Premiere von Carmen/Bolero: Gelungenes Tanzballett ohne viel Schnickschnack

Vier weitere Termine : Premiere von Carmen/Bolero: Gelungenes Tanzballett ohne viel Schnickschnack

Im Theater Trier hatte Roberto Scafatis eindrucksvolle Choreographie Carmen/Bolero Premiere. Im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Theater wird die Geschichte der selbstbewussten feurigen Spanierin erzählt, die den Männern den Kopf verdreht.

Schon das Eingangsbild ist so gewaltig wie eindeutig. Unter der riesigen Sanduhr, die wie ein  mahnendes Zeichen über der Bühne hängt, sitzt der Tod und lässt sich wohlig von der Zeit berieseln, seiner getreuen Gehilfin in Sachen Vergänglichkeit. Als roter Sand bedeckt die Zeit auch den Bühnenboden. In ihrem Rund ist gefangen, was lebt – auch Carmen, ihre Freunde und Feinde, ihre Liebe und ihre Leidenschaften.

Dazu erklingt Arvo Pärts Komposition „Fratres“  mit ihren ernsten entrückten Streichern und dem Schlagzeug, in dem der Puls der Zeit klopft und der Tod an die Tür pocht. Carmen/Bolero heißt die neue Choreographie, die Roberto Scafati als Spielzeiteröffnung für die Tanzsparte des Trierer Theaters geschaffen hat. Um es gleich zu sagen: Es ist eine hervorragende Arbeit geworden, seit seinem Antritt als Ballett-Chef. Als Handlung steht im Zentrum die bekannte Carmen-Tragödie, von der selbstbewussten feurigen Spanierin, die den – heute würde man sagen wenig impulskontrollierten – Männern, ob Sergeant oder Torero,  den Kopf verdreht. Was am Ende zu Mord und Totschlag führt. Seiner Choreographie hat Scafati als Musik die Carmen-Suite von Rodion Schtschedrin zugrunde gelegt, die er mit der oben genannten Komposition von Pärt sowie Maurice Ravels „Bolero“ kombiniert.

Der Choreograph verzichtet nicht nur im eindrücklichen, sich auf wenige Zeichen beschränkende Bühnenbild und im Kostümbild (Ausstattung Marianne Hollenstein) auf jeden folkloristischen Schnickschnack. Stattdessen hat er aus der Handlung ihre menschliche Substanz destilliert und sie als Totentanz inszeniert, in dem sich bewegend Leben und Tod sinfonisch verdichten. Das Licht deutet darin die Stimmung. Einmal mehr zeigt sich die Musikalität des Ballettchefs und seine Fähigkeit, unmittelbar aus der Musik Bewegung abzuleiten und  Klang in Bewegungssprache zu übersetzen.

Das gelingt ihm gleichermaßen für die feinen Melodienlinien wie die großen Klangflächen. Gekonnt geht Scafati mit dem Raum um, den die Tänzer dynamisch in ihren Soli und Gruppenbildern greifen. Beredt und mit Präzision veräußern sie dabei Energien und Temperamente der Musik. „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“ – die alte Kirchenliedzeile klingt in dieser Carmen Choreographie mit, in der das Wissen um die ewige  Gegenwart des Todes (nicht ohne Grund heißt er hier L’Eterno, der Ewige) etwas Leichtes, Selbstverständliches  bekommt, ein Schicksal, das jedermann ereilt. Überhaupt besteht Scafatis Bühnenpersonal aus lauter Jedermanns in ihrem Alltagsgrau, einzig Carmen, an der sich alles entzündet,  trägt ein feuerrotes Kleid. Jedermanns sind diese Leute auch mit ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht, ihrer Eifersucht, ihren Konkurrenzkämpfen und ihrem unkontrollierten Zorn.

Gleichwohl ist Scafati kein  Pessimist, kein düsterer nihilistischer Existenzialist. Sein Tod ist Freund und, wie zum Ende  der sich himmelwärts windende Bolero signalisiert, ein Befreier. Da wird es dann mit dem sich hebenden und senkenden Licht eine Spur pathetisch. Unter den engagierten Tänzern ist allen voran Giorgio Strano als Tod  im alltäglichen Straßenanzug zu nennen. Der zierliche Italiener, der sich windet und verwindet, geschmeidig springt und bis in die Fingerspitzen gestisches wie musikalisches Gefühl verströmt, erweckt in seinen Soli eindrucksvoll die abstrakte Zeichensprache des Balletts zu pulsierendem Leben.

Als Carmen ist Vittoria Carpegna eine ebenso emanzipierte wie leidenschaftliche junge Frau, der gegenüber Giulia Pizzuto als brave treu sorgende Micaëla auf verlorenem Posten steht. Zwei eifersüchtige  rivalisierende Streithähne: Don José (Leonardi Germani) und Escamillo (Damian Nazabal). Unter Wouter Padbergs einfühlsamen konturiertem Dirigat  ist das Philharmonische Orchester mit seinem farbig feinen Spiel, seiner Dynamik und  rhythmischen Prägnanz dem Bühnengeschehen ein kongenialer Partner. Tosender Beifall und Standing Ovations im fast bis auf den letzten Platz besetzten Haus.

Die nächsten Termine von Carmen/Bolero: 19. Oktober, 22. Oktober, 17. und 30. Dezember, jeweils um 19:30 Uhr im Theater Trier

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