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Publikum bejubelt progressives Regiekonzept des Erfolgsmusicals „Jesus Christ Superstar“ im Trierer Walzwerk

FOTO: Vincenzo Laera
Trier. Es ist ein Vabanquespiel. Das Theater Trier geht großes Risiko ein mit Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“: Es lässt einen Jungregisseur ans Steuer und inszeniert das Kultmusical mit den Medien von heute im Walzwerk, mit all den bekannten akustischen Unzulänglichkeiten, jedoch mit Darstellern, die das Publikum von den Sitzen reißen. Mechthild Schneiders

Ruhm hat seinen Preis. Keinen Moment ist Jesus Christ, der Superstar am Pophimmel, alleine. Wie Fliegen umschwirren ihn Show-Crew, Techniker, Filmleute. Der neue Song "What's the buzz?" - gleich ein Hit. Der Hype geht weiter, nimmt immer groteskere Züge an. Die Fans belagern den Star, live und virtuell via Twitter. Die Kameras und Simon (Tobias Bieri) sind immer dabei. Im Studio, Backstage, verfolgen ihn bis ins Bett. Das Leben - eine Reality-Show.

Der Plot ist aus dem Jahr 2016, doch Andrew Lloyd Webbers und Tim Rices Kultmusical "Jesus Christ Superstar" von 1971 hat an Intensität eher noch gewonnen durch die Inszenierung von Martin G. Berger, dem Preisträger des Trierer Musical Awards. Der 28-Jährige befreit die Story von historischem Staub, jeglicher Mystik und führt sie auf den Kern zurück: das Phänomen der Massenhysterie.

Dazu bedient er sich technischer Kniffe: eine Doppelbühne - da lohnt es, sich das Stück noch einmal von der anderen Seite anzusehen -, die via Videotechnik und Großleinwand in Verbindung treten, Kameras, die jede Bewegung, jede Regung der Protagonisten aufzeichnen - was aber auch etwas vom Geschehen auf den Bühnen ablenkt. Die Nahaufnahmen lassen Bilder entstehen, die im Theater unmöglich erscheinen. Das erfordert von den Darstellern, ihren Gefühlszustand mimisch preiszugeben: zweifelnd der Jesus, zerrissenen der Judas, schwankend die Maria, spöttisch der Herodes (Carin Filipcic). Auch Opern- und Extrachor spielen mit, sind mal Fans, mal Crew, mal Kollegen. Dazu die Tänzer vom The People United Project (Choreographie Yvonne Braschke).

Und einer steht im Mittelpunkt: David-Michael Johnson (DMJ) schreitet mit erhobenem Kopf über die Bühne, ganz der Star, mehr Messias der heutigen Konsumgesellschaft als Gottessohn, der auf Knopfdruck funktioniert: Er flirtet mit der Kamera, tanzt und singt auf Befehl. Und das überaus überzeugend. Ebenso stimmgewaltig: Sasha Di Capri als Judas, der zwar den Aufstand predigt, den Freund letztlich aber verrät. Wundervoll gefühlvoll und mit massig Power in der Stimme: Sidonie Smith als Maria Magdalena. Sie haucht ihrem "I don't know how to love him" mächtig Soul ein, was die 650 Zuhörer im ausverkauften Walzwerk ebenso mit tosendem Applaus belohnen wie die gesamte Vorstellung.

Den Ton haben die Techniker im Griff. Die erstklassig aufspielende Band (Marco Lehnertz, Christoph Haupers, Jörg Bracht, Stefan Schoch, Peter Kasper) unter der Leitung von Dean Wilmington kommt klar rüber. Kein Hall stört den Gesang. Der Preis: Die Stimmen wirken fast wie vom Band; da geht ein Stück Liveerlebnis verloren. Die Bühnen (Sarah-Katharina Karl) zeigen den Backstage- beziehungsweise Showbereich. Der froschgrüne Hintergrund ermöglicht es - wie in einem Filmstudio - , Videos einzublenden, mal einen Strand für die Show, mal Szenen aus den glücklichen Zeiten der Freunde Jesus und Judas.

Die Hohepriester sind bei Berger Manager, die für Erfolg über Leichen gehen. Immer beherrscht in maßgeschneiderten Anzügen (Kostüme Silke Bornkamp) und mit perfekt harmonierendem Gesang: Kaiphas (Christopher Ryan) und Hannas (Vini Gomes). Ebenso cool und mit ergreifendem Bariton: Norman Stehr als Pilatus, der sich von der Masse unter Druck setzen lässt und ihr den Superstar ausliefert. Der reißt die Trennwände herunter - die Realität holt die Zuschauer ein: Die Show ist vorbei.

Weitere Termine: 5., 7., 8., 12., 14., 15., 16., 18., 19., 20., 21., 22., 23. Juli, jeweils 19.30 Uhr, im Walzwerk Trier-Kürenz. Kartentelefon: 0651/718-1818.