Punkrock für alle

TRIER. Billy Talent gelten als die neuen Helden des Punkrocks. Beim Konzert in Trier spielten die vier Musiker in der seit Wochen ausverkauften Europahalle.

Für die einen ist es Geschrei, für die anderen kraftvoller Ausdruck der Rebellion gegen eine Alles-geht-Gesellschaft, in der die tätowierten Eltern Piercings tragen und in den 80ern zu The Clash gekifft haben. Fest steht: Die Stimme von Benjamin Kowalewicz macht die Musik von Billy Talent unverwechselbar. Er klingt, als habe er einen tiefen Zug aus der Helium-Gasflasche genommen und immer singt er am oberen Limit seines Lungenvolumens und seiner Kraft. In guten Liedphasen entsteht dadurch eine starke Emotionalität, in schlechten stechen die spitzen Schreie in den Ohren und scheinen völlig frei von Gefühl zu sein. Ihren Namen tragen die vier Jungs trotzdem nicht zu Unrecht. Die Gitarre ist schnell und die Riffs teilweise opulent, der Bass kommt durch und bringt Drive - auch wenn die glatten Rhythmen nicht immer bis zur Seele vordringen. Die runden Bewegungen von Schlagzeuger Aaron Solowoniuk haben nichts von aggressivem Draufhauen, sondern wirken harmonisch: Hätte man nur den optischen Eindruck in Zeitlupe - abzüglich der verschwitzten Haare vielleicht - könnte man meinen, Solowoniuk spiele Swing statt High-Speed-Punkrock. Die Kanadier verstehen ihr Handwerk. Es war kein dummer Schachzug, sich auf dem kanadischen Musikfestival, zu dem alle vier ursprünglich mit ihren eigenen Bands angereist sind, flugs zusammenzutun, um fortan gemeinsame Wege zu gehen. Und sie verstehen es, die Kids vom ersten Griff in die Gitarre an mitzunehmen. Wie ein einziges, amorphes, schwitzendes Wesen springt die Masse im Takt und wogt von hinten nach vorne. Ein bisschen zu lieb, nur manchmal genial

Schon beim dritten Lied ist der Sänger halb nackt. Kowalewicz rollt beim Schreisingen seinen Kopf, als sitze zwischen seinen Halswirbeln ein Kugelgelenk. In den Pausen sagt der Punkrocker nette Dinge: Was für eine schöne Stadt Trier sein, dass man beim Tanzen aufeinander aufpassen und Respekt für alle haben soll. Wie sehr er Frauen schätze, schickt er beinahe entschuldigend dem Lied "The Ex" voraus. Dann folgen nicht etwa beschimpfende oder wütende Verse. Dass das Herz schwarz und der Himmel grau wurde, ist der härteste Vorwurf an die Verflossene. Für echten Punkrock ein bisschen zu lieb, auch, weil die Mama beim Spülen die eingängige Melodie locker mitsummen könnte, wenn der Sohnemann in seinem Zimmer den Rebellen gibt. Doch es gibt auch geniale Momente: Bei "Red Flag" wechselt der schnelle, drängende Part mit einem sehr intensiven emotionalen Zwischenteil. Dabei entsteht tief im Magen das, worauf man bei einem Rock-Konzert hofft: Eine brodelnde Melange aus Wut, Unabhängigkeit und Auflehnung, die nur durch Tanzen abgekühlt werden kann.