Rammstein spielen in Luxemburg mit dem Feuer

Rammstein in Luxemburg : Die Meister der blutigen Märchen

Liebe, Hass, Sex, Gewalt und Tod: Rammstein spielt in Luxemburg vor 18 000 rasenden Fans mit dem Feuer.

„Deutschland, mein Herz in Flammen. Will dich lieben und verdammen.“ Der Song „Deutschland“ stammt vom neuen Rammstein-Album und kann leicht, sogar sehr leicht, in die falsche Richtung führen, wenn der Zuhörer in seiner Interpretation nur an der Oberfläche bleibt oder die Nummer einfach missverstehen will. „Überraschen, überfallen. Deutschland, Deutschland über allen.“ Über allen, nicht über alles.

Geht das jetzt endgültig zu weit? Die sechs Musiker spielen hier mal wieder mit dem Feuer, thematisch und tatsächlich. Eine brutale Form der Provokation, die typisch ist für Rammstein und zurückreicht bis zum Bandnamen. Sie haben sich nicht nur nach der Tragödie auf der Ramstein Air Force Base im August 1988 benannt, nein, sie haben den Namen des Ortes auch noch falsch geschrieben.

Doch der Blick ins Publikum am Samstagabend im luxemburgischen Roeser lässt aufatmen. Die Leute singen mit und nehmen die Inszenierung auf der Bühne als das, was sie ist. Großartig gemachtes Theater. Hier geht es um Unterhaltung. Provokation ist ein Teil davon. Im Gegensatz zum „Deutschlan­d“-Video, das wesentlich härtere Bilder zeigt, verwandeln sich die Musiker auf der Bühne in leuchtende Computerstrichmännchen, die mit elektronisch verfremdeten Stimmen singen.

Die nach Angaben des Veranstalters größte Show, die man in Luxemburg jemals auf die Beine gestellt hat und die dennoch die kleinste der Rammstein-Europatour ist, wird zu einer mehr als zweistündigen wilden Mischung aus alten und neuen Rammstein-Songs. Schnell, laut und brachial fallen Till Lindemann, Richard Kruspe, Christian Lorenz und Co. über ihr Publikum her und erzählen den Fans böse und blutige Märchen von Liebe, Hass, Sex, Gewalt und Tod.

Die Vorfreude ist enorm. Viele Fans warten seit Stunden auf den Beginn der Show. Foto: TV/Mandy Radics

Der Bass wummert so stark, dass die Vibrationen im gesamten Körper zu spüren sind. Der schwere, wie mit einem Hammer gemeißelte Beat geht in die Beine und kann natürlich problemlos auch als Marschrhythmus empfunden werden. Wieder eine Provokation, die Rammstein im Song „Links, zwei, drei, vier“ bewusst auffängt.

Die Bühne sieht aus wie eine riesige Abschussrampe oder ein Gebäude aus Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis. Es kracht, blitzt und donnert im Minutentakt, immer wieder schicken die Feuerstöße von der Bühne heiße Luftschwaden durchs Publikum, so dass einige vorsichtig ertasten, ob ihre Augenbrauen noch da sind.

Sänger Till Lindemann ist in großartiger Form. Der Sound trägt seine Stimme bis in die hintersten Reihen und lässt ihn so von bösen Taten künden. „Ich beiß der Puppe den Kopf ab“, schreit er beim Song „Puppe“, während ein riesiger Kinderwagen auf der Bühne steht. Die Puppe, die dort reinpasst, dürfte ein Stoff für Alpträume sein. Für „Mein Teil“ packt Lindemann im Metzgerdress den Flammenwerfer aus und röstet Keyboarder Christian Lorenz in einem großen Kochtopf. Schwarzer Konfettiregen aus Kanonen deckt das Gelände wie Asche zu. Die Fans rasen vor Freude. Theater eben.

Es ist sehr schade, dass die Band und das Management auf Leinwände fast komplett verzichten. So bleiben Nahansichten, die Kostüme, Lindemanns Mimik und Körpersprache und alle kleinen Details der Bühnenshow denen vorbehalten, die sich weit genug nach vorne durchgekämpft haben. Erst im zweiten Teil der Show laufen ein paar Projektionen ab.

Es gibt, man wird es kaum glauben, auch ruhige Momente. Die Musiker versammeln sich auf einer Plattform inmitten ihres Publikums und singen leise und geradezu vorsichtig „Engel“, bevor sie sich mit einem Schlauchboot über die Fans hinweg zurück zur Bühne tragen lassen. Am Schluss folgen die Klassiker „Sonne“, „Du hast“ und „Rammstein“ und ganz zum Schluss schließlich „Ich will“. Luxemburg rastet aus.

Als dann am Ende die Bühne dunkel wird, sieht man es vielen deutlich an: Das war ein Erlebnis, das länger bleibt.

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