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Premiere im Theater Trier: Die Lustigen Weiber von Windsor

Trier : So war’s bei „Die Lustigen Weiber von Windsor“: Verfolgungsjagden im Wohnzimmer

Pralle und doch hintergründige Szenen aus dem Theaterleben: Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ hat in Trier Premiere gefeiert.

Am Fußball-Spitzenspiel allein hat es wohl nicht gelegen. Jedenfalls war mit Nicolais „Lustigen Weibern von Windsor“ seit einer gefühlten kleinen Ewigkeit im Trierer Theater eine Opern-Premiere nicht voll besetzt. Offenbar sinkt die Zugkraft deutscher Spielopern sacht aber deutlich ab, und zu verdenken ist das keineswegs. Komponisten und Textbuch-Autoren taten um 1850 alles, um bei der Zensur nicht aufzufallen. Das hat eine Tendenz zur Harmlosigkeit zur Folge – und die wiederum ist im 21. Jahrhundert nicht gerade populär.

Aber dann kommt Regisseur Jens Pesel und stellt eine Inszenierung auf die Trierer Bretter, die beim Publikum hellste Zustimmung auslöst. Pesel und Bühnenbildner Siegfried E. Mayer führen ein prall-buntes Theaterleben vor – anschaulich und präzise. Jeder Handgriff sitzt. Carola Vollaths Kostüme geben den Figuren eine erstaunliche Individualität mit. Vielleicht verlegten sich Wouter Padberg und die Philharmoniker allzu einseitig auf Deutlichkeit und Markanz und ließen manche Feinheiten der Partitur beiseite. Aber auch ihr Musizieren strahlte ansteckende Begeisterung aus.

Warum Pesel die Handlung in die 1960er Jahre verlegte und die unmittelbare Nachbarschaft von historischen Bauen und halbwegs moderner Ausstattung auf der Bühne in Kauf nahm, will nicht unmittelbar einleuchten. Jedenfalls vermittelt der Regisseur auf diese Weise eine intellektuelle und emotionale Distanz zu treudeutschen Klischees. Die ausgedehnten Dialoge, zweifellos das Schwächste in dieser intelligenten Oper, hat er radikal entrümpelt und vorsichtig ergänzt. Durststrecken überbrückt die Inszenierung dann mühelos. Das reichlich trockene Rezitativ-Duett Fluth/Falstaff im zweiten Akt etwa reichert Pesel sinnvoll mit Aktionen an. Und das Schönste: Was in dieser Produktion so burlesk daherkommt, ist Lichtjahre entfernt von routiniertem Klamauk. Die Präzision der szenischen Arbeit macht alle komödiantischen Klischees überflüssig. Selbst wenn es auf der Bühne derber zugeht, wenn das Bild schief hängt, das Sofa umkippt und wilde Verfolgungsjagden stattfinden, behält die Szenerie Stil und Charakter.

Was mit der Inszenierung begann, kommt bei den Akteuren noch lange nicht zum Ende. Allenfalls hinter die Besetzung der Anna mit Eva-Maria Ammann ließe sich ein kleines Fragezeichen setzen. Aber was ihr an Rollendeckung bei der Anna Reich fehlen mag, ersetzt sie spätestens mit ihrer großen Arie in Akt drei durch grandiosen Gesang. Überhaupt: Auf der Bühne spielen sich sängerische und darstellerische Glanzstücke ab. Die Damen Fluth und Reich sind mit Réka Kristóf und Janja Vuletic exzellent besetzt, Matthias Bein, Derek Rue, Christoph Bonnet und Carl Rumstadt brillieren als Reich, Spärlich, Dr. Cajus und Fluth. Blaise Rantoaninas schlanker, kultivierter Tenor gibt den Liebhaber Fenton genau die rechte Verbindung mit aus Bescheidenheit und Enthusiasmus. Und dann der Falstaff von Karsten Schröter! Sir John ist in Trier ein Mann mit Statur und Noblesse – trotz etlicher Verfallserscheinungen. Schröter verbindet heldische Markanz mit komödiantischer Beweglichkeit. Fantastisch! Solch ein Falstaff hat seit Jahrzehnten nicht auf der Trierer Bühne gestanden.

Ist diese Oper nur eine volksnahe Komödie? Beim dritten Akt war es, als hätten Musik und Szene in der Pause noch einmal Atem geholt und dann eine ganz neue, eine echt romantische Seite aufgeschlagen. Da beschwört der „Wald von Windsor“ im Halbdunkel den „Sommernachtstraum“ und mit Shakespeare auch Mendelssohn. Der vorzügliche, akustisch bestens integrierte Chor (Angela Händel), Padberg, die konzentriert musizierenden Philharmoniker und überhaupt alle Akteure zeichnen die Mischung aus Feen-Zauber und Rüpel-Drastik in den „Lustigen Weibern“ sorgfältig nach. Ja, diese Oper bringt einen Bildungshintergrund zur Sprache, der damals, um 1850, ungleich vertrauter war als heute. Es gibt gute Gründe, sich und andere daran zu erinnern.

Weitere Termine: 14. April, 18 Uhr. 24. April, 19.30 Uhr. 5. Mai, 18 Uhr. 12. Mai, 16 Uhr. 14. Juni, 19.30 Uhr. 2. Juli, 19.30 Uhr.