Prunkstücke in D-Dur

Trier · In der Pfarrkirche Trier-Heiligkreuz hat sich ein Festglanz sondergleichen verbreitet. Der Trierer Konzertchor, Instrumentalisten der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken, ein Solistenquartett und Dirigent Jochen Schaaf sorgten mit Bach für brillante Weihnachten. Im Trompetenjubel gingen allerdings etliche Zwischentöne verloren.

Prunkstücke in D-Dur
Foto: Martin Möller (mö) ("TV-Upload M?ller"

Trier. Die Musiker des Abends saßen ziemlich unauffällig hinten im Orchester. Aber als Griseldis Lichdi von den Trierer Philharmonikern und ihre Kollegen in Bachs Weihnachtsoratorium die Trompeten ansetzten, verbreitete sich eine Brillanz sondergleichen im mit etwa 600 Zuhörern besetzten Kirchenraum der Pfarrkirche Heiligkreuz, ein fürstliches Vergnügen an Christi Geburt.
Dirigent Jochen Schaaf hatte aus den sechs Kantaten des Bach'schen Oratoriums überdies die Kantaten eins, drei und sechs ausgesucht - alle mit großen Trompeten-/Paukenpartien und im glanzvollen D-Dur. Er und die Mitglieder der Deutschen Radiophilharmonie spielten dazu die Orchestersuite Nr. 3, auch die in D-Dur und mit Trompeten und Pauken, aber auch mit der berühmten Air.
Für Feststimmung war also gesorgt. Die Arie der ersten Kantate mit Lichdis makelloser Trompete und dem schlanken und zugleich markanten Tobias Scharfenberger - ein Glanzstück. Und der Konzertchor: Trotz der unnötig gewaltsamen Tenor-Einsätze steht da ein Klangkörper auf dem Podium, der Präsenz und Sprachdeutlichkeit mit Klangkultur verbindet. Dirigent Schaaf praktiziert vom ersten markanten Paukensolo an einen energischen, einen straffen Bach-Interpretationsstil. Die Kantaten des Weihnachtsoratoriums wurden zu barocken Prunkstücken, eine Musik wie Balthasar Neumanns Kirchenräume - hoch, hell, beeindruckend in ihrer überreichen Ornamentik.
Freilich: Der Festglanz übertönte Details, die nachdenklich machen können. Ja, der Konzertchor hält sich bestens gegen das volle Orchester. Aber wenn Bach die Tonart verlässt und die Trompeten aussetzen, dann trübt sich die Intonation gerade da ein, wo sie sich bewähren müsste. Das Saarbrücker Orchester (mit Trierer Unterstützung) beschränkte sich dabei auf solide Professionalität, immerhin mit einem akustisch schmalen, aber sensiblen Violinsolo (Xiangzi Caso) in Kantate Nummer drei.
Wenig Ruhepunkte


Generell dominierte im Konzert eine eigentümliche Nervosität. Schaafs Dirigat lief auf weite Strecken ohne Ruhepunkte ab, war dabei in der Zeichengebung nicht immer deutlich genug. So schlichen sich auch im Orchester und bei den Solisten Unklarheiten ein. Im allzu forsch angegangenen Duett von Kantate drei hatten die klangvolle, aber in der Tongebung noch wenig ausgeglichene Sopranistin Maraile Lichdi und Tobias Scharfenberger erhebliche Schwierigkeiten, zueinander zu finden - warum nur wurden sie nicht nebeneinander platziert? Und vielleicht hätte auch Marcus-Ullmann, der in der Tenor-Arie der sechsten Kantate zunehmend unter technischen Höhenproblemen litt, ein entspannteres Dirigat gut getan. Ganz andere Aspekte stellten sich beim Altus Fritz Spengler ein. Der bewältigte die Alt-Arien brillant, freilich auch sehr neutral. Aber gerade Spenglers kühle Perfektion steht exemplarisch für ein Kernproblem dieser Aufführung: Die Auswahl der Kantaten, die Konzentration auf D-Dur und die Trompeten- und Paukenbesetzung mögen musikalisch sinnvoll sein - theologisch bleiben sie zweifelhaft. Anders als bei einer Beschränkung auf die Kantaten eins bis drei zerstückelt diese Auswahl die zentrale Weihnachtsgeschichte in unzusammenhängende Abschnitte. Die akustische Brillanz rangierte höher als der geistliche Gehalt.
Jochen Schaafs überzogen straffes Dirigat tat dazu ein Übriges. Was Bach so eindringlich mitkomponiert hat, ging unter: Das Erstaunen über die Wunder der Christnacht, die Innigkeit im Wiegenlied Marias, die untergründige Beziehung zur Passion - immerhin erscheint die Melodie zu "O Haupt voll Blut und Wunden" zweimal im Weihnachtsoratorium. Vielleicht tut gerade bei geistlicher Konzertmusik echte Besinnung not.