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Kritik
Premiere Don Carlos am Theater Trier: Wo bleibt Schillers Tragik?

Don Carlos am Theater Trier
Don Carlos am Theater Trier FOTO: Simon Hegenberg / TV
Trier. Am Theater Trier hat Alexander May Friedrich Schillers „Don Carlos“ inszeniert. Durch die Kürzungen für die Bühnenfassung ist dem Stück um Liebe, Freiheit und Intrigen viel von seiner Komplexität verloren gegangen. Von Eva-Maria Reuther

„Ich bin gefährlich, weil ich über mich gedacht“, lässt Friedrich Schiller den Marquis von Posa in seinem  „Don Carlos“ sagen. Das Recht, über sich selbst und über die Welt nachzudenken und damit eine neue Freiheit für die Welt und die eigene Person zu erlangen, ist eines der zentralen Ideen des „dramatischen Gedichts“ des Klassikers. In Trier hat Alexander May das Stück jetzt für das Theater inszeniert. Dafür hat er das Drama auf eine Bühnenfassung gekürzt, die energisch die Handlung vorantreibt, sich dabei allerdings weit von Schillers differenzierter Betrachtung entfernt. Womit sich der Regisseur allerdings auch gleichermaßen vom Thema demokratisch rechtsstaatlicher Freiheit wie der Kunst entfernt, nach der Menschen und ihre Verhältnisse widersprüchlich und unter Würdigung aller Umstände zu sichten sind.

Er habe ein stilles, beklemmendes Stück schaffen wollen, hatte May im Vorgespräch erklärt. Das hätte auch gelingen können mit jener Falle aus aufragenden Wänden, die wie Cortenstahl aussehen  und zwischen deren Fronten der liebeshungrige spanische Prinz Carlos sich aufreibt. Hätten Regisseur und  Bühnen- wie Kostümbildnerin Isabelle Kittnar sie nicht de facto wie sinnbildlich durchlöchert. Damit schaffen sie Schlupflöcher, durch die gleichermaßen Personen wie Komplexität entweichen. Dass der Regisseur von krampfhafter Aktualisierung absieht, ist ihm eher zugute zu halten. Gleichwohl mag er auf ein bisschen Modernität dann doch nicht verzichten und schafft eine recht konfuse stilistische Gemengelage aus historischen Kostümen und zeitgenössischer Zivilkleidung, aus Renaissancetisch und modernen Bugholzstühlen.

Vor allem ist es allerdings der Grobschnitt der Figuren, der das Stück vom jugendlichen Infanten, der sich in seiner Liebessehnsucht in einem dichten Netz aus Intrigen, Eifersucht und Machtwillen verstrickt, so wenig  erhellend und unbefriedigend macht. Da hilft auch  schauspielerisches Können der Akteure wenig. Mays Charaktere sind fast allesamt eindimensional. Einzig Königin Elisabeth und Prinz Carlos kommen Schillers einsichtiger und feinnerviger  Personenausdeutung nahe. Fabian Stromberger ist als Carlos der herausragende Spieler des Abends. Sein Carlos ist ein jugendlich stürmischer Infant, ein anrührender Schwärmer, der sich nach Liebe und Anerkennung verzehrt. Als ehemalige französische Prinzessin und Carlos Braut vermag Marie Scharf ihrer Königin im Konflikt zwischen Pflicht und Neigung stolze Eigenständigkeit und seelische Tiefe zu verleihen.

Völlig kalt lässt einen dagegen Posa (Benjamin Schardt). Der Marquis ist kein Mann, der, wie eingangs zitiert, über sich selbst nachdenkt (in der Trierer Fassung behauptet er es erst gar nicht). Dafür springt er auf den Tisch und erklettert mit Freund Carlos das Gerüst, das die Schiller’sche Klosterzelle  ersetzt. Statt strategischer Bedachtsamkeit und kühler souveräner Distanz gegenüber der Welt und den Verhältnissen verliert er sich in Geschäftigkeit. Dieser Posa, der kein Untertan sein will, hat mehr von einem Aussteiger denn von Schillers freiem Bürger.

Schwarz-Weiß-Malerei auch bei König Philipp: Überzeugend gibt Vilmar Bieri einen neurotischen, bisweilen weinerlichen Potentaten, der auf seinem Heimtrainer trockenrudert, zwischendurch seine Geliebte, die Fürstin Eboli, aufs Kreuz bzw. über jenen Bürotisch legt, den er im Zorn auch mal umwirft. Sein Kinnbärtchen erinnert an Walter Ulbricht und seine Schreiattacken unangenehm an manche Hitlerrede. Die bewegende Szene des Originaltextes, in der Admiral Medina Sidonia dem König den Untergang der spanischen Flotte melden muss und sich Philipp als wahrer Souverän, sprich gerechter, würdiger Herrscher zeigt, hat May ebenso weggekürzt wie das zutiefst menschliche Gespräch mit dem treuen Grafen Lerma. Wo Philipp seine kalte Einsamkeit durch ­Heimorgelspiel, Fitnessübungen und unkontrollierte Ausbrüche kompensiert, hat Ebolis Liebeswerben um Carlos etwas ausgesprochen Nuttiges (eindrücklich dargestellt von Franziska Marie Gramss). Extrem blass: Barbara Ullmann als Herzog Alba und Klaus-Michael Nix als Pater Domingo. Modernistisch gruselig wird es beim Auftritt des Großinquisitors (Norman Stehr), einem Mafioso mit partytauglichem Anzug, Rosenkranz, Sonnenbrille und Stimme aus dem Off.

Der Kitsch rotiert, wenn zum  Ende der tote Posa auf einem Berg Sperrmüllmöbel liegt, den die eifrig rotierende Bühne herbeidreht hat, als Bild einer wankenden Weltordnung und für Carlos’ zunichte gewordene Hoffnungen. Ein eindrucksvolles Kammerspiel hätte aus Mays „Carlos“ werden können. Doch dazu fehlen ihm hier Stringenz und Sensibilität. Seine besten Momente hat das Stück, wenn die Bühne bis auf ein oder zwei Darsteller leer ist und das Licht die Regie übernimmt. Tragisch ist in der Inszenierung  außer Carlos und Elisabeth niemand. Es ist einfach nur alles schiefgelaufen. Freundlicher Applaus im gut besetzten, aber nicht ausverkauften Großen Haus des Trierer Theaters.

Weitere Termine: 13., 19. und 27. Januar, 2. und 24. Februar, 14. und 25. März, 24. April, 6. und 7. Mai und am 9. Juni, jeweils um 19.30 Uhr, außer: 25. März, 18 Uhr, 6. Mai, 16 Uhr, 7. Mai, 10 Uhr; Kartentelefon 0651/7181818.