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Premiere: "Rain Man" begeistert im Theater Trier

Theater-Premiere : Rain Man im Theater Trier: Großes Kino!

Einen drei Jahrzehnte alten Hollywood-Klassiker auf die Bühne zu bringen, muss keine glorreiche Idee sein. In diesem Fall ist es das aber: „Rain Man“ am Theater Trier ist ein großer Wurf. Das liegt an den großartigen Hauptdarstellern – aber nicht nur.

Die ist doch krank, aber nicht so Husten/Schnupfen/Masern, sondern: KRANK!!! Das ist in diesen Tagen eine beliebte Ferndiagnose von Greta-Thunberg-Gegnern, die sich weniger den Inhalten oder der klassischen Rhetorik verpflichtet fühlen, sondern mehr dem gepflegten „Die-hat-sie-nicht-alle!“ Weil bei der Schwedin das Asperger-Syndrom festgestellt wurde. Wie im übrigen bei einer ganzen Reihe erfolgreicher Menschen.

Greta Thunberg hat mit Raymond Babbitt, dem „Rain Man“, außer einer ähnlichen Diagnose gefühlt nichts zu tun – und damit ist man mitten im Thema, das auch an diesem Premierenabend im Theater Trier mitschwingt: Jeder Autist ist anders, das Spektrum innerhalb der Entwicklungsstörung ist gewaltig.

Das klingt erst mal wenig nach mächtiger Samstagabend-Unterhaltung, die es schafft, wirklich zu berühren. Aber genau das gelingt der Trierer Inszenierung von Alexandra Marisa Wilcke, die bereits an der Deutschland-Premiere des Stücks von Dan Gordon 2010 in Stuttgart als Schauspielerin beteiligt war. „Rain Man“ wurde unter der Regie des heutigen Trierer Intendanten Manfred Langner ein Riesen-Erfolg. Und nach der Premiere darf man davon ausgehen, dass das in Trier mit anderem Ensemble und ins Jahr 2019 gehievt ähnlich aussehen wird: Das ist großes Kino auf der Bühne. Emotional, ohne knöcheltief im Kitsch zu versumpfen. Lustig, ohne sich lustig zu machen. Daran haben die beiden brillanten Hauptdarsteller großen Anteil – Klaus-Michael Nix als Raymond Babbitt und Dimetrio-Giovanni Rupp als sein Bruder Charlie.

Aber von vorn. Zwei Schreibtische, zwei Mülleimer, Rollcontainer, ein großes Buick-Logo an der Wand, das Bühnenbild ist schlicht und effektiv (Bühne/Kostüme: Dietmar Teßmann) – nicht nur in der ersten Szene. Für die Aufregung sorgen Sekretärin Lucy (bewusst überdreht: Luiza Braz Batista, spielt auch die Bedienung und Iris) und Charlie Babbitt als ausgemachtes, pardon!, Yuppie-Arschloch. Babbitt hat einen Hang für Luxus-Sportwagen, ein akutes Liquiditätsproblem – und als ihm seine Freundin Susan (sehr überzeugend: Anna Pircher) den Tod seines Vaters mitteilt, hat er nur ein „Na und? – Ich habe ihn gehasst“ auf Lager. Charlie geht beim Erbe fast leer aus, er erhält nur den alten Buick und die Zuchtrosen. Er erfährt aber von der Existenz seines älteren Bruders Raymond, der seit 30 Jahren in einem Heim untergebracht ist und der sieben Millionen Dollar erben soll – auch wenn er mit Geld so gar nichts anfangen kann. Das bringt Charlie Babbitt auf eine Idee, wie er an die Millionen kommen kann. Erst recht, als er sieht, wie außergewöhnlich sein Bruder ist: Raymond vergisst nichts von dem, was er liest. Alle Zahlen und Namen im Telefonbuch („nur bis J“ – im Film kannte er es übrigens nur bis „G“), Shakespeares gesammelte Werke, die Fußballer im Panini-Sammelheftchen – der Trierer Raymond ist großer Fan des L.A. Galaxy-Stars Zlatan Ibrahimovic. Mit der Aussicht auf ein Galaxy-Spiel kann ihn Charlie auch aus dem Heim mit Ziel Los Angeles locken – oder eher: entführen, zum Ärger von Dr. Bruener (souverän: Ernst Wilhelm Lenik). Besonders vielseitig ist im Stück zudem Paul Hess als verständnisvoller Polizist in der Flughafen-Szene sowie als Mr. Mooney und Dr. Marston.

Charlie Babbitt ist gestresst, Raimond aber noch mehr. Jeder geht anders mit Überforderungen um. Raymond zitiert mantraartig einen alten Baseball-Sketch von Abbott & Costello, auf Fußball umgemünzt („Wer steht im Tor?“), wenn er sich bedrängt fühlt. Und das ist oft der Fall. Der Körper ist angespannt, er zuckt und bebt, so kontrolliert-unkontrolliert vom fantastischen Klaus-Michael Nix umgesetzt, dass man das Unwohlsein bis in die hinteren Reihen des vollen Großen Saals förmlich spürt. Nix hat sich dabei nicht an Dustin Hoffman orientiert, der für diese Rolle im Film von 1988 den Oscar bekommen hatte. Die Theaterbühne braucht die etwas größere Gestik, den etwas grelleren Anstrich – aber das passt. Auch Rupp gelingt es glaubhaft, sich in den zwei Stunden vom scheinbar empathielosen Egozentriker zum Fast-schon-Menschenfreund zu entwickeln, zumindest kommt er seinem Bruder, dem „Rain Man“ seiner Kindheit, näher, dabei spielt auch ein Beatles-Song eine Rolle. Charlie wusste nicht, dass Raymond nach dem Tod der Mutter ins Heim kam – als Charlie drei war. An dieser Stelle steht fett „Hollywood“ über dem Plot – der Bühnenfassung schadet es nicht wirklich. Am Ende gibt’s Standing Ovations, langen Applaus fürs  Ensemble – und Extra-Jubel für Nix und Rupp. Gut möglich, dass nach dieser Premiere die Karten für weitere Termine knapp werden könnten.

Weitere Termine: 5. und 22. Oktober., 10. und 17. November., 20. Dezember, 11. Januar, 5. Februar
Karten gibt es auf  www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.