| 20:35 Uhr

Rasante Reise ins Erwachsenwerden

Spiel mit Bild und Stimme: Marvin Rehbock (Maik, links) mimt den Lehrer, der der Klasse den neuen Schüler Tschick (Daniel Kröhnert) vorstellt. Foto: Marco Piecuch
Spiel mit Bild und Stimme: Marvin Rehbock (Maik, links) mimt den Lehrer, der der Klasse den neuen Schüler Tschick (Daniel Kröhnert) vorstellt. Foto: Marco Piecuch
Trier. Beifallsrufe und minutenlanger Applaus: Die Premiere des Jugendstücks "Tschick" ist beim überwiegend erwachsenen Publikum im ausverkauften Studio des Theaters Trier hervorragend angekommen. Neuling Marvin Rehbock und Daniel Kröhnert überzeugen mit temporeichem und emotionsgeladenem Spiel. Mechthild Schneiders

Trier. Die Augen weit aufgerissen bewegt sich Daniel Kröhnert ganz langsam. Jede Silbe lang ziehend sagt er leise "Brems!". Parallel dazu erzählt Marvin Rehbock, was ihm durch den Kopf geht - in den vermeintlich letzten Sekunden seines Lebens - in ruhigem Ton, wie in Trance. "B r e e e m s!", sagt Kröhnert erneut - dann bleiben beide starr stehen, bevor sie zeitgleich umkippen.
Zeitlupe im Film ist eine einfache Kiste. Regisseur Alexander Ourth ist es im Stück "Tschick" jedoch gelungen, die irrsinnige Geschwindigkeit eines Autocrashs auf der Bühne einzufrieren; angstvollen Schreien durch Flüstern Eindringlichkeit zu verleihen. Ein krasser Kontrast zum restlichen Spiel, das von der ersten Minute an Fahrt aufnimmt.
"Tschick" basiert auf dem Bestsellerroman von Wolfgang Herrndorf. Es beschreibt die Freundschaft zweier 14-Jähriger: Maik (Marvin Rehbock in seiner ersten Rolle in Trier), ein Junge aus gutem Hause, und Andrej Tschichatschow alias Tschick (Kröhnert), einem Russlanddeutschen, die eines gemeinsam haben: Sie sind auf sich gestellt.
65 Zuschauer im ausverkauften Studio erleben, wie die Jungs, die sich erst ablehnend gegenüberstehen, in einem geklauten Auto - die Fahrerkabine ist in den Boden eingelassen - auf Tour gehen und Freundschaft, Vertrauen und Liebe kennenlernen.
Trotz aller Tragik: Das Stück ist unterhaltsam, über weite Strecken amüsant. Der Humor entspringt keinem Klamauk, sondern dem Grotesken der Situation, der Ernsthaftigkeit der Akteure, denen es über weite Strecken gelingt, sich in das Gefühl hineinzuversetzen, 14 Jahre alt zu sein. Bei manch jugendlicher Logik geht es den Zuschauern wie Eltern, die sich jedoch das Lachen verkneifen müssen. Das Publikum lacht laut, ist in anderen Momenten betroffen. Etwa, wenn Maik von seinem Vater verprügelt wird. Rehbock springt auf, von einem imaginären Tritt getroffen, fällt zu Boden, krümmt sich, zuckt.
Wie vor Energie übersprudelnde Kinder sprinten Rehbock und Kröhnert über die Bühne. Schnelle Szenenwechsel verleihen dem Stück Tempo. Dazu tragen auch die Videos bei, die Ourth auf die Kulissen projiziert: Farben, Felder, Städte, Landschaften. Gemeinsam mit dem Bühnenbild (Mike Grünwald) - zwei Würfel, eine flache Kiste - entwickeln sie ein Eigenleben, sind mal Bank, mal Berg, bilden Personen. Dafür stapeln Kröhnert und Rehbock die Würfel aufeinander, auf die passgenau ein Bild von Maiks Schwarm Tatjana sowie die Körper des Lehrers und der Krankenschwester geworfen wird, stellen sich dahinter und bewegen sich synchron zum Video.
Nicht die einzigen Rollen, die Kröhnert und Rehbock übernehmen. Eine dunkle Lockenperücke als Handpuppe markiert Isa, das Mädchen von der Müllkippe, dem Rehbock eine piepsige Stimme leiht. Für die beleibte Retterin der Jungs schlüpfen beide in eine Jacke und sprechen synchron. Maiks Eltern spielt Kröhnert - die Mutter mit blonder Perücke, den Vater ohne Maskerade, alleine durch eine andere Gestik und Stimmlage. Geschenkt, dass er dabei einmal den russischen Akzent des Tschick kaum abgelegt bekommt. Spielt er doch nicht nur viele Rollen, sondern übernimmt - im Wechsel mit Rehbock - den Erzählerpart. Nicht nur schauspielerisch verlangt Ourth seinen Akteuren alles ab, auch körperlich vollbringen sie Höchstleistungen, die das Publikum mit lautem Beifall belohnt.
Weitere Vorstellungen: 2., 9., 18. Oktober, 20 Uhr (ausverkauft), 3., 4., 6., 20. November, 9., 15. Dezember, 18 Uhr, 19. Dezember, 20 Uhr, im Studio.