Premiere von La Périchole im Theater Trier: Lima außer Rand und Band

Rezension : Premiere von La Périchole im Theater Trier: Lima außer Rand und Band

Andreas Rosar inszeniert Jacques Offenbachs „La Périchole“ im Theater Trier – und lässt dem Wahnwitz freien Lauf.

„Blühender Blödsinn“ heißt ein Film der legendären Marx Brothers, in dem es, nun ja, wirklich um blühenden Blödsinn geht. Der deutsche Titel führt den Zuschauer jedenfalls nicht in die Irre. Anders dagegen liegt der Fall bei Jacques Offenbachs Operette „La Périchole“.

Auch hier treibt der Blödsinn üppige Blüten, aber das merkt man erst, wenn man mitten drin sitzt im Geschehen. Die Geschichte der titelgebenden Straßensängerin, die auf Befehl des peruanischen Vizekönigs im Vollrausch mit ihrem ebenfalls volltrunkenen Kollegen und Freund Piquillo zwangsverheiratet wird, damit seine Halbmajestät, an dessen Hof sich nur verheiratete Mätressen aufhalten dürfen, die junge Dame nach Lust und Laune aufs semiroyale Laken legen kann, ist von einer geradezu übergeschnappten Albernheit, gegen die eine Aufführung der Augsburger Puppenkiste wie tiefgründigste Dramenkost wirkt.

Was macht man mit so einer Vorlage? Man haut noch mal kräftig drauf, um den Irrwitz ins Gigantische zu steigern. Das hat jedenfalls Regisseur Andreas Rosar getan, der die selten gespielte „opéra bouffe“ im Großen Haus des Theater Triers inszeniert hat – als farbenexplosiven Bilderbogen mit schrillen Kostümen zwischen Kölner Karneval und Inka-Kult (Carola Vollath hat in die Vollen gegriffen beim Einkleiden von Solisten, Chor und Statisten).

Fabian Lüdecke hat für den Dreiakter ein Bühnenbild entworfen, in dem die Erde ein Zylinder in Gestalt einer gigantischen Martinsfackel ist, in deren Mitte das Bett steht, in dem im Laufe des Abends alle mal liegen dürfen. Im Übrigen trägt er mit ausufernder  Verwendung von Plastikfolien in zahlreichen Varianten nicht gerade zur Rettung der Weltmeere bei.

So was kann man nur auf die Beine stellen, wenn sämtliche Beteiligten sich kopfüber und vorbehaltlos in den Kokolores stürzen. Und das tun sie tatsächlich – angefangen von Derek Rue und Matthias Bein als volltrunkene Notare, die die Ehe beglaubigen, bis zu Carl Rumstadt, dem als Vizekönig Don Andrès keine Kapriole und kein Gag zu peinlich sind, um sie nicht genüsslich auszukosten. Und zwischendurch darf er mit seinem volltönenden Bariton beweisen, dass er eigentlich ein seriöser Sänger ist.

Was natürlich auch für Janja Vuletic als Périchole und Blaise Rantoanina als Piquillo gilt, selbst wenn sie die meiste Zeit wie ausgelassene Commedia-dell’arte-Figuren über die Bühne fegen. Vuletic gibt ihre Straßensängerin als schlagfertige, gewiefte, abgeklärte Person, manchmal genervt von ihrem Lover, dem sie allerdings doch in wahrer Liebe zugetan ist, wie sich beim rosaroten Happyend erweist.

Frisch aus der Papiertonne gekrochen, in denen sie auf den Straßen Limas zu übernachten pflegen, müssen sie sich allerdings erst warmsingen, um gegen die Musiker anzukommen, insbesondere wenn Dirigent Wouter Padberg das Philharmonische Orchester zu voller Lautstärke aufdreht.

Vor allem Rantoanina hat mit seinem weichen, geschmeidigen und warmen Tenor mitunter Schwierigkeiten, sich gegen den Orchestergraben durchzusetzen. Seinen Piquillo gibt er als eine Art peruanischen Candide, dessen Welt vielleicht nicht die allerbeste ist, in der er sich aber selbstgenügsam eingerichtet hat. Dass im Trierer Opernchor (Leitung: Martin Folz) beachtliche solistische Talente nicht nur schlummern, beweisen Sotiria Giannoudi, Ellie Yoon und Noriko Kaneko als die drei Cousinen, die ein halbseidenes Etablissement mit ebensolchen Gästen betreiben, sowie Fernando Gelaf als Graf Miguel.

Er und Karsten Schröder (Don Pedro de Hinoyosa) geben nicht nur des Vizekönigs willige Vasallen, sondern können sich auch als comedy-erprobte Conférenciers profilieren. Dimetrio-Giovanni Rupp schließlich beweist als Eingekerkerter – warum er seit zwölf Jahren im Verlies schmachtet, haben er und alle anderen längst vergessen – ein beachtliches Talent für marx-brüderlichen Klamauk.

Er ist zwar der Einzige, der an diesem Abend nicht singen darf; dafür greift er ein paar Mal mit Hilfe seines Fagotts nachhaltig ins Geschehen ein.

Der Monty-Python-hafte Abend hat allerdings auch ein paar Ecken und Kanten, die Regisseur Rosar quasi wie nebenbei einbaut. Da gibt es die gesellschaftliche Kluft zwischen den oberen paar Prozent, die auf Deutsch singen und parlieren, und deren untere Mehrheit, die französisch  unterwegs ist (Untertitel inklusive). Und mitten in der Narretei tauchen immer wieder uniformierte Menschen mit Maschinenpistolen auf (auch Périchole beweist Geschicklichkeit im Umgang mit den Mordwaffen), wie man sie derzeit in den Nachrichten aus Südamerika häufiger sehen kann, und in des Vizekönigs Palast schleichen schwarzgekleidete, weißgeschminkte Lemuren mit knallroten Lippen durch die Gänge, allesamt zweibeinige Abhör-Wanzen, bereit, jeden, der nicht Seiner Majestät huldigt, sofort zu denunzieren.

Wouter Padberg lässt die Partitur frisch, schwungvoll und sehr offenbachiadisch erklingen (die Musik sei fast zu schade für eine solche Handlung, bemerkte eine Besucherin in der Pause) und hat durchaus das Zeug zu Ohrwürmern, wie der Kölner in Frankreich sie für seinen „Orpheus“ oder „Hoffmanns Erzählungen“ geschrieben hat.

Zum Schluss noch ein Wort zu den Papageien, die quasi leitmotivisch den Abend begleiten. María Micaela Villegas y Hurtado de Mendoza, peruanische Schauspielerin und reales Vorbild für La Périchole, hatte einen Papagei mit in den Palast gebracht, den sie gern ans offene Fenster stellte, damit er die Zoten und Schlüpfrigkeiten, die sie ihren Vogel gelehrt hatte, zum Entsetzen der Passanten auf die Straße hinaus krächzte. Die Gefängniszelle, in der Piquillo den dritten Akt verbringen muss, ist übrigens ein überdimensionierter Vogelkäfig. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Das am Ende ziemlich gutgelaunte Publikum dankte allen Beteiligten mit herzlichem Applaus.

Die nächsten Vorstellungen:
18. und 31. Dezember; 7. Januar,
und 14. Februar, Karten: 0651/718-1818  

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