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Portrait des Künstlers Jáchym Fleig, Lehrer am Gymnasium Bernkastel-Kues

Kunst : Alles soll im Fluss bleiben

Fort von der Hauptstraße führt der Weg durch eine baumbestandene Allee ins Dorf. Vor dem blauen Winterhimmel wirken die kahlen Äste wie feine Zeichnungen. Hier oben, nicht weit vom Erbeskopf, hat sich Jáchym Fleig in Schönberg niedergelassen, einem kleinen Dorf, das selbst das Navi nur mit Mühe verortet.

Gut 200 Einwohner leben an diesem idyllischen Ort, dessen Häuser sich an den buckligen Hang drängen. In einer der engen Seitenstraßen ist der Bildhauer  mit seiner Familie sesshaft geworden.

In der schönen Landschaft fühle er sich wohl, sagt der Mann mit dem kurzen Haarschnitt und dem wachen Blick. Und was vor allem zählt: „Hier kann ich in Ruhe arbeiten.“ Für einen Künstler wie Fleig, der nicht gerade monumental, aber doch in großen Formaten arbeitet, bieten die Scheune und die aufgelassenen Wirtschaftsgebäude eines ehemaligen Bauernhofs, in denen er sein Atelier und sein Lager eingerichtet hat, ideale Arbeitsbedingungen. Schon der erste Rundblick zeigt: Fleigs Arbeiten und Materialien brauchen Raum, auch in der Produktion. Um sie zu bewegen, muss häufig schweres Gerät aufgefahren werden.

Jáchym Fleig ist in der Region kein Unbekannter. Erst unlängst hatte er im Palais Walderdorff in Trier eine Ausstellung, die der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Seit einiger Zeit ist er zudem Mitglied des Trierer Kunstvereins Junge Kunst. Nicht zuletzt  unterrichtet der Künstler am Gymnasium in Bernkastel-Kues. In Zeiten von Abstandsregeln, Maskenpflicht und Frischluftverordnungen sind auch Künstler-Gespräche möglichst Outdoor-Veranstaltungen. Draußen auf der Terrasse mit herrlichem Blick übers weite Land ist es an diesem Samstagnachmittag so warm, als ob sich der Himmel selbst für die Kunst erwärmte.

„Wozu eigentlich Kunst?“ das ist die Frage, die sich nicht nur Fleig  stellt. Im Schaffen des Bildhauers dient sie fraglos dazu, gesellschaftliche wie individuelle Denkprozesse in Gang zu setzen. Als ein nachdenklicher Mann, für den in der Kunst Ideen Gestalt annehmen, die ihre schlüssige Form finden müssen, stellt sich der 1970 in Villingen-Schwenningen geborene Wahl-Hunsrücker im Gespräch dar. Bereits seit Kindertagen sei ihm die Lust am Gestalten eigen, erzählt der Künstler. Nach einer Ausbildung als Steinbildhauer studierte er an den Kunstakademien Stuttgart und Dresden Bildende Kunst, bevor er nach London an die  Slade School of Fine Art sowie ans  Royal College of Art  wechselte. Vor zehn Jahren bestand er zudem das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien im Fach Bildende Kunst. Die Begeisterung fürs Lehren sei ihm bereits als Assistent an einer tschechischen Universität gekommen, berichtet der Künstler, der aus einem deutsch-tschechischen Elternhaus stammt, einen tschechischen  wie einen deutschen Pass besitzt und dessen Künstlervorname Jáchym in der deutschen Version Joachim heißt.

Die Weltläufigkeit ist Fleig geblieben, trotz seines entlegenen Wohnorts. „In unserer digital vernetzten Welt kann man überall zu Hause sein“, weiß der Künstler, der inzwischen über eine internationale Ausstellungsbiografie verfügt. Auch in Fleigs Werk ist die Auseinandersetzung mit der Welt, ihren Wechselfällen und Alltäglichkeiten  Programm. Der Bildhauer ist einer, der sich künstlerisch einmischt und im Wortsinn über seine Skulpturen drinnen und draußen in Bestehendes eingreift.

Wie Stalaktiten hängen seine Plastiken bisweilen von der Decke und machen aus dem Galerieraum eine Tropfsteinhöhle. Anderwo wachsen sie wie riesige Schwämme an Außen- und Innenwänden oder durchdringen die Gitter industrieller Transportwagen. Fleigs Plasiken haben allesamt organische Formen mit geradezu malerisch gestalteten Oberflächen. Durch die Interventionen des Bildhauers scheint so gleichermaßen Natur wie Kunst in eine scheinbar längst vertraute nüchterne Zivilisation einzudringen, den Betrachter ebenso zu verstören, wie ihm neue Ausblicke zu eröffnen. Als Kunst am Bau wird dabei die Straße immer wieder zum Galerieraum. Fleigs Kunst  strebt nach Veränderung. Sie versteht sich als Eingriff in gesellschaftliche Prozesse, durchaus auch als Störfaktor. Auf Endgültigkeit sind seine Arbeiten, die selbst immer wieder verschwinden, allerdings nicht angelegt. Alles soll im Fluss bleiben.

 Jáchym Fleig in seiner Werkstatt. Zwei Arbeiten von Fleig im Palais Walderdorff in Trier
Jáchym Fleig in seiner Werkstatt. Zwei Arbeiten von Fleig im Palais Walderdorff in Trier Foto: Eva-Maria Reuther

Da mag man den Künstler fast für einen späten Nachfahren des römischen Dichters Ovid halten, der darum wusste, dass nichts seine Gestalt behält. „Jede Struktur ist dem Verfall und der Veränderung unterworfen“, weiß auch Jáchym Fleig. In solch unausweichlicher Metamorphose liegt für ihn auch  die Chance für Neues. Was  gleichermaßen für die Kunst wie der Weltwirklichkeit gilt.
Eva-Maria Reuther