecherin Claudia Dylla spielte. Die drei Künstler hatten ein Programm mitgebracht, das mitten ins Wesen des Schriftstellers führte.
Die biedere Enge des württembergischen Fachwerkstädtchens Calw, Hesses Geburtsort, kam in Dyllas Vortrag ebenso zur Sprache, wie die des pietistischen Elternhauses, gegen die Hesse schon als Kind rebellierte. "Der Bursche hat ein Leben, eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich auch eine Art ganz erstaunlichen Verstand für seine vier Jahre. Wo will's hinaus?", schrieb die Mutter besorgt an den Vater.
Inzwischen probte der junge Revoluzzer den Aufstand, fackelte eine Wiese ab, setzte Papas Bett in Brand und stieg durchs Fenster aus. Aussteigen war auch später immer wieder angesagt. Erstmal lieferte sich der Heranwachsende aber heftige Auseinandersetzungen mit seinen Eltern um Schule und Ausbildung, überstand Selbstmordversuche und landete in der Psychiatrie. Bis er endlich nach einer Buchhändlerlehre zum Schriftsteller wurde, oftmals unverstanden von Redaktionen und Publikum.
Der kindliche Wille zum Aufbruch, sein Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung blieben dem Nobelpreisträger, wie einmal mehr an diesem Abend zu seinem 140. Geburtstag deutlich wurde, lebenslang erhalten. Zeitlebens blieb er allerdings auch einsam, ein Unbehauster, den die Enge seiner Ehe und des Familienlebens schon bald bedrückte und der er entfloh. Fremd war die Welt auch dem Kriegsgegner, der wegen seiner hellsichtigen Äußerungen zu den beiden Weltkriegen und zum Dritten Reich Hass und Feindschaft aushalten musste und ab 1936 im Nazi-Deutschland unerwünscht war.
Der Mensch sei frei, Schöpfer seiner eigenen Welt, darauf beharrte Hesse, der seit 1929 die Schweizer Staatsbürgerschaft besaß, bis zum Lebensende. Nach seinem Tod 1962 wurde es eine Zeitlang still um den Mann, für den die Kunst nach eigener Aussage zeitlebens ein Wunder blieb. Erst in den 1960er Jahren entdeckten die Hippies ihn neu.
All das kam in der Tufa zur Sprache. Neues gab es allerdings eher wenig an diesem Abend zu entdecken. Claudia Dylla zitierte bekannte Hesse-Gedichte wie "Seltsam im Nebel zu wandern", "Bücher", "Welkes Blatt" und natürlich seine berühmten "Stufen" ("Wie jede Blüte welkt"), das Referenz-Gedicht für alle Verabschiedungen. Das schönste Gedicht des Abends blieb Hesses trotzige "Gestutzte Eiche"("Wie haben sie dich, Baum, verschnitten), ein Aufruf zum Widerstand und eine Liebeserklärung an das Leben.
Neben der Lyrik trug Dylla Texte aus Briefen und anderen Quellen vor. Kompositionen von Bach bis Led Zeppelin deuteten musikalisch aus, was die Schauspielerin vortrug. Deren Vortrag geriet allerdings reichlich betulich. Da hätte etwas weniger Wohlfühl-Timbre und zuweilen aufgesetztes Pathos Hesse gut getan und wäre ihm auch näher gewesen.
Deutlich Fahrt nahm der Abend, der in der ersten Hälfte eher sämig verlief, nach der Pause auf. Da kam dann neben tiefem Gefühl auch Hesses Witz und feine Ironie zum Tragen. Herausragend: Angela Simons am Cello. Viel Applaus im vollen Saal.